CIRS­me­di­cal – Fall des Monats: Ange­spannte Per­so­nal­si­tua­tion: Gefahr für Patientensicherheit

10.03.2017 | Ser­vice

Wel­che Aus­wir­kung es haben kann, wenn die kom­plette Dienst­mann­schaft einer chir­ur­gi­schen Abtei­lung eines Kran­ken­hau­ses im OP ist und es zu Not­fäl­len kommt, dar­über berich­tet ein Arzt mit mehr als fünf Jah­ren Berufserfahrung.

Ein Mann in der Alters­gruppe zwi­schen 61 und 70 Jah­ren erhält auf der chir­ur­gi­schen Sta­tion eines Kran­ken­hau­ses nach einer auf­wän­di­gen elek­ti­ven gefäß­chir­ur­gi­schen Rekon­struk­tion bei pAVK an der unte­ren Extre­mi­tät einen Hepa­­rin-Per­­fu­­sor. Am nächs­ten Tag kommt es zum Bypass-Ver­­­schluss mit Revi­sion und nor­ma­ler Gerin­nung; Per­fu­sor bleibt. Am zwei­ten Tag neu­er­lich Gefäß­ver­schluss mit Revi­sion und nor­ma­ler Gerin­nung. Nach drit­tem Ver­schluss und drit­ter Revi­sion ist der Pati­ent noch immer nicht wirk­sam anti­ko­agu­liert, was ver­mut­lich den Ver­lust der Extre­mi­tät bedeutet.

Als Ursa­che für die­ses Ereig­nis nennt der mel­dende Arzt, dass an dem besag­ten Frei­tag die kom­plette Dienst­mann­schaft fast bis Mit­ter­nacht im OP war; eine Kon­trolle der Blut­be­funde ist nicht erfolgt. Am Sams­tag war die Dienst­mann­schaft eben­falls den gesam­ten Tag im OP – es erfolgte keine Gerin­nungs­kon­trolle; ebenso auch am Sonn­tag. Nur die Revi­sion fand täg­lich statt.

Als wich­tige Begleit­um­stände die­ses Ereig­nis­ses wird die Reduk­tion von Dienst­rä­dern ange­führt: Zeit­weise sind über­haupt keine Tur­nus­ärzte im Dienst (zehn­mal befand sich im Dezem­ber des Vor­jah­res kein Tur­nus­arzt im Dienst; zehn­mal heuer im Jän­ner). Die Chir­ur­gen sind den gan­zen Tag über im OP; zeit­weise machen Tur­nus­ärzte und Sta­ti­ons­ärzte chir­ur­gi­sche Haupt­dienste. Als beson­ders ungüns­tig hebt der mel­dende Arzt her­vor, dass auch am Wochen­ende trotz mini­ma­ler Dienst­mann­schaft ein elek­ti­ves Pro­gramm für den gesam­ten Tag aus­ge­schrie­ben wird, obwohl auf einer Dop­pel­ab­tei­lung immer Not­fälle kom­men. Auch das Pfle­ge­per­so­nal hat kei­nen Alarm gegeben.

Als Take-Home-Mes­­sage wird Fol­gen­des ange­führt: Wie­der­ein­füh­rung des Sta­­ti­ons-Diens­­tra­­des; Auf­fül­len der Tur­nus­dienst­rä­der; Opt-out für Chir­ur­gen, damit chir­ur­gi­scher Haupt­dienst auch von einem Chir­ur­gen bespielt wer­den kann. Kein elek­ti­ves OPPro­gramm am Wochenende.

Feed­back des CIRS-Team­­s/­­Fach­­kom­­men­­tar

Kommentar/​Lösungsvorschlag bzw. Fall­ana­lyse
Wie­der­holte Revi­sio­nen eines kom­ple­xen Gefäß­pa­ti­en­ten sind per se – wie in die­sem Fall dar­ge­stellt – keine Situa­tio­nen, die nicht kur­zer Hand geplant wer­den kön­nen. Bei der­ar­ti­gen Ein­grif­fen, die eine spe­zi­elle OP-Man­n­­schaft (Gefäß­chir­ur­gen) erfor­dern, ist die ent­spre­chende Orga­ni­sa­tion im Vor­feld zu tref­fen. Es stellt sicher­lich keine opti­male Lösung dar, die dienst­ha­bende Mann­schaft zu okku­pie­ren und damit eine etwaige Akut­ver­sor­gung von Pati­en­ten nicht opti­mal gewähr­leis­ten zu kön­nen. Natür­lich stellt das Arbeits­zeit­ge­setz dies­be­züg­lich eine Kon­tra­pro­duk­ti­vi­tät dar, da es mög­li­cher­weise bei Ein­zel­fäl­len zu Über­schrei­tun­gen der maxi­ma­len Wochen­ar­beits­zeit kom­men kann. In die­sem Fall ist es dem Abtei­lungs­vor­stand mit­tels schrift­li­cher Stel­lung­nahme mög­lich, eine Begrün­dung für die Mehr­dienst­leis­tung zu verfassen.

Gefah­­ren- /​Wiederholungspotential: In besag­tem Fall ist pri­mär ein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­sa­gen vor­lie­gend. Bei rela­tiv geplan­ten, mög­li­cher­weise lang­wie­ri­gen „Spe­zi­al­ein­grif­fen” sollte im Team eine zusätz­li­che Mann­schaft bereit­ge­stellt wer­den um par­al­lel die Akut­ver­sor­gung bezie­hungs­weise Pati­en­ten­ver­sor­gung des sta­tio­nä­ren Bereichs gewähr­leis­ten zu kön­nen. Die Über­schrei­tung der maxi­ma­len Wochen­ar­beits­zeit stellt in Anbe­tracht des neuen Arbeits­zeit­ge­setz­tes sicher­lich eine große Gefahr dar, doch kann die Über­schrei­tung durch­aus sei­tens des Abtei­lungs­vor­stan­des begrün­det wer­den. Zu hof­fen, dass eine Ver­bes­se­rung der Tur­­nus­­arzt-Situa­­tion eine Pro­blem­lö­sung dar­stellt, ist in den nächs­ten zwei bis drei Jah­ren noch irreal. Dar­über hin­aus kann nicht erwar­tet wer­den, dass Ärzte in der Basis­aus­bil­dung chir­ur­gi­sche Fach­kom­pe­tenz im Dienst­ge­sche­hen kom­pen­sie­ren können.

Sons­tige Anmer­kun­gen: Inner­be­trieb­li­che Opti­mie­rung bezie­hungs­weise Ver­bes­se­rung der Orga­ni­sa­tion für der­ar­tige Situationen.

Exper­tIn der KRAGES
(medi­­­zi­­nisch-fach­­li­cher Aspekt, Chirurgie)

Tipp: www.cirsmedical.at

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 5 /​10.03.2017