Hör­stö­run­gen: Früh erken­nen hilft hören

25.11.2017 | Medi­zin


Wäh­rend Hör­stö­run­gen bei Kin­dern durch das Neu­­ge­­bo­­re­­nen-Scree­­ning im Rah­men des Mut­­ter-Kind-Pas­­ses recht­zei­tig detek­tiert wer­den, ist dies bei älte­ren Men­schen oft nicht der Fall – auch des­we­gen, weil der Infor­ma­ti­ons­stand über die Mög­lich­kei­ten, die Hör­leis­tung wie­der­her­zu­stel­len, in Öster­reich sehr unter­schied­lich ist. Die ÖÄZ lud kürz­lich Exper­ten zu einem Round Table.
Von Marion Huber

In der Ordi­na­tion eines HNO-Fach­ar­z­­tes über­wie­gen zah­len­mä­ßig Men­schen in der zwei­ten Lebens­hälfte, die an einer alters­be­ding­ten zuneh­men­den Hör­schwä­che lei­den oder durch andere Fak­to­ren eine Hör­stö­rung ent­wi­ckeln. „Etwa 20 bis 30 Pro­zent der Pati­en­ten in mei­ner Ordi­na­tion suchen mich wegen einer Hör­stö­rung auf. Davon sind etwa zwei Drit­tel Erwach­sene und ein Drit­tel Kin­der“, schil­derte Alex­an­der Nah­ler, nie­der­ge­las­se­ner HNO-Fach­­arzt in Schwe­chat bei Wien.

Schall­lei­tungs­stö­run­gen – Beein­träch­ti­gun­gen im äuße­ren Gehör­gang und/​oder Mit­tel­ohr – kön­nen etwa durch Tuben­funk­ti­ons­stö­run­gen, Pau­ken­er­güsse oder eine Oti­tis media bedingt sein. Stö­run­gen im Innen­ohr wie­derum – soge­nannte Schall­emp­fin­dungs­schwer­hö­rig­kei­ten – wer­den durch eine Schä­di­gung oder unzu­rei­chende Funk­ti­on­der Coch­lea ver­ur­sacht. Hier erfolgt die Ver­sor­gung je nach Schwe­re­grad mit­tels Hör­ge­rät oder Coch­­lea-Implan­­tat. „Die Stan­dard­ver­sor­gung bei einem ent­spre­chen­den Schwe­re­grad besteht zunächst aus einem kon­ven­tio­nel­len Hör­ge­rät“, sagte Nah­ler. In Öster­reich wer­den pro Jahr etwa 70.000 bis 90.000 Hör­ge­räte ver­kauft. Das Coch­­lea-Implan­­tat wie­derum dient der Ver­sor­gung von hoch­gra­di­gen, an Gehör­lo­sig­keit gren­zen­den Hör­stö­run­gen, bei denen ein Hör­ge­rät nicht mehr aus­reicht, um ein Sprach­ver­ständ­nis zu erzielen.

Dabei nimmt der Sprach­pro­zes­sor des Coch­­lea-Implan­­tats über ein Mikro­phon Signale auf, die im Audio­pro­zes­sor nach Fre­­quenz- und Laut­stär­ke­co­die­rung in elek­tri­sche Impulse über­setzt und trans­ku­tan über eine Sen­de­spule draht­los zum Implan­tat (Emp­fän­ger und Sti­mu­la­tor) über­mit­telt wer­den. Das Coch­­lea-Implan­­tat selbst wird hin­ter dem Ohr unter der Haut im Kno­chen­bett ver­an­kert, die Elek­tro­den wer­den in die Coch­lea vor­ge­scho­ben. Das Implan­tat deco­diert die Impulse, die über die Elek­tro­den die Gan­gli­en­zel­len in unter­schied­li­chen Hör­nerven­ab­schnit­ten rei­zen. „Diese Ner­ven­re­ak­tion wird an das Gehirn wei­ter­ge­lei­tet und so kön­nen Sprach­ein­drü­cke wie­der ver­ar­bei­tet wer­den“, fügte Univ. Prof. Wolf­gang Gstött­ner, von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Hals‑, Nasen‑, Ohren­krank­hei­ten an der Med­Uni Wien, hinzu. Han­delt es sich um andere Hör­stö­run­gen, die eben­falls nicht mehr aus­rei­chend mit Hör­ge­rä­ten ver­sorgt wer­den kön­nen, kom­men Mit­­­tel­ohr­i­m­­plan­­tat- Sys­teme, Kno­chen­­lei­­tungs­­i­m­­plan­­tat-Sys­­teme oder aber – bei par­ti­el­lem Hör­ver­lust – Hör­i­m­­plan­­tat-Sys­­teme zur Elek­trisch Akus­ti­schen Sti­mu­la­tion zur Anwendung.

Coch­­lea-Implan­­tat: Öster­reich als Pionier

Bereits in den 1970er Jah­ren haben Univ. Doz. Inge­borg Hoch­­­mair-Des­oyer und ihr Ehe­mann Prof. Erwin Hoch­mair an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien ihre For­schungs­ar­bei­ten zum welt­weit ers­ten mikro­elek­tro­ni­schen Mehr­­ka­­nal-Coch­­lea- Implan­tat begon­nen. Die­ses wurde im Dezem­ber 1977 an der HNO-Kli­­nik des Wie­ner AKH erst­mals einem Men­schen implan­tiert. „Seit­her wurde die Tech­no­lo­gie durch viel For­­schungs- und Ent­wick­lungs­ar­beit und Koope­ra­tio­nen mit For­schern aus aller Welt kon­ti­nu­ier­lich wei­ter­ent­wi­ckelt“, berich­tete Inge­borg Hoch­mair über den aktu­el­len Stand der Dinge.

Petra Trieb war einer der ers­ten Pati­en­ten, die am AKH Wien ein neues Coch­­lea- Implan­tat erhiel­ten – für Gstött­ner auch heute noch eine „Pio­nier­leis­tung“. Denn: „Wir hat­ten mit dem neuen Sys­tem noch nicht die Erfah­rung mit Hun­der­ten ande­ren Pati­en­ten. Wir haben aber eine sehr hohe Leis­tung und ein gutes Sprach­ver­ständ­nis durch das neue Implan­tat erwar­tet.“ Bei der 13-jäh­­ri­­gen Petra Trieb führte ein grip­pa­ler Infekt mit schlei­chen­dem Ver­lauf zu einer Menin­gi­tis. Als sie aus dem Koma erwachte, konnte sie „von einem Tag auf den ande­ren nichts mehr hören“. Heute arbei­tet sie als kauf­män­ni­sche Ange­stellte in der Steiermark.

Wenn bei einem Betrof­fe­nen Hör­funk­tion und Sprach­ver­ständ­nis ein­mal vor­han­den waren, kann eine Coch­­lea-Implan­­ta­­tion grund­sätz­lich in jedem Lebens­al­ter erfol­gen. Gene­rell – vor allem im Kin­des­al­ter – aber gilt: je frü­her implan­tiert wird, desto bes­ser. Die Exper­ten hoben in die­sem Zusam­men­hang die Bedeu­tung des Neu­­ge­­bo­­re­­nen-Hör­­s­cree­­nings her­vor, das in Öster­reich seit 2003 im Mut­­ter-Kind- Pass ver­an­kert ist. Nah­ler dazu: „Das Scree­ning hat dazu geführt, dass wir die Kin­der recht­zei­tig detek­tie­ren und ent­spre­chend einer frü­hen Ver­sor­gung zufüh­ren kön­nen.“ So könne „jeder Monat, jede Woche“ für den Sprach­er­werb genutzt wer­den, wie Univ. Prof. Patrick Zorowka, Vor­stand der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Hör‑, Stimm- und Sprach­stö­run­gen der Med- Uni Inns­bruck, hin­zu­fügte: „Denn zwi­schen Kin­dern, bei denen Hör­stö­run­gen spät erkannt und dadurch spät ver­sorgt wur­den und jenen, bei denen sie früh­zei­tig erkannt wur­den, lie­gen in der Sprach­kom­pe­tenz ganze Welten.“

Daher sei das Ziel, die Dia­gnose in den ers­ten Lebens­mo­na­ten zu stel­len, wie Gstött­ner wei­ter aus­führte. Im ers­ten Halb­jahr soll die Vor­un­ter­su­chung abge­schlos­sen wer­den und bis zum Ende des ers­ten Lebens­jah­res soll – bei gesi­cher­ter Indi­ka­tion und nach einer vor­aus­ge­hen­den opti­ma­len Hör­ge­rä­te­ver­sor­gung – implan­tiert wer­den. „Es hat sich gezeigt, dass das Gehirn von Kin­dern lernt, opti­mal mit dem Implan­tat umzu­ge­hen, wenn sie früh implan­tiert wer­den. Dann hören sie nach inten­si­vem Trai­ning prak­tisch wie nor­mal hörende Kinder.“

Nah­ler ver­wies auch auf die Nach­sor­ge­un­ter­su­chung, die der Mut­­ter-Kind-Pass im sieb­ten bis neun­ten Lebens­mo­nat vor­sieht: „Im Rah­men der HNO-Unter­­su­chung müs­sen wir dar­auf ach­ten, dass wir kei-ne Kin­der mit Hör­stö­run­gen über­se­hen.“ Dem stimmte Zorowka zu: Weil bei Kin­dern Mit­­­tel­ohr-bedingte Schwie­rig­kei­ten sehr häu­fig sind, werde oft ver­kannt, dass sich dahin­ter auch eine Schwer­hö­rig­keit des Innen­ohrs ver­ber­gen kann, die sich erst nach der Geburt all­mäh­lich ent­wi­ckelt hat. „Dadurch ver­geht wert­volle Zeit, das Kind der rich­ti­gen The­ra­pie zuzuführen.“

Die Ope­ra­tion dau­ert durch­schnitt­lich ein bis zwei Stun­den und erfolgt unter Voll­nar­kose. Vom indi­vi­du­el­len Hei­lungs­ver­lauf hängt die Dauer des sta­tio­nä­ren Auf­ent­halts ab; in der Regel sind es fünf bis sie­ben Tage. Ist die Hei­lungs­phase abge­schlos­sen – rund vier Wochen nach der Ope­ra­tion – wird sta­tio­när die Erstan­pas­sung des Sprach­pro­zes­sors vor­ge­nom­men. „Nach der initia­len Anpas­sung fol­gen Opti­mie­rung und Fol­ge­the­ra­pie“, erklärte Zorowka. Im Rah­men der kon­ti­nu­ier­li­chen The­ra­pie folgt ent­we­der ein Hör­trai­ning oder – im Fall von gehör­los gebo­re­nen Kin­dern – die Hör­spra­cherzie­hung. „Die Nach­sorge und Betreu­ung sind eine lebens­lange Auf­gabe“, betonte der Experte.

Infor­ma­tion wei­ter verbessern

Wäh­rend in Öster­reich die große Mehr­heit der gehör­los gebo­re­nen Kin­der zeit­ge­recht ein Coch­­lea-Implan­­tat erhält, sei das bei älte­ren Men­schen häu­fig nicht der Fall. „Da gibt es weiße Fle­cken auf der Land­karte“, weiß Hoch­mair. Wie ganz gene­rell der Infor­ma­ti­ons­stand inÖs­ter­reich sehr unter­schied­lich sei, ergänzte Gstött­ner. Und wei­ter: „Ver­ein­zelt sehen wir immer noch Betrof­fene, die zu lange zuge­war­tet haben, als sich ihre Hör­leis­tung ver­schlech­tert hat. Hier müs­sen wir in Zukunft noch viel mehr infor­mie­ren, damit sie zeit­ge­recht zu uns kommen.“

Auch wer­den die schon jetzt vor­han­de­nen Sys­teme kon­stant wei­ter­ent­wi­ckelt: Mitt­ler­weile gibt es kaum mehr Ein­schrän­kun­gen bei einem MRT; neu­este Implan­tate bei­spiels­weise sind schon bis hin zu drei Tesla Magnet­feld­stärke zuge­las­sen. Und auch die Life Sci­en­ces zie­hen in die­sen Bereich ein: So gibt es bei­spiels­weise Elek­tro­den, die phar­ma­zeu­ti­sche Wirk­stoffe an das Innen­ohr abge­ben – damit kann in Zukunft der Hör­ver­lust mög­lichst sta­bil gehal­ten und eine Rest­funk­tion erhal­ten werden.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 22 /​25.11.2017