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25.06.2018 | The­men


Rund 1,8 Mil­lio­nen Men­schen in Öster­reich lei­den an chro­ni­schen Schmer­zen, was direkte Kos­ten in der Höhe von bis zu 1,8 Mil­li­ar­den Euro ver­ur­sacht. Exper­ten for­dern, dass die moderne mul­ti­modale Schmerz­the­ra­pie Ver­sor­gungs­stan­dard wird.

Die Fol­ge­kos­ten der unzu­rei­chen­den Schmerz­the­ra­pie sind enorm: So betra­gen die jähr­li­chen Kos­ten für Erkran­kun­gen des Mus­­kel- und Bewe­gungs­ap­pa­ra­tes mehr als 5,5 Mil­li­ar­den Euro, die Kran­ken­stands­tage wegen chro­ni­scher Rücken­schmer­zen rund 400 Mil­lio­nen Euro. Die direk­ten Kos­ten infolge einer Schmerz-Chro­­ni­­fi­­zie­­rung schla­gen sich mit 1,4 bis 1,8 Mil­li­ar­den Euro zu Buche. Und die indi­rek­ten Kos­ten bekäme man im Sozi­al­sys­tem prä­sen­tiert, weil „etwa die Hälfte der Pati­en­ten mit chro­ni­schen Rücken­schmer­zen früh­zei­tig in Pen­sion geht“, erklärte Univ. Prof. Rudolf Likar, Lei­ter des Zen­trums für inter­dis­zi­pli­näre Schmerz­the­ra­pie und Pal­lia­tiv­me­di­zin am Kli­ni­kum Kla­gen­furt. Im Rah­men einer Pres­se­kon­fe­renz anläss­lich des 26. Kon­gres­ses der Öster­rei­chi­schen Schmerz­ge­sell­schaft Ende Mai in Wien mach­ten Öster­rei­chi­sche Schmerz­ge­sell­schaft (ÖSG), die Pal­lia­tiv­ge­sell­schaft und die Öster­rei­chi­sche Ärz­te­kam­mer auf die Pro­ble­ma­tik auf­merk­sam. „Der Akutschmerz, der chro­ni­sche Schmerz und die Schmerz­krank­heit benö­ti­gen moderne Behand­lungs­stra­te­gien. Hier hinkt Öster­reich noch immer hin­ten nach“, kon­sta­tierte ÖÄK-Prä­­si­­dent Univ. Prof. Tho­mas Szekeres. 

Likar for­derte, dass „die moderne, mul­ti­modale Schmerz­the­ra­pie auch bei uns Ver­sor­gungs­stan­dard wer­den muss“. Denn von einer flä­chen­de­cken­den, Lei­t­­li­­nien-gerech­­ten Ver­sor­gung aller Schmerz­pa­ti­en­ten sei Öster­reich noch „mei­len­weit ent­fernt“, kri­ti­sierte Likar. Er berich­tete von posi­ti­ven Eva­lu­ie­rungs­er­geb­nis­sen aus dem Kla­gen­fur­ter Schmerz­zen­trum, wonach die kom­bi­nierte Behand­lung deut­lich effek­ti­ver sei als jedes ein­zeln ange­wandte Schmerz­ver­fah­ren. Ins glei­che Horn stößt die Prä­si­den­tin der Öster­rei­chi­schen Schmerz­ge­sell­schaft Gabriele Grögl: „Es fehlt an Netz­wer­ken und Koope­ra­ti­ons­mög­lich­kei­ten zwi­schen All­ge­mein­me­di­zi­nern, Fach­ärz­ten und nicht-ärz­t­­li­chen Berufs­grup­pen. Die Kon­se­quenz: oft wochen­lange War­te­zei­ten für Pati­en­ten nach der Über­wei­sung an Spe­zia­lis­ten.“ Die an der Kran­ken­an­stalt Rudolfstif­tung tätige Anäs­the­sis­tin, die dort die Schmerz­am­bu­lanz lei­tet, übte an einem wei­te­ren Punkt Kri­tik: „Schmerz-medi­­­zi­­ni­­sche Leis­tun­gen schei­nen kaum in den Hono­rar­ka­ta­lo­gen auf und kön­nen daher nicht abge­rech­net wer­den.“ Nicht nur das: So sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren jeden­falls zehn Schmerz­am­bu­lan­zen geschlos­sen wor­den – meist aus Per­so­nal­man­gel. Aktu­ell gibt es in Öster­reich 48 Schmerz-Ambu­lan­­zen, von denen jedoch nur einige täg­lich geöff­net haben. „Die Folge sind mona­te­lange War­te­zei­ten auf einen Erst-Ter­­min“, führte Grögl wei­ter aus; der­zeit sind es rund drei bis vier Monate. Ihre Befürch­tung: dass es in Zukunft eher weni­ger als mehr Schmerz­am­bu­lan­zen geben wird. Als „kata­stro­phal“ bezeich­net die Anäs­the­sis­tin die Ver­sor­gung beim Akutschmerz; eine sol­che Ver­sor­gung exis­tiere nur in den wenigs­ten Krankenhäusern. 

Künf­tig werde sich das Pro­blem noch wei­ter ver­schär­fen: 2030 wird in Öster­reich eine Mil­lion Men­schen über 75 Jahre alt sein, machte Sze­ke­res auf­merk­sam. „Das öster­rei­chi­sche Gesund­heits­sys­tem muss sich auf diese Ent­wick­lung ein­stel­len und die schmerz­me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung deut­lich auf­wer­ten.“ Setze man hier recht­zei­tig an, könn­ten Chro­ni­fi­zie­rung und in der Folge Leid, Arbeits­aus­fälle und Früh­pen­sio­nie­run­gen ver­hin­dert wer­den. Da die Zustän­dig­kei­ten der­zeit „her­um­ge­scho­ben“ wür­den, for­derte Sze­ke­res, dass „die Poli­tik hier gegen­steu­ern“ soll.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 11 /​10.06.2018