Inter­view Univ. Prof. Bern­hard Fel­de­rer: Brei­ten­sport und auch Spitzensport

25.03.2018 | The­men

Für eine Ver­la­ge­rung des Schwer­punkts vom Spit­zen­sport hin zum Brei­ten­sport plä­diert der Prä­si­dent des öster­rei­chi­schen Fis­kal­ra­tes, Univ. Prof. Bern­hard Fel­de­rer. Den Sport ins­ge­samt zu ver­nach­läs­si­gen, sei in mehr­fa­cher Hin­sicht ein schwe­rer Feh­ler, wie er im Gespräch mit Chris­tina Schaar betont.


Was bedeu­ten diese Ergeb­nisse aus volks­wirt­schaft­li­cher Sicht?

Im Gesund­heits­we­sen könn­ten 1,3 Mil­li­ar­den ein­ge­spart wer­den, wenn die Men­schen gesün­der leben, weni­ger rau­chen und mehr Sport betrei­ben wür­den. Das war etwa der Betrag, den wir zum Zeit­punkt der Erstel­lung der Stu­die im Jahr 2015 errech­net haben. Heute ist es etwa ein Drit­tel von einem Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes, also rund ein Drit­tel von 3,7 Mil­li­ar­den Euro. Das erscheint zwar auf den ers­ten Blick wenig, aber wenn man bedenkt, dass die Men­schen durch gesun­des Leben auch mehr Lebens­qua­li­tät haben und dabei zusätz­lich auch noch eine Menge Geld gespart wird, ist das eigent­lich etwas, was man stär­ker betrei­ben sollte. 

Wie beur­tei­len Sie den Sta­tus quo?

Wir haben ver­schie­dene Ent­wick­lun­gen. Der Ziga­ret­ten­kon­sum ist im Sin­ken und ten­den­ti­ell wird mehr Sport betrie­ben – aller­dings von den Jün­ge­ren, von denen man ohne­hin weiß, dass sie sport­lich aktiv sind. Beson­ders über 40-Jäh­­rige, bei denen die Gefahr für einen Herz­in­farkt beson­ders groß ist, soll­ten jedoch ver­mehrt Sport betrei­ben. Damit könn­ten etli­che Herz­in­farkte ver­mie­den werden. 

Wo lie­gen Ihrer Ansicht nach die größ­ten Schwä­chen im jet­zi­gen System? 

Ein gro­ßes Ärger­nis ist, dass wir immer weni­ger Schul­sport haben und daher die Kin­der nicht gewöhnt sind, sich regel­mä­ßig zu bewe­gen. Auch die Betei­li­gung an den Schul-Schi­­kur­­sen wird immer gerin­ger. In den USA kommt ein schlech­ter Sport­ler nicht durch. Das heißt: Dort ist es eine Frage des Pres­ti­ges, in die­sem Bereich gut zu sein und somit eine Selbstverständlichkeit. 

Was sollte in Öster­reich anders gemacht werden? 

Wir geben viel Geld für Spit­zen­sport aus und schauen, dass wir bei­spiels­weise talen­tierte Schi­fah­rer zu Spit­zen­leis­tun­gen moti­vie­ren. Im Gegen­zug haben wir jedoch in den letz­ten zehn, 20 Jah­ren für den Brei­ten­sport weni­ger gemacht. Aber genau die­ser Bereich ist wirt­schaft­lich von Bedeu­tung, weil hier Kos­ten ein­ge­spart wer­den kön­nen. Ich würde mir wün­schen, dass nicht nur über die Leis­tun­gen im Spit­zen­sport berich­tet wird, son­dern auch dar­über, wel­che Akti­vi­tä­ten in einem Betrieb gesetzt wer­den, damit die sport­li­che Akti­vi­tät geför­dert wird – etwa dass eine Lauf­bahn oder ein Ten­nis­platz gebaut wird für die Mit­ar­bei­ter. Das wäre mir wesent­lich lie­ber. Denn das hätte kon­krete Aus­wir­kun­gen auf die Gesund­heit der jewei­li­gen Mit­ar­bei­ter, auf das Brut­to­in­lands­pro­dukt und ganz beson­ders auf die Kos­ten im Gesundheitswesen. 

Sehen Sie die Ergeb­nisse die­ser Stu­die umgesetzt? 

Nein, das sehe ich nicht. Zur Zeit haben wir eine Regie­rung, die sehr hell­hö­rig ist, was Sport betrifft und da müs­sen wir abwar­ten. In den letz­ten Jah­ren hat allein der Umgang des The­mas ‚Sport in der Schule‘ gezeigt, dass es nicht zu den Prio­ri­tä­ten zählt.

Wel­che Kon­se­quen­zen müsste die Poli­tik aus die­ser Stu­die ziehen? 

Sport zu ver­nach­läs­si­gen, ist in mehr­fa­cher Hin­sicht ein schwe­rer Feh­ler, denn vor allem die Kos­ten für Gesund­heit machen uns zu schaf­fen. Sport ist eine der Mög­lich­kei­ten, die dazu bei­tra­gen kann, dass die Kos­ten im Gesund­heits­sys­tem weni­ger stark stei­gen. Öster­reich ist eine Nation, die viel Geld aus­gibt im Sport für Berei­che, in denen wir erfolg­reich sind, zum Bei­spiel im Win­ter­sport. Die För­de­rung muss sich aber auch auf Brei­ten­sport und Betriebs­sport kon­zen­trie­ren, auf Sport in der Schule oder auch im Betrieb. Aber mein Ein­druck nach all die­sen Stu­dien war immer: Der Akzent geht weg vom Schul­sport und Betriebs­sport gibt es nur in gro­ßen Fir­men. Aber mehr wäre besser.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 6 /​25.03.2018