Lehr­pra­xis: Finan­zie­rung gesichert

25.02.2018 | Politik


Ärz­te­kam­mer, Minis­te­rium, Haupt­ver­band und Län­der haben sich über die Finan­zie­rung der Lehr­pra­xen für ange­hende All­ge­mein­me­di­zi­ner geei­nigt. Die Zeit der Aus­bil­dung in der Lehr­pra­xis wird bis zum Jahr 2020 mit ins­ge­samt rund 25 Mil­lio­nen Euro geför­dert. Von Bern­hard Salzer

„Ich freue mich, dass es uns gelun­gen ist, gemein­sam mit dem Gesund­heits­mi­nis­te­rium, dem Haupt­ver­band und den Bun­des­län­dern eine Eini­gung über die Finan­zie­rung der Lehr­pra­xen zu fin­den“, betont Tho­mas Sze­ke­res, Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer. „Damit wurde einer­seits eine lang­jäh­rige For­de­rung der Ärz­te­kam­mer ver­wirk­licht und ande­rer­seits ein wich­ti­ger Schritt gesetzt, um dem bevor­ste­hen­den Haus­ärz­te­man­gel lang­fris­tig ent­ge­gen­zu­wir­ken, denn Haus­ärz­tin­nen und Haus­ärzte sind eine tra­gende Säule in unse­rem Gesund­heits­sys­tem.“ Gerade die Lehr­pra­xis – ‚das Ler­nen drau­ßen, in der Pra­xis‘ – sei ein essen­ti­el­ler Teil der Aus­bil­dung für Jung­me­di­zi­ner und sie wird – wie Umfra­gen unter den Ärz­ten in Aus­bil­dung erge­ben – auch oft als ‚die schönste Zeit der Aus­bil­dung‘ emp­fun­den. Es sind die kon­kre­ten posi­ti­ven Erfah­run­gen in die­sen Lehr­pra­xen, die den Aus­schlag für die spä­tere Ent­schei­dung zum nie­der­ge­las­se­nen All­ge­mein­me­di­zi­ner geben.

Pro Jahr 450 Lehrpraktikanten 

Ange­hende All­ge­mein­me­di­zi­ner müs­sen nach der Basis- und Tur­nus­aus­bil­dung als letz­ten Aus­bil­dungs­ab­schnitt sechs Monate ver­pflich­tend in einer Lehr­pra­xis für All­ge­mein­me­di­zin mit einer Lehr­pra­xistä­tig­keit von 30 Wochen­stun­den absol­vie­ren. Mit ins­ge­samt rund 25 Mil­lio­nen Euro bis zum Jahr 2020 wird die Aus­bil­dung in der Pra­xis – in soge­nann­ten Lehr­pra­xen – geför­dert. Damit wer­den die Gehalts­kos­ten für die etwa 450 jähr­lich zu erwar­ten­den Lehr­prak­ti­kan­ten für jeweils ein hal­bes Jahr wäh­rend ihrer Tätig­keit beim aus­bil­den­den Allgemeinmediziner/​Gruppenpraxis finan­ziert. Der Bund über­nimmt 25 Pro­zent der dafür anfal­len­den Kos­ten, die Län­der und Kas­sen je 32,5 Pro­zent, die Lehr­pra­xis­in­ha­ber zehn Pro­zent. Johan­nes Stein­hart, ÖÄK-Vize­prä­si­dent und Obmann der Bun­des­ku­rie nie­der­ge­las­sene Ärzte: „Die Lehr­pra­xis ist ein Hebel, um mehr Ärzte in den nie­der­ge­las­se­nen Bereich zu brin­gen und soll nicht nur zu mehr, son­dern auch zu bes­ser aus­ge­bil­de­ten All­ge­mein­me­di­zi­nern bei­tra­gen. Die Zeit in den Lehr­pra­xen bringt nicht nur wert­volle Erfah­run­gen für die Aus­zu­bil­den­den im täg­li­chen Umgang mit den Pati­en­ten, sie bringt auch wich­tige Ein­bli­cke in die unter­neh­me­ri­schen und steu­er­li­chen Auf­ga­ben eines nie­der­ge­las­se­nen Arz­tes sowie in das Kassensystem.“ 

Glei­ches Gehalt 

„Für die jetzt erzielte Lösung haben wir inner­halb der Ärz­te­kam­mer die Vor­ar­bei­ten geleis­tet, indem die Bun­des­ku­rie ange­stellte Ärzte mit der Bun­des­ku­rie nie­der­ge­las­sene Ärzte einen Kol­lek­tiv­ver­trag abge­schlos­sen hat“, so Harald Mayer, ÖÄK-Vize­prä­si­dent und Obmann der Bun­des­ku­rie ange­stellte Ärzte. Dem­entspre­chend sol­len Jung­ärzte in der Lehr­pra­xis bei einem nie­der­ge­las­se­nen Arzt gleich viel ver­die­nen wie Jung­ärzte im Spi­tal. Mayer: „Eine Benach­tei­li­gung von All­ge­mein­me­di­zi­nern gegen­über Fach­ärz­ten wäre zum einen nicht gerecht, zum ande­ren hätte sie viele Inter­es­sen­ten von einer Lehr­pra­xis abgehalten.“

Wich­ti­ger ers­ter Schritt

Abschlie­ßend weist ÖÄK-Prä­si­dent Sze­ke­res dar­auf hin, dass die nun gere­gelte Finan­zie­rung der Lehr­pra­xen ein wich­ti­ger Bei­trag zur Absi­che­rung der wohn­ort­na­hen medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung in Öster­reich ist: „Denn in den kom­men­den zehn Jah­ren steigt der Anteil der Men­schen im Alter über 60 und somit steigt auch der Anteil von chro­nisch Kran­ken und mul­ti­mor­bi­den Pati­en­ten. Gleich­zei­tig ver­lie­ren wir durch Pen­sio­nie­run­gen und Nach­be­set­zungs­pro­bleme rund 60 Pro­zent der All­ge­mein­me­di­zi­ner. Umso wich­ti­ger ist daher die jetzt getrof­fene Eini­gung.“ Nur mit aus­rei­chend All­ge­mein­me­di­zi­nern lasse sich die wohn­ort­nahe medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung auf­recht­erhal­ten und ohne eine ent­spre­chende Finan­zie­rung wäre es auch nicht mög­lich, genü­gend Betrei­ber für Lehr­pra­xen zu fin­den. Sze­ke­res: „Damit haben wir einen wich­ti­gen Schritt bei der Wei­ter­ent­wick­lung des öster­rei­chi­schen Gesund­heits­sys­tems geschafft, dem hof­fent­lich noch viele fol­gen wer­den. Denn Pro­bleme gibt es genug: neben dem sich ver­schär­fen­den Ärz­te­man­gel denke ich etwa an über­las­tete Ambu­lan­zen, die Har­mo­ni­sie­rung von Kas­sen­leis­tun­gen oder den über­bor­den­den admi­nis­tra­ti­ven Auf­wand für Ärzte.“ Ein gro­ßes Anlie­gen der Ärz­te­kam­mer ist in die­sem Zusam­men­hang die Repa­ra­tur des der­zei­ti­gen Pri­mär­ver­sor­gungs­ge­set­zes, denn Zen­tren, wie die­ses Gesetz sie vor­schreibt, kön­nen die wohn­ort­nahe Ver­sor­gung nicht sicher­stel­len. Sze­ke­res: „Gene­rell muss es in der Gesund­heits­po­li­tik zu einer Ent­kopp­lung der Gesund­heits­aus­ga­ben von der BIP Ent­wick­lung kom­men und ich wün­sche mir von der Poli­tik, dem Thema Gesund­heit die­selbe Prio­ri­tät ein­zu­räu­men wie ande­ren Berei­chen, die für die Zukunft Öster­reichs von Bedeu­tung sind.“ 

Finan­zie­rung

Die Finan­zie­rung der Lehr­pra­xen für die Jahre 2018 bis 2020 ist mit einem Gesamt­auf­wand von rund 25 Mil­lio­nen Euro kalkuliert.

Davon über­neh­men:

Bund 25 Pro­zent
Sozi­al­ver­si­che­run­gen 32,5 Pro­zent
Lände 32,5 Pro­zent
Lehr(gruppen)praxis 10 Prozent

• Mit den beschlos­se­nen För­de­run­gen wer­den für die Absol­ven­ten der Lehr­pra­xen 75 Pro­zent des Gehalts für die Aus­bil­dungs­dauer von sechs Mona­ten zuzüg­lich antei­li­ger Son­der­zah­lun­gen bedeckt.

• Die rest­li­chen 25 Pro­zent des zuste­hen­den Gehal­tes wer­den vom Rechts­trä­ger, bei dem der Tur­nus­arzt ange­stellt ist, über­nom­men (wo er noch drei Nacht­dienste pro Monat absolviert).

• Die Höhe des Gehalts ori­en­tiert sich am Gehalt, das dem ange­hen­den Arzt nach dem Lan­des-Gehalts- und Zula­gen­schema des im Bun­des­land zustän­di­gen Rechts­trä­gers zuste­hen würde.

Inter­view
Große Freude bei Jung­ärz­ten

Warum die Eini­gung über die Finan­zie­rung der Tätig­keit in der Lehr­pra­xis so wich­tig ist, erklärt Karl­heinz Korn­häusl, Obmann der Bun­des­sek­tion Turnusärzte.

ÖÄZ: Die Finan­zie­rung der Lehr­pra­xis ist gesi­chert. Was bedeu­tet das nun für die Jungmediziner?

Korn­häusl: Mit der fixen Imple­men­tie­rung der Lehr­pra­xis im Jahr 2015 ist ein ers­ter gro­ßer Wurf gelun­gen und mit der jetzt zuge­si­cher­ten Finan­zie­rung schließt sich der Kreis. Das ist höchst erfreu­lich, da die­ser Schritt zu einer wei­te­ren Ver­bes­se­rung der Ärz­teaus­bil­dung und damit der medi­zi­ni­schen Grund­ver­sor­gung in Öster­reich bei­trägt. Die Über­ein­kunft von Poli­tik, Ärz­te­kam­mer und Sozi­al­ver­si­che­run­gen ist ein Zei­chen der Wert­schät­zung. So etwas moti­viert uns Junge und das freut uns sehr, zumal die Lehr­pra­xis bei den ange­hen­den All­ge­mein­me­di­zi­nern sehr beliebt ist. Die Arbeit im Pra­xis­all­tag wird gut ange­nom­men und ist gefragt. Hier bekom­men die ange­hen­den Haus­ärzte das beste Rüst­zeug mit.

Die Ver­hand­lun­gen waren zäh. Warum hat das so lange gedauert?

Wir waren viele Jahre lang Schluss­licht in Europa, was die Ein­füh­rung einer Lehr­pra­xis-Aus­bil­dung angeht. Andere Län­der wie Deutsch­land hat­ten bereits 24 Monate vor­ge­se­hen, die skan­di­na­vi­schen Län­der zwi­schen 30 und 48 Monate. In Öster­reich sind nun seit Inkraft­tre­ten der Aus­bil­dungs­re­form sechs Monate ver­pflich­tend, ein schritt­wei­ser Aus­bau auf zwölf Monate ist vor­ge­se­hen. Die­ses Ergeb­nis gemein­sam mit der Finan­zie­rung waren harte Bro­cken Ver­hand­lungs­ar­beit. Ent­spre­chend groß ist die Freude über das vor­lie­gende Ergeb­nis. Gleich­zei­tig ist es ein schö­nes Bei­spiel dafür, was mög­lich ist, wenn alle an einem Strang zie­hen – in unse­rem Fall die bei­den Bun­des­ku­rien der ange­stell­ten und nie­der­ge­las­se­nen Ärzte. Dafür möchte ich allen Betei­lig­ten danken!

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 4 /​25.02.2018