Stand­punkt – Vize-Präs. Harald Mayer: Doku­men­ta­tion: weni­ger ist mehr

25.09.2016 | Standpunkt

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Warum auch immer man sich ent­schie­den hat, Spi­tals­arzt zu wer­den: ganz sicher nicht des­we­gen, um dann einen Groß­teil sei­ner Arbeits­zeit mit Doku­men­ta­tion zu verbringen.

Fak­tum ist jedoch, dass wir Spi­tals­ärz­tin­nen und Spi­tals­ärzte mit einer unglaub­li­chen Daten­flut kon­fron­tiert sind – ver­mut­lich wie viele andere Berufs­grup­pen auch. Das Spe­zi­fi­kum bei uns Ärz­ten ist jedoch, dass wir nahezu alles selbst doku­men­tie­ren müs­sen. Unsere jah­re­lan­gen For­de­run­gen nach der flä­chen­de­cken­den Ein­füh­rung von Doku­men­ta­ti­ons­as­sis­ten­ten sind weit­ge­hend unge­hört ver­klun­gen und hat uns in die miss­li­che Situa­tion gebracht, in der wir uns jetzt befin­den: Die Spi­tals­ärz­tin­nen und Spi­tals­ärzte in Öster­reich wen­den rund 40 Pro­zent ihrer Tätig­keit für Doku­men­ta­tion auf. Dabei geht es nicht darum, dass gewisse Dinge ein­fach ärzt­lich doku­men­tiert wer­den müs­sen. Nein, wir reden hier etwa von der Anfor­de­rung von Kon­si­lien, dem Ein­sor­tie­ren von Kur­ven in Befunde oder vom Abschrei­ben von OP-Pro­to­kol­len in Ent­las­sungs­briefe, weil es keine ent­spre­chende EDV-Schnitt­stelle gibt.

Die an sich wich­tige Doku­men­ta­tion hat hier ein Eigen­le­ben ent­wi­ckelt, das die Medi­zin fast schon zweit­ran­gig wer­den lässt. Sieht man sich den Arbeits­all­tag eines Tur­nus­arz­tes an, muss man sich mit­un­ter schon fra­gen, ob er zum Arzt oder zur Schreib­kraft aus­ge­bil­det wird. 50 Pro­zent ihrer Arbeits­zeit wen­den Tur­nus­ärzte für Doku­men­ta­tion auf, hat die aktu­elle IFES-Stu­die unter Spi­tals­ärz­ten ergeben.

Da darf es dann eigent­lich nie­man­den mehr wun­dern, wenn unsere Jung­ärzte unmit­tel­bar nach Stu­di­en­ab­schluss Öster­reich flucht­ar­tig ver­las­sen – auch wenn es jetzt eine zufrie­den­stel­lende Gehalts­si­tua­tion gibt. Hier bewahr­hei­tet sich ein­mal mehr: Geld ist nicht alles. Und die Jungab­sol­ven­ten müs­sen auch nicht lange suchen: Im benach­bar­ten deutsch­spra­chi­gen Aus­land sind unsere Medi­zin-Absol­ven­ten durch­aus begehrt. Deutsch­land bei­spiels­weise hat Platz für 40.000 Ärz­tin­nen und Ärzte.

Das Pro­blem der über­bor­den­den Büro­kra­tie ist nicht wirk­lich neu. Schon seit Jah­ren for­dern wir in die­sem Bereich Maß­nah­men, die zu einer spür­ba­ren Ent­las­tung des Arbeits­all­tags bei­tra­gen. Unsere For­de­rung nach der flä­chen­de­cken­den Ein­füh­rung von Doku­men­ta­ti­ons­as­sis­ten­ten bleibt auf­recht – und man wird dafür auch Geld in die Hand neh­men müs­sen. Es ist drin­gend not­wen­dig, dass die Poli­tik dar­auf reagiert und end­lich die admi­nis­tra­ti­ven Belas­tun­gen von Spi­tals­ärz­ten redu­ziert. Die Kurie Ange­stellte Ärzte hat eine Initia­tive zur Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung gestar­tet. Mit der E‑Mail-Adresse buerokratieabbau@aerztekammer.at sam­meln wir alle Berichte über büro­kra­ti­sche Hemm­nisse im Spitalsalltag.

Im bin über­zeugt davon, dass die Admi­nis­tra­tion in den Spi­tä­lern ohne wei­te­res um die Hälfte redu­ziert wer­den kann – ohne Qua­li­täts­ver­lust. Es müs­sen nur die ent­spre­chen­den Vor­aus­set­zun­gen von Sei­ten der EDV geschaf­fen wer­den. Denn die EDV in den meis­ten Spi­tä­lern erfüllt bei wei­tem nicht, was die Ärz­te­schaft von der EDV erwartet.

Im Zuge all die­ser Maß­nah­men wird sicher­lich auch eine Arbeits­zeit-Fle­xi­bi­li­sie­rung des Per­so­nals im admi­nis­tra­ti­ven Bereich not­wen­dig sein – etwa in der Nacht, am Wochen­ende oder an Fei­er­ta­gen, so dass hier auch ent­spre­chende admi­nis­tra­tive Unter­stüt­zung gewähr­leis­tet ist.

Harald Mayer
2. Vize-Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 18 /​25.09.2016