Stand­punkt Harald Mayer: Sperr­stund is

10.11.2019 | Aktuelles aus der ÖÄK

© Gregor Zeitler

Es ist längst fünf nach zwölf. Im öster­rei­chi­schen Spi­tals­we­sen hakt es an meh­re­ren Ecken. Ein­mal mehr haben Ärz­tin­nen und Ärzte in einer Online-Umfrage den stei­gen­den Zeit­druck, mehr Ambu­lanz­fälle und knappe Per­so­nal­res­sour­cen als gra­vie­rende Pro­bleme im Arbeits­all­tag beklagt. Für viele ist die Arbeit im Kran­ken­haus in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren unan­ge­neh­mer gewor­den. Wir haben in den Spi­tä­lern zu wenig Per­so­nal, zu lange War­te­zei­ten für die Pati­en­ten und eine unzu­mut­bare Arbeits­ver­dich­tung. Beson­ders Ambu­lan­zen müs­sen end­lich ent­las­tet wer­den, um sich wie­der auf ihre Kern­auf­gabe kon­zen­trie­ren zu kön­nen. Haus­ärzte soll­ten erste Anlauf­stelle für Pati­en­ten sein und Doku­men­ta­ti­ons­as­sis­ten­ten in allen Kran­ken­häu­sern rund um die Uhr ein­ge­setzt wer­den, um die Ärz­te­schaft zu unter­stüt­zen. Die aktu­elle Situa­tion ist nicht akzep­ta­bel. Mitt­ler­weile sind Spi­tals­ärzte auch zuneh­mend Gewalt aus­ge­setzt. Wenn bereits 71 Pro­zent ver­bale Gewalt und 25 Pro­zent phy­si­sche Gewalt erle­ben und sechs Pro­zent mit einer Waffe bedroht wur­den, dann ist Gefahr in Ver­zug. Spi­tals­trä­ger müs­sen ein siche­res Arbeits­um­feld schaf­fen und Sicher­heits­kon­zepte rasch umset­zen, wenn nötig mit Sicherheitsschleusen.

Ohne aus­rei­chen­des Per­so­nal und bes­sere Arbeits­be­din­gun­gen ris­kie­ren wir einen Exo­dus. Wir leis­ten uns Stu­die­rende, die hier­zu­lande gar nicht arbei­ten wol­len, weil sie eine bes­sere Aus­bil­dung im Aus­land erhal­ten. Die Schwei­zer Kol­le­gen wer­den nicht müde zu beto­nen, wie gern sie Medi­zi­ner aus Öster­reich mit offe­nen Armen emp­fan­gen. Absurde Ideen wie eine Ver­dopp­lung der Stu­di­en­plätze sind nicht das Ei des Kolum­bus. Die Qua­li­tät der Arzt­aus­bil­dung ist ent­schei­dend für die medi­zi­ni­sche Zukunft und eine Ver­pflich­tung gegen­über unse­ren Pati­en­ten. Ein­zelne Abtei­lun­gen schnei­den in der Aus­bil­dungs­eva­lu­ie­rung mit 1,0 aus­ge­zeich­net ab, andere wie­derum blei­ben im Durch­schnitt oder sind gar ver­bes­se­rungs­wür­dig. Jene, die beson­ders gut eva­lu­iert wur­den, zeich­nen sich dadurch aus, dass ihre Jung­ärzte viel Pra­xis, Fort­bil­dun­gen und Feed­backs erhal­ten und sie rasch selbst­stän­dig unter Super­vi­sion arbei­ten. Ziel muss es sein, dass diese hoch­wer­tige Aus­bil­dung nicht abtei­lungs­ab­hän­gig bleibt, son­dern flä­chen­de­ckend zum Stan­dard wird. Ärzte in Aus­bil­dung soll­ten über­all selbst­stän­dig arbei­ten kön­nen und wenig Büro­kra­tie erle­di­gen müssen. 

Es geht um die Zukunft. Das aus­ge­zeich­nete Gesund­heits­sys­tem in Öster­reich kann nur auf­recht­erhal­ten wer­den, wenn wir den Nach­wuchs sichern. Wenn nicht bald was gemacht wird, ist es nicht nur fünf nach zwölf, son­dern es ist end­gül­tig Sperrstunde. 

Dr. Harald Mayer
3. Vize-Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 21 /​10.11.2019