Paper of the Month: Risi­ken im dia­gnos­ti­schen Prozess

10.11.2018 | Ser­vice


Ein posi­ti­ves Sicher­heits­klima und eine voll­stän­dig imple­men­tierte IT sind mit einer gerin­ge­ren Häu­fig­keit von Pro­ble­men im dia­gnos­ti­schen Pro­zess asso­zi­iert, wie eine Befra­gung von Mit­ar­bei­tern in US-ame­­ri­­ka­­ni­­schen Ordi­na­tio­nen zeigt.

Cam­pione et al. unter­such­ten den Zusam­men­hang zwi­schen dem Auf­tre­ten von kon­kre­ten Pro­ble­men im dia­gnos­ti­schen Pro­zess, dem Sicher­heits­klima und dem Imple­men­tie­rungs­stand von IT in ambu­lan­ten Pra­xen. Ihre Unter­su­chung basiert auf einer Befra­gung von Mit­ar­bei­tern in Ordi­na­tio­nen in den USA. Daran betei­lig­ten sich 925 Pra­xen, aus denen durch­schnitt­lich je 25 Per­so­nen teil­nah­men (durch­schnitt­li­che Ant­wort­rate 72 Pro­zent). In der Befra­gung wur­den drei Arten von Infor­ma­tio­nen erho­ben: Zum einen die Häu­fig­keit von spe­zi­fi­schen Ereig­nis­sen, die den dia­gnos­ti­schen Pro­zess nega­tiv beein­flus­sen kön­nen: (1) eine Kran­ken­akte war nicht ver­füg­bar, wenn benö­tigt; (2) die Resul­tate eines Labors oder einer Bild­ge­bung waren nicht ver­füg­bar, wenn benö­tigt; (3) ein kri­ti­sches, anor­ma­les Labor­er­geb­nis oder eine Bild­ge­bung wur­den nicht bin­nen eines Werk­ta­ges weiterbearbeitet. 

Zu jedem die­ser Ereig­nisse wur­den die Teil­neh­men­den gefragt, wie häu­fig diese in ihrer Pra­xis in den letz­ten zwölf Mona­ten auf­ge­tre­ten waren. Zum ande­ren wurde anhand von 38 Fra­gen das Sicher­heits­klima in der Pra­xis auf zehn Dimen­sio­nen wie etwa Team­ar­beit, Arbeits­be­las­tung und Füh­rung gemes­sen. Für die Ana­lyse wurde der durch­schnitt­li­che Wert über die Dimen­sio­nen hin­weg pro Pra­xis ermit­telt. Höhere Werte zei­gen ein „bes­se­res Sicher­heits­klima“ in der Pra­xis an. Drit­tens wur­den die Pra­xen nach dem Imple­men­tie­rungs­stand der elek­tro­ni­schen Pati­en­ten­akte und der elek­tro­ni­schen Ver­füg­bar­keit von Test­ergeb­nis­sen (Labor, Bild­ge­bung, Befun­dung) gefragt. Die Ant­wor­ten wur­den klas­si­fi­ziert als „bei­des voll­stän­dig imple­men­tiert“, „teil­weise imple­men­tiert“ und „bei­des gar nicht implementiert“. 

Zur Häu­fig­keit der Pro­bleme im dia­gnos­ti­schen Pro­zess wurde „täg­lich“ oder „wöchent­lich“ berich­tet: 15 Pro­zent Kran­ken­akte nicht ver­füg­bar, wenn benö­tigt; zehn Pro­zent Resul­tate eines Labors oder einer Bild­ge­bung nicht ver­füg­bar, wenn benö­tigt; vier Pro­zent kri­ti­sches, anor­ma­les Labor­er­geb­nis oder Bild­ge­bung nicht bin­nen eines Werk­ta­ges wei­ter­be­ar­bei­tet. Eine Regres­si­ons­ana­lyse zeigte, dass – adjus­tiert nach Pra­xis-Mer­k­­ma­­len – ein nied­ri­ges Sicher­heits­klima und der Imple­men­tie­rungs­stand der IT signi­fi­kante Prä­dik­to­ren für das häu­fige Auf­tre­ten der drei spe­zi­fi­schen Pro­bleme im dia­gnos­ti­schen Pro­zess waren. Pra­xen mit einem nied­ri­ge­ren Sicher­heits­klima berich­te­ten vom Auf­tre­ten die­ser Pro­bleme deut­lich häu­fi­ger als Pra­xen mit höhe­rem Sicher­heits­klima. Unab­hän­gig vom Sicher­heits­klima tra­ten alle drei Pro­bleme häu­fi­ger auf, wenn elek­tro­ni­sches Pati­en­ten­dos­sier und Inte­gra­tion von Befun­den nur teil­weise und noch nicht voll­stän­dig imple­men­tiert waren (im Ver­gleich zu voll­stän­dig imple­men­tiert). Aller­dings berich­te­ten Pra­xen ohne imple­men­tierte IT zwei der drei Pro­bleme nicht häu­fi­ger als Pra­xen mit voll­stän­dig imple­men­tier­ter IT. Nur die nicht ver­füg­bare Pati­en­ten­akte war in Pra­xen ohne IT häu­fi­ger als in Pra­xen mit voll­stän­di­ger IT. Es muss aller­dings dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, dass alle Daten im Rah­men einer ein­zi­gen Befra­gung erho­ben wur­den. So ist es durch­aus vor­stell­bar, dass die teil­weise Imple­men­tie­rung von IT nicht nur eine Phase beson­de­rer Risi­ken für eine sichere Dia­gno­se­stel­lung ist, son­dern auch eine Phase, in der die Mit­ar­bei­ten­den die auf­tre­ten­den Pro­bleme eher registrieren. 

Die Ergeb­nisse der Stu­die zei­gen, dass posi­ti­ves Sicher­heits­klima und voll­stän­dig imple­men­tierte IT unab­hän­gig von­ein­an­der mit gerin­ge­rer Häu­fig­keit von Pro­ble­men im dia­gnos­ti­schen Pro­zess asso­zi­iert sind. Das Sicher­heits­klima hat also eine wich­tige Bedeu­tung, auch wenn die Umstel­lung auf IT geglückt ist. Tran­si­tio­nen vom tra­di­tio­nel­len zum digi­ta­len Infor­ma­ti­ons­ma­nage­ment stel­len hin­ge­gen zunächst eine zuneh­mende Gefahr für die Pati­en­ten­si­cher­heit dar. Die Häu­fig­keit, mit der not­wen­dige Infor­ma­tio­nen nicht oder nicht zeit­nah ver­füg­bar sind und bear­bei­tet wer­den, steigt zunächst. Es ist daher zu emp­feh­len, sol­che Pha­sen durch gezielte Maß­nah­men zu begleiten. 

*) Prof. Dr. Die­ter Schwap­pach, Pati­en­ten­si­cher­heit Schweiz