Aus­trian Doc­tors: In den Slums von Nairobi

25.05.2018 | The­men


Mit­ten in einem der größ­ten Slums in Nai­robi behan­deln Ärzte der German/​Austrian Doc­tors die Ärms­ten der Armen. Eine Repor­tage über einen Ein­satz, der eine junge Ärz­tin an ihre kör­per­li­chen und men­ta­len Gren­zen bringt und sie den­noch – medi­zi­nisch wie mensch­lich – enorm berei­chert.
Marion Huber

Mor­gens um 8:00 Uhr, ein Slum in Nai­robi, Kenia: Eine junge Ärz­tin aus Salz­burg wird gleich ihren ers­ten Pati­en­ten behan­deln. Zeit zum Ein­ar­bei­ten hat Kat­rin Sickau am ers­ten Tag ihres ehren­amt­li­chen Ein­sat­zes nicht. „Es war ein Sprung ins kalte Was­ser“, erin­nert sie sich heute. Schon von den frü­hen Mor­gen­stun­den an war­ten Pati­en­ten in lan­gen Schlan­gen vor dem „Baraka“-Health Centre, um – oft erst nach Stun­den – zu einem Arzt zu kommen. 

„Baraka“ ist Swa­hili und heißt nicht umsonst auf Deutsch „Segen“. Die Ambu­lanz der Ger­man und Aus­trian Doc­tors – die bei­den NGOs lei­ten ehren­amt­li­che Ärzte-Ein­­sätze in Ent­wick­lungs­län­dern – befin­det sich im Mat­hare Slum, einem der größ­ten und ältes­ten Slums in Nai­robi. Die Haupt­stadt Kenias zählt mehr als drei Mil­lio­nen Ein­woh­ner. Hun­dert­tau­sende von ihnen leben in klei­nen, behelfs­mä­ßi­gen Wel­l­­blech-Hüt­­ten im Elends­vier­tel – ohne flie­ßen­des Was­ser, Abwas­ser, Elek­tri­zi­tät oder Infra­struk­tur jeg­li­cher Art. Wie viele es genau sind, weiß nie­mand. Die Pati­en­ten, die Kat­rin Sickau ab jetzt behan­delt, zäh­len zu den Ärms­ten der Armen. Viele von ihnen lei­den unter Tuber­ku­lose, Mala­ria, HIV, Aids… Grob geschätzt sind rund zwei Drit­tel aller erwach­se­nen Bewoh­ner des Mat­hare Slums HIV-positiv. 

Die Aus­trian Doc­tors woh­nen etwa 20 Minu­ten außer­halb und wer­den mit dem Auto bis zum Rand des Slums gefah­ren. Den Rest des Weges zur Ambu­lanz gehen sie zu Fuß – einen Weg, der nor­ma­ler­weise für Orts­fremde viel zu gefähr­lich ist. Aber die Men­schen erken­nen die Ärzte nicht zuletzt an ihren Shirts und Ruck­sä­cken mit dem Ver­­eins-Auf­­­druck und begrü­ßen sie freund­lich. Kin­der lau­fen freu­de­strah­lend und auf­ge­regt auf die Ärzte zu, rufen „How are you?“ und klat­schen mit ihnen ab. Auf den Lehm­stra­ßen herrscht quir­li­ges Trei­ben. Von über­all her tönt laute Musik. Ihr Weg zum Health Centre führt die Ärzte vor­bei an Ver­kaufs­stän­den mit Obst, bun­ten Gewän­dern und Allerlei. 

Wenn sie mor­gens in der Ambu­lanz ankom­men, gibt es viel­leicht noch einen schnel­len Kaf­fee – aber dann wid­met man sich bald den vie­len war­ten­den Pati­en­ten. Die junge öster­rei­chi­sche Ärz­tin emp­fängt sie sogar in einem eige­nen klei­nen „Con­sul­ting Room“ mit ihrem Namen an der Tür. „Dr. Kat­rin“ – das kön­nen die Pati­en­ten leich­ter aus­spre­chen. Ihre Unter­la­gen lie­gen auf einem klei­nen Holz­tisch, an dem Stühle ste­hen; an der Wand hängt eine Buch­sta­ben­ta­fel. Es gibt ein Wasch­be­cken und eine Behand­lungs­liege aus Holz, rund­herum dient ein Vor­hang als Sicht­schutz. „Im Schnitt behan­deln wir hier rund 280 Pati­en­ten pro Tag“ – „wir“ sind vier Ärzte: Neben Kat­rin Sickau küm­mern sich ein Päd­ia­ter, ein Chir­urg und ein All­ge­mein­me­di­zi­ner in der Ambu­lanz um die Pati­en­ten. Unter­stützt wer­den die Ärzte von Cli­ni­cal Offi­cers, Über­set­zern, Kran­ken­schwes­tern, einem Labor­team und Sozi­al­ar­bei­tern. Die Ambu­lanz schließt erst, wenn der letzte Pati­ent behan­delt wurde. 

Oft ist den Men­schen schon mit einem Analge­ti­kum gehol­fen – etwa, wenn es sich um einen der vie­len Pati­en­ten mit Rücken­schmer­zen han­delt. „Man muss sich vor­stel­len, welch unglaub­li­che Las­ten die Men­schen hier im Slum tra­gen. 20 Kilo und mehr sind nicht ein­mal der Rede wert“, erzählt Sickau. Nach­dem es keine Was­ser­lei­tun­gen gibt, müs­sen sich die Men­schen das Was­ser von Tanks oder Aus­ga­be­stel­len holen und in Kanis­tern nach Hause tra­gen. Rücken­schmer­zen zäh­len hier also zu den leich­ten Fällen. 

Aber es gibt auch ganz andere – schwie­rige und bewe­gende – Fälle. „Man sieht völ­lig unbe­kannte Krank­heits­bil­der und Aus­prä­gun­gen von Krank­hei­ten, wie man sie bei uns in der west­li­chen Welt nie­mals sehen würde“, schil­dert die junge Ärz­tin. Pati­en­ten mit einem Hämo­­g­lo­­bin-Wert von 3 g/​dl, weit fort­ge­schrit­tene Krebs­er­kran­kun­gen, schwere Unter­ernäh­rung… In den ers­ten Tagen ihres Ein­sat­zes hat sie das scho­ckiert. Und auch wenn Sickau nach ein paar Wochen schon viel gese­hen hatte – gewöhnt hat sie sich daran den­noch nicht: „Am schlimms­ten sind natür­lich die aus­sichts­lo­sen Fälle, denen wir sagen müs­sen, dass wir sie nicht mehr hei­len können.“ 

Eine Pati­en­tin ist ihr beson­ders in Erin­ne­rung geblie­ben: Die Frau war völ­lig unter­ernährt, klagte über starke Hals­schmer­zen und fie­berte hoch. „Fie­ber­sen­kende Tablet­ten, die ich ihr geben wollte, konnte sie nicht schlu­cken – auch Flüs­sig­kei­ten nicht“, erin­nert sich Sickau. Es stellte sich her­aus, dass ein steno­sie­ren­des Öso­pha­gus­kar­zi­nom eine Nah­­rungs- und Flüs­sig­keits­auf­nahme unmög­lich machte. „Nach Infu­sio­nen zur Erst­be­hand­lung wollte ich sie ins Kran­ken­haus ein­wei­sen. Da sie aber keine Ange­hö­ri­gen mehr hatte, wurde sie dort nicht auf­ge­nom­men.“ Ange­hö­rige die­nen dem Kran­ken­haus quasi als Ver­si­che­rung. Die Frau wurde wie­der nach­hause geschickt. Was mit ihr pas­siert ist? – Kat­rin Sickau will es sich gar nicht vorstellen. 

Sol­che und ähn­lich belas­tende Fälle musste sie in ihrer Ein­satz­zeit öfter erle­ben. „Aber Gott sei Dank kann man auch vie­len hel­fen. Die Men­schen sind ein­fach für alles dank­bar.“ Beson­ders durch die uner­müd­li­chen Com­mu­nity Health Worker, die täg­lich durch den Slum gehen und schauen, wo Hilfe gebraucht wird, kön­nen auch man­che schwere Fälle recht­zei­tig erfasst wer­den. „Oft kön­nen wir die Men­schen dann noch erfolg­reich behan­deln.“ Kaum ein Slum­be­woh­ner kann es sich leis­ten, ins Kran­ken­haus zu gehen – und so ver­sucht man in der Baraka-Ambu­lanz, das Schlimmste abzufedern. 

Von der Orga­ni­sa­tion und der Größe der Ambu­lanz war Sickau schon zu Beginn ihres Ein­sat­zes posi­tiv über­rascht: Es gibt einen klei­nen OP, einen „Emer­gency Room“ und viele dia­gnos­ti­sche Mög­lich­kei­ten wie Labor­un­ter­su­chun­gen und Rönt­gen – „fast wie in einem klei­nen Kran­ken­haus“. „Es ist wirk­lich unglaub­lich, was dank der guten Zusam­men­ar­beit in die­sem bit­ter­ar­men Umfeld alles mach­bar ist.“ Für die vie­len unter­ernähr­ten Bewoh­ner wurde ein „Fee­ding Cen­ter“ ein­ge­rich­tet; es gibt eine Schwan­­ge­­ren-Betreu­ung, ein „Coun­sel­ling Cen­ter“ für psy­cho­lo­gi­sche Bera­tung und ein eige­nes Betreu­ungs­pro­gramm für Tuber­­ku­­lose- und HIV-Pati­en­­ten. Jeden Don­ners­tag besu­chen die Ärzte im Rah­men von Slum-Visi­­ten nicht-mobile Pati­en­ten und zäh­len die Tablet­ten der HIV-Infi­­zier­­ten, um deren The­ra­pie zu über­wa­chen. „Bei den Rund­gän­gen bekommt man einen ganz pri­va­ten Ein­blick in die Behau­sun­gen und das Leben der Bewoh­ner. Das hat mich tief beeindruckt.“ 

Um ein­mal aus dem Slum-Leben „raus­zu­kom­men“ und etwas Abwechs­lung zu haben, unter­neh­men die Aus­trian Doc­tors an den Wochen­en­den Safa­ris oder Wan­de­run­gen, wenn auch in mili­tä­ri­scher Beglei­tung – aus Sicher­heits­grün­den. Natür­lich ist die Arbeit im Slum men­tal und kör­per­lich irr­sin­nig anstren­gend – oft bringt sie die junge Ärz­tin auch an ihre Gren­zen: „Trotz­dem ist der Ein­satz auch unglaub­lich befrie­di­gend und extrem berei­chernd – nicht nur medi­zi­nisch, son­dern auch mensch­lich.“ Gerührt erzählt Sickau dabei von einer ganz beson­de­ren Ein­la­dung: Eine Mit­ar­bei­te­rin des Health Cen­ters hatte die Ärzte zu einer Chor­probe mit­ge­nom­men. Mit­ten im Slum haben die Men­schen stimm­ge­wal­tig und tan­zend das Leben gefei­ert – und sogar der Gemein­de­pas­tor ist im Anzug gekom­men, um die Ärzte der German/​Austrian Doc­tors will­kom­men zu heißen…

Leben in Mat­hare

Rund 60 Pro­zent der Ein­woh­ner von Nai­robi leben in Slums – mehr als 200 Elends­vier­tel gibt es ins­ge­samt. Im Nord­os­ten der Haupt­stadt, nur wenige Kilo­me­ter vom Stadt­zen­trum ent­fernt, liegt das älteste Armen­vier­tel im Mat­hare Val­ley. Das Vier­tel wurde in den 1920er Jah­ren erst­mals von Men­schen besie­delt. „Mat­hare“ bezeich­net eine Reihe von Slums, in denen schät­zungs­weise bis zu 500.000 Men­schen in dicht an dicht gebau­ten Behau­sun­gen leben. Die Ver­schläge bestehen aus Well­blech oder Holz, haben keine Fens­ter; auf engs­tem Raum leben hier bis zu zehn Men­schen. Infra­struk­tur gibt es kaum, keine Was­sero­der Strom­lei­tun­gen, kein Abwas­ser. Wäh­rend der Regen­zeit wer­den die Stra­ßen und Behau­sun­gen von Schlamm und Müll über­flu­tet. Die Gefahr von Seu­chen ist wäh­rend die­ser Zeit beson­ders hoch. Auch HIV und Aids sind weit ver­brei­tet, Unter­ernäh­rung ist ein gro­ßes Thema und die Kri­mi­na­li­tät (u.a. durch Ban­den­kriege) eine stän­dige Gefahr. Viele der Kin­der im Slum sind dadurch zu Wai­sen gewor­den; viele müs­sen ihren Fami­lien hel­fen, Geld zu ver­die­nen, bei wei­tem nicht alle kön­nen eine Schule besuchen. 

Die Orga­ni­sa­tion German/​Austrian Doc­tors (ehe­mals „Ärzte für die Dritte Welt“) betreibt – neben ande­ren Pro­jek­ten in Ban­gla­desch, Sierra Leone, Indien und auf den Phil­ip­pi­nen – seit 1997 mit­ten im Mat­hare Val­ley das „Baraka“-Health Centre. Neben der Ambu­lanz gibt es etwa auch ein Ernäh­rungs­zen­trum, in dem man sich um unter- und man­gel­er­nährte Kin­der und Erwach­sene küm­mert, eine Schwan­ge­ren­be­treu­ung und ein Zen­trum für psy­cho­lo­gi­sche Beratung.

www-Tipp
www.austrian-doctors.at
www.german-doctors.de

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 10 /​25.05.2018