Paper of the Month: Alarm-Müdi­g­­keit bei Warnmeldungen

10.10.2018 | Ser­vice


Beim Über­ge­hen von Warn­mel­dun­gen bei der auto­ma­ti­schen Inter­ak­ti­ons­prü­fung gibt es eine große Varia­tion – sowohl bei der Arz­nei­mit­tel­klasse, den medi­zi­ni­schen Dis­zi­pli­nen und bei den jewei­li­gen Ärz­ten. Eine Ana­lyse der Log-Dateien ermög­licht ein bes­se­res Ver­ständ­nis der Alarm-Müdigkeit.

Cho et al. wer­te­ten in ihrer Stu­die (Inter­na­tio­nal Jour­nal for Qua­lity in Health Care, 2018) die Ver­ord­nungs­mus­ter von 560 Ärz­ten über einen Zeit­raum von vier Mona­ten in einem süd­ko­rea­ni­schen Kran­ken­haus aus. In der dort ein­ge­setz­ten Ver­ord­nungs­soft­ware lös­ten 706 Arz­nei­mit­tel­kom­bi­na­tio­nen (77 Arz­n­ei­­mi­t­­tel­­klas­­sen-Kom­­bi­­na­­ti­o­­nen) Warn­mel­dun­gen aus. 

Die For­scher ver­wen­de­ten die Log-Dateien aller Ver­ord­nun­gen und Warn­mel­dun­gen und kom­bi­nier­ten sie mit den Merk­ma­len der ver­ord­nen­den Ärzte, zum Bei­spiel ihre Erfah­rungs­stufe oder die Ver­ord­nungs­fre­quenz. Zusätz­lich ana­ly­sier­ten sie anhand einer Zufalls­stich­probe von über­gan­ge­nen Warn­mel­dun­gen (n=253) und den dazu­ge­hö­ri­gen Pati­en­ten­ak­ten den kli­ni­schen Kon­text und die Ange­mes­sen­heit der Over­ri­des – das heißt das Über­ge­hen der Warn­mel­dun­gen. Ins­ge­samt wur­den im Beob­ach­tungs­zeit­raum 18.360 Warn­mel­dun­gen aus­ge­löst, von denen 13.155 über­gan­gen wur­den (72 Pro­zent). Die Anzahl der Warn­mel­dun­gen und deren Vari­anz waren höher bei Assis­tenz­ärz­ten als bei Fach­ärz­ten, wäh­rend Fach­ärzte die War­nun­gen häu­fi­ger über­gan­gen. Es gab kei­nen Zusam­men­hang zwi­schen der Anzahl der Warn­mel­dun­gen und der Rate der über­gan­ge­nen Warnmeldungen. 

Anhand der media­nen Anzahl von Warn­mel­dun­gen je Arzt (18) und der durch­schnitt­li­chen Over­­­ride-Rate (70 Pro­zent) konn­ten die Ärzte in vier Qua­dran­ten klas­si­fi­ziert wer­den: uner­fah­rene unvor­sich­tige Per­so­nen (über­durch­schnitt­li­che Anzahl Warn­mel­dun­gen, über­durch­schnitt­li­che Over­­­ride-Rate); uner­fah­rene vor­sich­tige Per­so­nen (über­durch­schnitt­li­che Anzahl Warn­mel­dun­gen, unter­durch­schnitt­li­che Over­­­ride-Rate); erfah­rene vor­sich­tige Per­so­nen (unter­durch­schnitt­li­che Anzahl Warn­mel­dun­gen, unter­durch­schnitt­li­che Over­­­ride-Rate); erfah­rene unvor­sich­tige Per­so­nen (unter­durch­schnitt­li­che Anzahl Warn­mel­dun­gen, über­durch­schnitt­li­che Over­­­ride-Rate). In der Gruppe 2 (uner­fah­rene vor­sich­tige Per­so­nen) waren 92 Pro­zent der so klas­si­fi­zier­ten Per­so­nen Assis­tenz­ärzte. In die­ser Gruppe lagen die Anzahl der Warn­mel­dun­gen bei knapp 97 und die Over­­­ride- Rate bei 55 Pro­zent. In der Gruppe 4 hin­ge­gen (erfah­rene unvor­sich­tige Per­so­nen) waren nur 54 Pro­zent Assis­tenz­ärzte und 46 Pro­zent Fach­ärzte. Hier waren die durch­schnitt­li­che Anzahl der War­nun­gen 6 und die Over­­­ride-Rate 94 Prozent. 

Es gab deut­li­che Zusam­men­hänge zwi­schen der Häu­fig­keit der Warn­mel­dun­gen und der Over­­­ride- Rate und dem jewei­li­gen medi­zi­ni­schen Depart­ment. Bei­spiels­weise lös­ten die Ver­ord­nun­gen in der Herz­chir­ur­gie recht viele Warn­mel­dun­gen aus, die durch­schnitt­lich häu­fig über­gan­gen wur­den. Dahin­ge­gen gab es in der Anäs­the­sie und Schmerz­me­di­zin sel­ten Warn­mel­dun­gen, die aber sehr häu­fig über­gan­gen wur­den. Ein erheb­li­cher Anteil der Warn­mel­dun­gen (89 Pro­zent) kon­zen­trierte sich auf nur fünf der 77 geprüf­ten Arz­n­ei­­mi­t­­tel­­klas­­sen- Kom­bi­na­tio­nen. Der rela­tive Anteil der nach Prü­fung als „ange­mes­sen“ bewer­te­ten über­gan­ge­nen Warn­mel­dun­gen vari­ierte stark je nach Arz­nei­mit­tel­klasse. So war das Über­ge­hen einer Warn­mel­dung bezo­gen auf QT-pro­­­lon­­gie­­rende Sub­stan­zen mit Beta-Adre­­no­­ze­p­­tor-Ant­a­go­­nis­­ten/ Amphet­ami­nen und Deri­va­ten in 75 Pro­zent ange­mes­sen; unter den Warn­mel­dun­gen, die sich auf nicht-ste­ro­i­dale Anti­rheu­ma­tika mit eben­sol­chen bezo­gen, wur­den das Über­ge­hen nur in 15 Pro­zent als ange­mes­sen bewertet. 

Die Ana­lyse von Cho et al. bestä­tigt, dass es eine große Varia­tion in der Pro­duk­tion und beim Über­ge­hen von Warn­mel­dun­gen gibt. Diese Varia­tion ent­steht auf Ebene der Arz­nei­mit­tel­klasse und den imple­men­tier­ten Algo­rith­men, auf Ebene der medi­zi­ni­schen Dis­zi­pli­nen und auf Ebene der indi­vi­du­el­len Ärzte. Um eine Opti­mie­rung des auto­ma­ti­schen Inter­ak­­ti­o­­nen-Checks zu errei­chen, sind Inter­ven­tio­nen auf allen drei Ebe­nen sinn­voll. Die Stu­die zeigt auch, wie nütz­lich die Ana­lyse von Logs ist, um das Phä­no­men der Alarm-Müdi­g­­keit bes­ser zu verstehen. 

*) Prof. Dr. Die­ter Schwap­pach, Pati­en­ten­si­cher­heit Schweiz