Nach­ruf Wal­ter Dorner

15.07.2017 | Politik

Der ehe­ma­lige Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer, Gene­ral­ma­jor a.D. Medi­zi­nal­rat Wal­ter Dor­ner, ist Anfang Juli nach lan­ger schwe­rer Krank­heit verstorben.

Mit der ein­stim­mi­gen Wahl zum Prä­si­den­ten der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer beim Kam­mer­tag im ober­ös­ter­rei­chi­schen Gein­berg war Wal­ter Dor­ner im Juni 2007 am Höhe­punkt sei­ner stan­des­po­li­ti­schen Kar­riere ange­kom­men. Zusam­men mit sei­nem Vize Artur Wech­sel­ber­ger, den Kuri­en­spit­zen Gün­ter Waw­row­sky und Harald Mayer sowie Finanz­re­fe­rent Oth­mar Haas sollte er in den kom­men­den fünf Jah­ren die Geschi­cke der Stan­des­ver­tre­tung len­ken. „All meine Kraft, mein Enga­ge­ment und auch mein Hirn und mein Herz werde ich für die Anlie­gen der Medi­zin und der Ärz­te­schaft ein­set­zen“, erklärte Dor­ner in sei­ner Antritts­rede. Davon soll­ten die Jahre sei­ner Prä­si­dent­schaft geprägt sein.

Begon­nen hat seine Amts­zeit mit einem Kon­flikt. Die Finanz­nöte der sozia­len Kran­ken­ver­si­che­rung mün­de­ten 2008 in einem Geset­zes­ent­wurf für eine Gesund­heits­re­form, die eine Abkehr vom kon­sen­sua­len Ver­trags­part­ner­sys­tem, ein minis­te­ri­el­les Dik­tat für die medi­zi­ni­sche Behand­lung sowie einen poli­ti­schen Macht­zu­wachs der Wirt­schafts­kam­mer bedeu­tet hätte. Ver­hand­lun­gen mit der dama­li­gen Regie­rungs­spitze (Gusenbauer/​Mol­te­rer) blie­ben erfolg­los, der Kon­flikt eska­lierte. Anfang Juni kam es unter dem Motto „Seids krank?“ zur von der eben­falls von Wal­ter Dor­ner als Prä­si­dent geführ­ten Ärz­te­kam­mer Wien orga­ni­sier­ten Groß­de­mons­tra­tion mit einer Kund­ge­bung auf dem Ball­haus­platz – ohne Wal­ter Dor­ner. Er saß in Ber­lin wegen eines Streiks der Luft­hansa fest. Kurz dar­auf folgte ein Pro­test­marsch von rund 8.000 Ärz­tin­nen und Ärz­ten über den Ring zum Par­la­ment, der in einem flam­men­den Appell des ÖÄK-Prä­si­den­ten an den Natio­nal­rat gip­felte. Mehr als 300.000 Unter­schrif­ten für ein Pati­en­ten­be­geh­ren wur­den gesam­melt; am 16. Juni schließ­lich waren öster­reich­weit die Ordi­na­tio­nen nahezu lücken­los geschlos­sen. Insi­der berich­ten, dass die Ärz­te­pro­teste nicht nur zum Schei­tern der so genann­ten Gesund­heits­re­form­pläne führ­ten, son­dern auch zum Rück­tritt der Regie­rung Gusen­bauer-Mol­te­rer mit anschlie­ßen­den Neu­wah­len beitrugen.

Der Kon­flikt führte zu einem umfang­rei­chen Ver­trag mit dem Haupt­ver­band im Juni 2009, bei dem der Grund­satz „Ver­trag vor Gesetz“ ver­ein­bart wurde. Die­ser war jedoch nur von kur­zer Dauer, da der dama­lige Haupt­ver­bands­chef Hans Jörg Schel­ling 2010 den „Mas­ter­plan Gesund­heit“ prä­sen­tierte: Die künf­tige Bedarfs­pla­nung für den ambu­lan­ten Bereich sollte aus­schließ­lich durch die Finan­ciers im Gesund­heits­we­sen ohne Leis­tungs­er­brin­ger erfol­gen. Wei­tere Pro­teste folg­ten dann 2012, bereits unter dem Nach­fol­ger von Wal­ter Dorner.

60 Jahre ÖÄK

Auch ein beson­de­res Jubi­läum fiel in seine Amts­zeit: 2009 wurde das 60-jäh­rige Jubi­läum der Wie­der­errich­tung der Ärz­te­kam­mern nach dem Zwei­ten Welt­krieg began­gen. Mit dem neuen Ärz­te­ge­setz wurde die Basis für die Frei­be­ruf­lich­keit der Ärzte geschaf­fen. „Wir sind ein freier Beruf – und das wol­len wir auch in Zukunft blei­ben. Der Stolz und die Freude über das in die­ser Zeit Geleis­tete und Erreichte sol­len uns Ansporn und Trieb­fe­der für die Zukunft sein“, sagte Dor­ner aus die­sem Anlass.

Wei­tere zen­trale Punkte sei­ner fünf­jäh­ri­gen Amts­zeit war die Ein­füh­rung des Feh­ler­be­richts- und Lern­sys­tems CIRS­me­di­cal, die Grün­dung der Platt­form Pati­en­ten­si­cher­heit, die 13. Ärz­te­ge­setz- Novelle, die eine Klar­stel­lung und Erwei­te­rung der Kom­pe­ten­zen der ÖÄK im eige­nen wie im über­tra­ge­nen Wir­kungs­be­reich brachte. Das geplante Wei­sungs­recht des Gesund­heits­mi­nis­ters bei der ÖQMed konnte ver­hin­dert wer­den; die ärzt­li­che Selbst­eva­lu­ie­rung blieb im Wir­kungs­be­reich der ÖÄK. Akti­vi­tä­ten gab es auch bei der Fort­bil­dungs­platt­form www.meindfp.at mit dem online Fort­bil­dungs­konto und dem DFP-Lite­ra­tur­stu­dium, einen kurz­fris­ti­gen ver­trags­lo­sen Zustand mit der SVA 2010 sowie die Grün­dung der Gesund­heits­be­ru­fe­kon­fe­renz unter Feder­füh­rung der ÖÄK.

Ethos, Kom­pe­tenz und Frei­heit stell­ten für Wal­ter Dor­ner die Basis des ärzt­li­chen Berufs, der ärzt­li­chen Beru­fung dar. Die indi­vi­du­elle und kol­lek­tive ärzt­li­che Ver­ant­wor­tung sah er zual­ler­erst in der Ver­pflich­tung, im Span­nungs­feld zwi­schen Poli­tik und Öko­no­mie die huma­nis­ti­schen und sozia­len Werte am Leben zu hal­ten und dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Ärz­tin­nen und Ärzte pri­mär im Dienste der Pati­en­ten ste­hen. Sein per­sön­li­cher Zugang zur ärzt­li­chen Tätig­keit war vom Huma­nis­mus geprägt und zutiefst christlich-sozial.

Wal­ter Dor­ner wurde 1942 im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Neun­kir­chen gebo­ren, ver­brachte seine Kind­heit im Bur­gen­land und matu­rierte in Mat­ters­burg. Medi­zin­stu­dium an der Uni­ver­si­tät Wien. 1969 erfolgte die Pro­mo­tion zum Dok­tor der gesam­ten Heil­kunde, anschlie­ßend Tur­nus und Fach­arzt­aus­bil­dung zum Fach­arzt für Chir­ur­gie am Kran­ken­haus Gött­li­cher Hei­land in Wien, spä­ter dann im Hee­res­spi­tal in Wien Stamm­ers­dorf, wo er Kom­man­dant und ärzt­li­cher Lei­ter war. Ebenso war er in wei­te­rer Folge auch Kom­man­dant der Van Swieten-Kaserne.

Seine stan­des­po­li­ti­sche Akti­vi­tät begann 1981 mit der Wahl in die Wie­ner Voll­ver­samm­lung, ab 1985 war er Vor­stands­mit­glied der Ärz­te­kam­mer Wien. Die Ver­lei­hung des Berufs­ti­tels Medi­zi­nal­rat folgte, er wurde zum Bri­ga­dier ernannt, spä­ter zum Gene­ral­ma­jor. 1996 wurde er 3. Vize­prä­si­dent der Ärz­te­kam­mer Wien, seit Juni 1999 war er deren Prä­si­dent. 2003 wurde er im Amt bestä­tigt und gleich­zei­tig ers­ter Vize­prä­si­dent der ÖÄK. In sei­ner drit­ten Amts­zeit als Wie­ner Ärz­te­kam­mer­prä­si­dent wurde Dor­ner auch zum ÖÄK-Prä­si­den­ten gewählt.

Zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen wür­dig­ten seine Ver­dienste: das Gol­dene Ehren­zei­chen der Ärz­te­kam­mer für Wien, das Große Ehren­zei­chen der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer, das Große Gol­dene Ehren­zei­chen für Ver­dienste um die Repu­blik, der Gol­dene Rat­haus­mann der Stadt Wien und die Ehren­mit­glied­schaft in der Gesell­schaft der Ärzte.

Bei sei­ner Ver­ab­schie­dung im Jahr 2012 im Rah­men des Kam­mer­tags in Bre­genz erklärte Nach­fol­ger Artur Wech­sel­ber­ger: „Ich habe sel­ten jeman­den erlebt, der mit so viel per­sön­li­chem Ein­satz sich einer Auf­gabe so gewid­met hat wie Wal­ter Dor­ner.“
Agnes M. Mühlgassner

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 13–14 /​15.07.2017