Stand­punkt – Präs. Artur Wech­sel­ber­ger: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“

10.05.2016 | Standpunkt

© Dietmar Mathis

… wird als eine der Über­le­bens­stra­te­gien der Min­ne­sän­ger des Mit­tel­al­ters über­lie­fert. In der Dis­kus­sion um die Ein­fluss­nahme der phar­ma­zeu­ti­schen Indus­trie auf das ärzt­li­che Han­deln und den dabei erho­be­nen Vor­wür­fen fin­det man sich nicht sel­ten als Arzt in einem Topf mit den vazie­ren­den Barden.

Mit einer schier gren­zen­lo­sen Selbst­ge­rech­tig­keit zeich­nen die Kri­ti­ker unse­res Berufs­stan­des dann Bil­der von Fest­essen und Fern­rei­sen, denen sich die ganze Ärz­te­schaft unter dem Deck­man­tel von Fort­bil­dung und wis­sen­schaft­li­chem Erfah­rungs­aus­tausch genüss­lich hin­gibt. Den Preis dafür trü­gen, so die Initia­to­ren der Anwürfe, vor­nehm­lich die Pati­en­ten durch ver­ord­ne­ten aber unnö­ti­gen Medi­ka­men­ten­kon­sum oder deren Kran­ken­kas­sen als Kostenträger.

Dabei gibt es neben dem Selbst­ver­ständ­nis der Ärzte als Ange­hö­rige eines freien Berufs mit kla­ren ethi­schen Vor­ga­ben und Stan­des­re­geln noch eine Viel­zahl gesetz­li­cher Nor­men und frei­wil­li­ger Beschrän­kun­gen zum Schutz ihrer Unab­hän­gig­keit in der Zusam­men­ar­beit mit der Phar­ma­in­dus­trie. Mehr als die Hälfte unse­rer Mit­glie­der agie­ren in öffent­li­chen Kran­ken­an­stal­ten als Amts­trä­ger und unter­lie­gen damit den stren­gen Kor­rup­ti­ons­be­stim­mun­gen des Straf­rechts. Aber auch von allen ande­ren ver­langt das Ärz­te­ge­setz unbe­ein­flusste Sorg­falts­pflicht in der Behand­lung ihrer Pati­en­ten. Das Arz­nei­mit­tel­ge­setz regelt die kli­ni­schen Prü­fun­gen und schreibt darin die Pflich­ten des Spon­sors, die Qua­li­fi­ka­tion der Prüf­ärzte, die Auf­klä­rung der Pati­en­ten aber auch die Ein­bin­dung der Ethik­kom­mis­sion vor. Selbst die häu­fig kri­ti­sier­ten nicht-inter­ven­tio­nel­len Stu­dien zur Anwen­dungs­be­ob­ach­tung, die Mel­de­pflicht sol­cher Stu­dien, die Pflicht zur Über­mitt­lung des Abschluss­be­rich­tes aber auch das Ver­bot der För­de­rung der Ver­schrei­bung durch sol­che Stu­dien sind in einer minis­te­ri­el­len Ver­ord­nung klar gere­gelt. Die Ver­hal­tens­co­di­ces von Ärz­te­kam­mer und Phar­mig ver­bie­ten ver­lo­ckende Aus­lands­kon­gresse, Ein­la­dun­gen zu Frei­zeit­pro­gram­men und lukul­li­sche Ver­gnü­gun­gen auf Kos­ten der Indus­trie. Sie geben auch vor, dass an Ärzte bezahlte Hono­rare der erbrach­ten Leis­tung ange­mes­sen sein müs­sen. Die trans­pa­rente Erklä­rung von Inter­es­sens­kon­flik­ten wird ebenso als Stan­dard gefor­dert wie die mit spä­tes­tens Juli 2016 gebo­tene Offen­le­gung von Geld­flüs­sen der Indus­trie, die im letz­ten Jahr erfolgt sind.

Jetzt liegt es an der öffent­li­chen Hand und an den Kran­ken­kas­sen, ihren Bei­trag gegen die unter­stell­ten Inter­es­sens­kon­flikte zu leis­ten. Ein ers­ter Schritt dazu wäre die öffent­li­che Finan­zie­rung der For­schung durch den Bund statt der Auf­for­de­rung zur Akquise von Dritt­mit­teln für die Uni­ver­si­tä­ten. Ebenso sind die Sozi­al­ver­si­che­run­gen und die Kran­ken­haus­trä­ger auf­ge­ru­fen, die Finan­zie­rung der ärzt­li­chen Fort­bil­dung zu übernehmen.

Für andere Insti­tu­tio­nen ist es höchste Zeit, vor den eige­nen Türen zu keh­ren. Ein­rich­tun­gen wie das Lud­wig Boltz­mann Insti­tut für HTA, das zu einem Groß­teil von Part­nern wie Gesund­heits­mi­nis­te­rium, Haupt­ver­band der SV und Lan­des­ge­sund­heits­fonds finan­ziert wird oder Fir­men wie die Gesund­heit Öster­reich GmbH mit ihren Bun­des­in­sti­tu­ten ÖBIG und BIQG im Eigen­tum des Bun­des soll­ten ebenso ihre Inter­es­sens­kon­flikte in der Erstel­lung von Stu­dien offen­le­gen wie es von Ärz­ten und Indus­trie gefor­dert wird. – Oder sind sie – ob ihrer öffent­li­chen Eigen­tü­mer, Auf­trag­ge­ber und Spon­so­ren – natur­ge­ge­ben von Ein­fluss­nahme gefeit? Wie objek­tiv und wis­sen­schaft­lich lau­ter sind die Auf­trags­ar­bei­ten, die der Unter­maue­rung poli­ti­scher Inter­es­sen und Ziele die­nen? Täuscht der Ein­druck, dass sol­che HTAs – nicht sel­ten in ver­kürz­ter Form erstellt und auf öko­no­mi­sche Aspekte fokus­siert -, mehr die Pläne der Auf­trag­ge­ber bestä­ti­gen anstatt allen Per­spek­ti­ven – beson­ders denen der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, der Leis­tungs­er­brin­ger und der Wis­sen­schaft – gerecht zu werden?

Inter­es­sens­kon­flikte und unzu­rei­chende Trans­pa­renz wohin man nur schaut. Aber wie hieß es schon im Mit­tel­al­ter? „Wes Brot ich ess, ……“

Artur Wech­sel­ber­ger
Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 9 /​10.05.2016