Paper of the Month: Wegen uner­wünsch­ter Arz­nei­mit­tel­wir­kung in der Notaufnahme

25.01.2017 | Ser­vice

Der Besuch einer Not­auf­nahme ist in der über­wie­gen­den Zahl der Fälle auf nur ein Medi­ka­ment zurück­zu­füh­ren; ein Vier­tel der Besu­che hatte eine sta­tio­näre Auf­nahme zur Folge. Die am häu­figs­ten invol­vier­ten Arz­nei­mit­tel­klas­sen waren Anti­ko­agu­lan­tien, sys­te­misch ein­ge­setzte Anti­bio­tika, Antidiabetika/​Insulin sowie Opioid-Analgetika.

Nadine She­hab et al. vom US-Cen­­ters for Dise­ase Con­trol and Pre­ven­tion (Divi­sion of Health­care Qua­lity Pro­mo­tion; Atlanta, Geor­gia) unter­such­ten, wie häu­fig Pati­en­ten wegen uner­wünsch­ter Arz­nei­mit­tel­er­eig­nisse die Not­fall­ab­tei­lung in Anspruch neh­men, wel­che Medi­ka­mente beson­ders häu­fig invol­viert sind und wie oft die Pati­en­ten hos­pi­ta­li­siert wer­den. Sie umfas­sen für die 2013 und 2014 die Daten einer reprä­sen­ta­ti­ven Stich­probe von 58 Not­auf­nah­men in den USA, die an einem spe­zi­fi­schen Sur­­veil­lance-Sys­­tem teil­neh­men. Die kli­ni­schen Daten der Pati­en­ten, die eine die­ser Not­auf­nah­men in Anspruch genom­men hat­ten, wur­den durch geschulte Fach­per­so­nen aus­ge­wer­tet. Die Dia­gnose eines uner­wünsch­ten Arz­nei­mit­tel­er­eig­nis­ses wurde durch die behan­deln­den Ärzte in den Not­auf­nah­men gestellt und doku­men­tiert. Zu uner­wünsch­ten Ereig­nis­sen gehör­ten uner­wünschte Wir­kun­gen, all­er­gi­sche Reak­tio­nen, supra­the­ra­peu­ti­sche Wir­kun­gen oder auch lokale Reak­tio­nen auf­grund von rezept­pflich­ti­gen und frei ver­käuf­li­chen Arz­nei­mit­teln, Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­teln und Impf­stof­fen. Fälle von beab­sich­tig­tem Arz­nei­mit­tel­miss­brauch und Non-Adhä­­renz wur­den aus­ge­schlos­sen, ebenso wie­der­holte Not­auf­nah­men auf­grund des glei­chen Ereig­nis­ses. Die sta­tis­ti­schen Ana­ly­sen wur­den jeweils auf die US-ame­­ri­­ka­­ni­­sche Bevöl­ke­rung adjustiert.

Ins­ge­samt wur­den 42.585 Besu­che einer Not­auf­nahme wegen uner­wünsch­ter Arz­nei­mit­tel­er­eig­nisse unter­sucht. Dies ent­spricht einer Rate von vier Not­fall­be­su­chen wegen eines uner­wünsch­ten Arz­nei­mit­tel­er­eig­nis­ses pro 1.000 Ein­woh­ner pro Jahr in den USA. Ein Vier­tel der Besu­che (27 Pro­zent) führte zur Hos­pi­ta­li­sa­tion. In der über­wie­gen­den Zahl der Fälle war das Arz­nei­mit­tel­er­eig­nis auf nur ein Medi­ka­ment zurück­zu­füh­ren (84 Pro­zent). Supra­the­ra­peu­ti­sche Effekte oder die Ein­nahme von zu hohen Dosen bil­de­ten die Haupt­gruppe an uner­wünsch­ten Ereig­nis­sen (37 Pro­zent), gefolgt von uner­wünsch­ten Wir­kun­gen bei emp­foh­le­ner Dosie­rung (28 Pro­zent) und all­er­gi­schen Reak­tio­nen (26 Pro­zent). Medi­ka­ti­ons­feh­ler wur­den bei zehn Pro­zent der Not­fall­be­su­che doku­men­tiert. Die am häu­figs­ten invol­vier­ten Arz­nei­mit­tel­klas­sen waren Anti­ko­agu­lan­tien (18 Pro­zent), sys­te­misch ein­ge­setzte Anti­bio­tika (16 Pro­zent), Antidiabetika/​Insulin (13 Pro­zent) und Opioid-Anal­ge­­tika (sie­ben Pro­zent). Knapp zwei Pro­zent der Besu­che in Not­auf­nah­men wegen uner­wünsch­ter Arz­nei­mit­tel­er­eig­nisse stan­den in Zusam­men­hang mit poten­ti­ell inad­äqua­ten Arz­nei­mit­teln, die bei älte­ren Pati­en­ten grund­sätz­lich ver­mie­den wer­den soll­ten (BEERS Kri­te­rien). Bei Kin­dern unter fünf Jah­ren waren die uner­wünsch­ten Arz­nei­mit­tel­er­eig­nisse vor allem auf Anti­bio­tika zurück­zu­füh­ren. Bei älte­ren Kin­dern und Jugend­li­chen waren Anti­psy­cho­tika die zweit­häu­figste Arz­nei­mit­tel­gruppe, die wegen eines uner­wünsch­ten Ereig­nis­ses in die Not­auf­nahme führte.

Die uner­wünsch­ten Ereig­nisse mani­fes­tier­ten sich zum Teil mit erheb­li­chen kli­ni­schen Sym­pto­men: So wur­den bei knapp 80 Pro­zent der Besu­che im Zusam­men­hang mit Anti­ko­agu­lan­tien (n=6.290) Blu­tun­gen fest­ge­stellt. Bei den Anti­bio­tika (n=6.017 Not­­fall-Besu­che) waren all­er­gi­sche Reak­tio­nen beson­ders häu­fig (64 Pro­zent mild, 18 Pro­zent mode­rat bis schwer). Bei den uner­wünsch­ten Ereig­nis­sen im Kon­text der Anwen­dung von Antidiabetika/​Insulin (n=5.883) han­delte es sich bei knapp 50 Pro­zent der Fälle um Hypo­gly­kämien mit mode­ra­ten bis schwe­ren Fol­gen. Waren Opioid-Anal­ge­­tika invol­viert (n=2.119), wur­den bei einem Drit­tel der Pati­en­ten mode­rate bis schwere neu­ro­lo­gi­sche Wir­kun­gen fest­ge­stellt. Im Ver­gleich mit den Jah­ren 2005 bis 2006 haben die popu­la­ti­ons­be­zo­ge­nen Raten der Besu­che in der Not­auf­nahme beson­ders bei über 65-Jäh­­ri­­gen deut­lich zuge­nom­men: war es 2005/​2006 noch 5,2 Besu­che pro 1.000 Ein­woh­ner, hat sich diese Zahl im Zeit­raum 2013/​2014 mit 9,7/1.000 Ein­woh­ner nahezu verdoppelt.

Die Stu­die von She­hab et al. doku­men­tiert das enorme Aus­maß an uner­wünsch­ten Arz­nei­mit­tel­er­eig­nis­sen als Folge von Ver­ord­nun­gen im ambu­lan­ten Bereich. Dabei unter­schät­zen die Daten die tat­säch­li­che Häu­fig­keit ver­mut­lich noch erheb­lich, denn auf dem Not­fall wer­den pri­mär die drän­gen­den und aku­ten Pro­bleme der Pati­en­ten erfasst. Ste­hen ande­ren Sym­ptome im Vor­der­grund oder ist die Ursa­che der Sym­pto­ma­tik nicht direkt der Medi­ka­tion zuzu­ord­nen, wird das uner­wünschte Arz­nei­mit­tel­er­eig­nis nicht als sol­ches iden­ti­fi­ziert. Zwar sind nicht alle uner­wünsch­ten Arz­nei­mit­tel­er­eig­nisse grund­sätz­lich ver­meid­bar. Den­noch bestä­ti­gen die vor­lie­gen­den Daten den drin­gen­den Hand­lungs­be­darf bei der Ver­bes­se­rung der Medi­ka­ti­ons­si­cher­heit in der ambu­lan­ten Versorgung.

Prof. Dr. Die­ter Schwap­pach, MPH, Pati­en­ten­si­cher­heit Schweiz; www.patientensicherheit.ch

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 1–2 /​25.01.2017