Inter­view Beate Har­tin­ger-Klein und Johan­nes Stein­hart: „Auf­rech­ter Impf­sta­tus ist eine ethi­sche Verpflichtung“

15.12.2018 | Aktuelles aus der ÖÄK


Gesund­heits­mi­nis­te­rin Mag. Beate Har­tin­ger-Klein und Dr. Johan­nes Stein­hart, ÖÄK-Vize­prä­si­dent und Bun­des­ku­ri­en­ob­mann nie­der­ge­las­sene Ärzte, im Dop­pel-Inter­view über ihre Erwar­tun­gen an den e‑Impfpass, ihre Rezepte für eine höhere Durch­imp­fungs­rate und ihre Argu­mente im Umgang mit Impf-Skep­ti­kern.

Sascha Bunda

Ist es ange­dacht, das kos­ten­freie Impf­kon­zept aus­zu­wei­ten und falls ja, um wel­che Impfungen?

Beate Har­tin­ger-Klein: Es wäre wün­schens­wert, alle emp­foh­le­nen Imp­fun­gen für unsere Kin­der in Öster­reich kos­ten­frei zur Ver­fü­gung zu stel­len. Ich setze mich lau­fend dafür ein, das kos­ten­freie Impf­kon­zept aus­zu­wei­ten, auch um die aus mei­ner Sicht so wich­tige Menin­go­kok­ken B‑Impfung kos­ten­los anbie­ten zu kön­nen. Die finan­zi­el­len Restrik­tio­nen schrän­ken mei­nen Hand­lungs­spiel­raum lei­der oft ein.

Johan­nes Stein­hart: Jede Aus­wei­tung des kos­ten­freien Impf­kon­zep­tes ist als Ver­deut­li­chung der Wich­tig­keit des The­mas Imp­fen zu begrü­ßen. Vie­ler­orts hält sich immer noch die Ein­stel­lung „Was die Kasse nicht zahlt, kann nicht not­wen­dig sein“. Davon müs­sen wir uns ver­ab­schie­den. Aus den Erfah­run­gen der letz­ten Grip­pe­sai­son mit neun Todes­fäl­len bei Kin­dern und einer hohen grip­p­ebe­ding­ten gene­rel­len Übersterb­lich­keit sollte man ler­nen und zumin­dest für Kin­der­gar­ten­kin­der – die die Vek­to­ren der Infek­tion sind – so wie in ande­ren Län­dern, wie Eng­land und Deutsch­land, die Grip­pe­imp­fung ins natio­nale Impf­pro­gramm aufnehmen.

Wann ist mit dem e‑Impfpass zu rech­nen und wie wird die­ser aussehen?

Beate Har­tin­ger-Klein: Ende 2020 soll die Pilo­tie­rung in Arzt­pra­xen in Wien, Nie­der­ös­ter­reich und der Stei­er­mark abge­schlos­sen und eva­lu­iert sein. Danach soll der e‑Impfpass stu­fen­weise öster­reich­weit und auf alle Alters­grup­pen aus­ge­dehnt wer­den. Der e‑Impfpass ist Teil einer ELGA-Lösung und biete auch ein Erin­ne­rungs­ser­vice für jeden Bür­ger. Zukünf­tig anste­hende Auf­fri­schungs­imp­fun­gen kön­nen ter­min­ge­recht ein­ge­hal­ten werden.

Johan­nes Stein­hart: Wir Ärzte erwar­ten uns vom elek­tro­ni­schen Impf­pass sowohl ein Plus an Qua­li­tät als auch eine Ser­vice-Ver­bes­se­rung. Ein leich­te­rer Zugriff auf den aktu­el­len Impf-Sta­tus ist ein deut­li­cher Schritt hin zu einer höhe­ren Durch­imp­fungs­rate und zu weni­ger Dop­pel­imp­fun­gen. So könnte im Rah­men der jähr­li­chen Vor­sor­ge­un­ter­su­chung auch gleich der Impf­schutz über­prüft wer­den.

Wie kann man die Durch­imp­fungs­rate in Öster­reich sonst noch erhöhen?

Johan­nes Stein­hart: Der e‑Impfpass ist ein Bei­spiel, wie unnö­tige Hemm­schwel­len abge­baut wer­den kön­nen. Hier sehe ich wei­tere Mög­lich­kei­ten, wie zum Bei­spiel: Jeder Arzt mit Berufs­be­rech­ti­gung soll imp­fen dür­fen. Warum soll ein Kin­der­arzt denn nicht gleich die Eltern, die mit in die Ordi­na­tion kom­men, eben­falls imp­fen dür­fen? Auch ein ein­heit­li­cher Impf­auf­trag für Schul­ärzte wäre ein Schritt zu einer höhe­ren Durchimpfungsrate.

Beate Har­tin­ger-Klein: Allen voran ist hier Auf­klä­rung und Bera­tung der Schlüs­sel zum Erfolg. Den wich­tigs­ten Ein­fluss auf die Mei­nungs­bil­dung und letzt­end­lich Ent­schei­dung für oder gegen das Imp­fen von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern haben die bera­ten­den Ärz­tin­nen und Ärzte. Darum ist es mir ein beson­de­res Anlie­gen, hier auch Hil­fe­stel­lun­gen für die Ärz­te­schaft zu geben, wie man beson­ders auch Gesprä­che mit Impf­skep­ti­kern opti­mie­ren kann. Eine Maß­nahme, die Durch­imp­fungs­rate zu erhö­hen, bie­tet auch der e‑Impfpass mit sei­ner Erin­ne­rungs­funk­tion und der Mög­lich­keit jeder­zeit sei­nen Impf­sta­tus abfra­gen zu können.

Was kann man tun, um die Impf­skep­ti­ker in Öster­reich zu erreichen?

Beate Har­tin­ger-Klein: Das Wort „Skep­sis“ hat für mich etwas zu tun mit Zwei­fel oder auch einer gewis­sen Angst. Gerade bei jun­gen Eltern bekommt diese unter­schwel­lige Angst zusätz­lich einen beson­de­ren Stel­len­wert, wenn es darum geht, ein gesun­des Kind zu imp­fen und dabei das Risiko von Neben­wir­kun­gen ein­zu­ge­hen. Ich kann gut als Mut­ter von zwei Kin­dern die Gedan­ken von Eltern nach­voll­zie­hen. Aber es sollte uns bewusst sein, dass wir mit Imp­fun­gen Erkran­kun­gen ver­mei­den, die mit blei­ben­den Fol­ge­schä­den oder dem Tod ein­her­ge­hen kön­nen. Die heu­tige Genera­tion jun­ger Eltern hat nicht erlebt, wie es sich anfühlt, im Klas­sen­zim­mer zu sit­zen und sich davor zu fürch­ten, der nächste zu sein, der etwa an Kin­der­läh­mung erkrankt. So ver­liert man schnell den Respekt vor vie­len impf­prä­ven­ta­blen Erkran­kun­gen und ist sich des­sen nicht bewusst, wie wich­tig es ist, diese zu ver­mei­den. Ich bin für die öffent­li­che Gesund­heit zustän­dig und trage mit der Ver­mei­dung und Aus­brei­tung von hoch anste­cken­den Krank­hei­ten meine Ver­ant­wor­tung als Gesundheitsministerin.

Johan­nes Stein­hart: Wer sich und seine Kin­der nicht imp­fen lässt, muss sich dar­über im Kla­ren sein, dass er damit höchst unso­li­da­risch han­delt. Wenn wir einen Blick in wirt­schaft­lich weni­ger ent­wi­ckelte Län­der wer­fen – oder auch nur in unsere eigene Ver­gan­gen­heit – dann sehen, wir, wie gefähr­lich Krank­hei­ten sein kön­nen, die bei uns kaum noch eine Rolle spie­len. Pocken, Masern, Röteln oder Polio waren auch hier­zu­lande ein­mal im Kin­des­al­ter die Haupt-Todes­ur­sa­che. Dazu ist es in Öster­reich durch Impf­pro­gramme gekom­men, die für eine Her­den-Immu­ni­sie­rung gesorgt haben. Die Her­den-Immu­ni­sie­rung ver­hin­dert eine Anste­ckung auch für nicht immu­ni­sierte Men­schen, weil sich der Erre­ger nicht aus­brei­ten kann. Vor­aus­set­zung dafür ist, dass die Impf­quote nicht unter ein gewis­ses Maß sinkt. Und das ist eine Frage der Soli­da­ri­tät. In den sozia­len Medien wer­den zudem immer öfter Mythen, Halb­wahr­hei­ten und Unsinn zu einem gefähr­li­chen Cock­tail gemixt, der nur mit kon­se­quen­ter Auf­klä­rungs­ar­beit neu­tra­li­siert wer­den kann.

Wie ste­hen Sie zu einer oft ange­dach­ten Impf­pflicht in Österreich?

Beate Har­tin­ger-Klein: Eine all­ge­meine Impf­pflicht ist für mich kein Thema. Gerade Imp­fen ist ein ganz sen­si­bles Thema und hier kann man mit Zwang viel Scha­den anrich­ten. Die Mög­lich­keit, den Bür­gern einen elek­tro­ni­schen Impf­pass zur Ver­fü­gung zu stel­len, ist für mich eine weit­aus bes­sere Maß­nahme um Durch­imp­fungs­ra­ten zu erhö­hen.

Johan­nes Stein­hart:
Auch ich per­sön­lich bin kein Freund einer Impf­pflicht – ich bevor­zuge ärzt­li­che Auf­klä­rung und setze dabei voll auf die Kom­pe­tenz der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte. Mit ratio­na­ler Bera­tung kön­nen sie im Gespräch mit den Eltern etwaige Vor­ur­teile abbauen und ideo­lo­gi­sche Luft­schlös­ser ein­rei­ßen. Die Crux dabei ist: All das braucht Zeit. Unsere Auf­gabe ist daher, den Ärz­ten diese zu ver­schaf­fen, indem wir gegen über­bor­dende Büro­kra­tie antre­ten und Auf­gabe der Kasse ist es, diese Zeit ange­mes­sen abzu­gel­ten.

Wieso ist es so wich­tig, dass sich auch Ärzte und Per­so­nal im Gesund­heits­we­sen imp­fen lassen?

Beate Har­tin­ger-Klein: Men­schen im Kran­ken­haus sind schwach und krank. Es ist eine Frage der Ver­ant­wor­tung, derer wir uns bewusst sein soll­ten, dass wir viel­leicht diese gefähr­den, die sich selbst nicht schüt­zen kön­nen. Lei­der ist es in der Ver­gan­gen­heit schon pas­siert, dass Per­so­nen im Kran­ken­haus mit impf­prä­ven­ta­blen Erkran­kun­gen wie Masern ange­steckt wer­den. Beson­ders vul­nerable Grup­pen wie Neu­ge­bo­rene, Schwan­gere oder Immun­sup­pri­mierte müs­sen geschützt wer­den. Die Obsorge bezie­hungs­weise Ver­pflich­tung, diese Per­so­nen zu schüt­zen, ergibt sich alleine aus dem Behand­lungs­ver­trag, den die Gesund­heits­ein­rich­tung mit dem Pati­en­ten schließt.

Johan­nes Stein­hart: Für Ärzte sollte ein auf­rech­ter Impf­sta­tus keine Frage sein. Ich sehe das als ethi­sche Ver­pflich­tung, schutz­be­dürf­tige Men­schen nicht zu gefähr­den – ganz abge­se­hen von der Vor­bild­funk­tion, die der Arzt­be­ruf mit sich bringt.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 23–24 /​15.12.2018