Im Gespräch – Franz Fisch­ler: Die Gefahr des Schwarz-Weiß

15.12.2016 | Poli­tik

Franz Fisch­ler, Prä­si­dent des Euro­päi­schen Forums Alp­bach, for­dert eine neue Auf­klä­rung und Ant­wor­ten auf den Popu­lis­mus der Gegen­wart. Mög­li­che Lösungs­an­sätze sieht er darin, Dis­kus­si­ons­kul­tur zu ent­wi­ckeln, Kom­pro­misse nicht zu dis­kre­di­tie­ren und einen sys­­te­­misch-gesam­t­haf­­ten Denk­an­satz zu wäh­len. Das Gespräch führte Claus Reitan.

ÖÄZ: Wel­ches Bild bie­tet sich Ihnen als ers­tes bei einem kur­zen Blick auf Gesell­schaft und Gegen­wart? Wel­che Cha­rak­te­ris­tika sehen Sie?
Fisch­ler: Es sind vor allem zwei Phä­no­mene. Zum einen ver­läuft die poli­ti­sche Ent­wick­lung in Öster­reich nicht anders als in ande­ren EU-Län­­dern, jeden­falls nicht der­ma­ßen anders als wir uns das selbst oft­mals ein­zu­re­den ver­su­chen. Wir sind Teil einer zuneh­mend glo­ba­li­sier­ten Welt, an den gro­ßen Schrau­ben wird anderswo gedreht. Öster­reich unter­schei­det sich auch nicht von ande­ren Län­dern, was das Aus­maß an Popu­lis­mus betrifft. Davon sind nicht nur die popu­lis­ti­schen Par­teien befal­len, son­dern auch die tra­di­tio­nel­len Par­teien wer­den stän­dig popu­lis­ti­scher. Das mag eine Reak­tion auf Popu­lis­ten sein – oder es ist ein Man­gel an wir­kungs­vol­len Kon­zep­ten gegen den Popu­lis­mus. Bei uns hat das durch das Phä­no­men Jörg Hai­der nur frü­her begon­nen. Zum ande­ren gibt es Umstände, in denen sich Öster­reich auch deut­lich unter­schei­det. Worin sich Öster­reich von ande­ren Län­dern unter­schei­det, ist unsere Tra­di­tion, The­men nicht mit 100 Pro­zent Ein­satz anzu­ge­hen, son­dern eher lang­sam und zöger­lich. Es ist ein typisch öster­rei­chi­sches Phä­no­men, den Kom­pro­miss bereits gefun­den zu haben, noch ehe das Pro­blem kon­kret benannt und prä­zise iden­ti­fi­ziert ist.

Was kenn­zeich­net Popu­lis­mus? Dass er dem Volk aufs Maul schaut, wie es heißt?
Das ist es nicht. Dem Volk aufs Maul geschaut hat auch Mar­tin Luther, von dem die­ser Satz stammt, der zwar auch ein Popu­list war, aber zusätz­lich Gro­ßes geleis­tet hat. Popu­lis­mus bedeu­tet, Pro­bleme unse­rer Zeit unzu­läs­sig zu ver­ein­fa­chen und Lösun­gen anzu­bie­ten, die zwar logisch klin­gen, in Wirk­lich­keit jedoch falsch sind oder nicht auf­ge­hen. Das zweite und gefähr­li­chere Cha­rak­te­ris­ti­kum des Popu­lis­mus ist, ein für die Demo­kra­tie grund­le­gen­des Prin­zip zu igno­rie­ren, näm­lich das Bemü­hen der wesent­li­chen gesell­schaft­li­chen Kräfte um einen Kom­pro­miss. Das wird rasch als kom­pro­miss­le­risch abge­tan. Das Rin­gen um gemein­same Lösun­gen wird nicht mehr als wesent­li­ches Ele­ment unse­rer Demo­kra­tie begrif­fen. Es erfol­gen keine Abwä­gun­gen, son­dern rasche Abstim­mun­gen. Für Min­der­hei­ten, Anders­den­kende und dif­fe­ren­zierte Fra­gen ist da kein Platz mehr. Es gibt nur noch Ja-Nein-Situa­­ti­o­­nen, und das ist das Gefähr­li­che am Popu­lis­mus. Es war ein schwe­rer Feh­ler, die öffent­li­che Abwer­tung von Kom­pro­mis­sen zuzulassen.

Haben die Eli­ten ver­sagt?
Es ist inso­fern ein Eli­ten­ver­sa­gen, als sich in der Ver­gan­gen­heit die Eli­ten Nase rümp­fend zurück­ge­zo­gen haben und nicht in der Arena erschie­nen sind, in der die jewei­li­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen geführt wur­den. Das ist etwa in Deutsch­land anders. Man geht dort stär­ker direkt auf­ein­an­der zu, führt mehr intel­lek­tu­elle Aus­ein­an­der­set­zun­gen und eine stär­ker von Ethik ange­trie­bene Dis­kus­sion, was mit dem deut­schen Pro­tes­tan­tis­mus zusam­men­hängt und mit dem Hanseatentum.

Die Ursa­che für den Man­gel an Dis­kus­si­ons­kul­tur ver­mu­ten man­che in der Herr­schaft der Habs­bur­ger, der Stel­lung der katho­li­schen Kir­che und im spä­ten Ein­set­zen der Auf­klä­rung.
Das ist eine zu sehr ver­ein­fa­chende Dar­stel­lung. Öster­reich ist sicher eines der Län­der der Gegen­re­for­ma­tion, deren Wir­kung teils bis heute anhält. Die Dok­trin des Fürs­ten Met­ter­nich (1773–1859, Anm.), alles für das Volk aber nichts durch das Volk, ließ die Auf­klä­rung im Volk tat­säch­lich zu kurz kom­men und hat einen Über­wa­chungs­staat her­vor­ge­bracht. Es gab jedoch auch eine sehr auf­ge­klärte Schicht, die zur intel­lek­tu­el­len Spitze Euro­pas gehörte. Ich bin über­zeugt davon, dass wir in der Demo­kra­tie ange­kom­men sind, aber deren Kul­tur sowie jene der Aus­ein­an­der­set­zung wei­ter­ent­wi­ckeln müssen.

Kants Defi­ni­tion der Auf­klä­rung könnte für die Ära der Digi­ta­li­sie­rung und der Ver­net­zung doch lau­ten, den Mut zu haben, sich sei­nes Ver­stan­des ohne Anlei­tung aus dem Inter­net zu bedie­nen?
Das ist eine kor­rekte Beob­ach­tung. Doch man bedient sich nicht nur aus dem Inter­net, son­dern die Ent­schei­dungs­trä­ger – für die unab­hän­gi­ges Den­ken beson­ders bedeut­sam wäre – bedie­nen sich auch der Bera­ter, um nicht den­ken zu müs­sen. Der Unfug der Poli­­tik- und der Medi­en­be­ra­tung ist ein Pro­blem, ebenso dass sich die Poli­tik wei­ters auf Umfra­gen beruft, um sich das Den­ken zu ersparen.

Daher das Gespräch des Euro­päi­schen Forums Alp­bach 2016 über die aus­drück­lich „neue“ Auf­klä­rung?
Ja, wir haben bewusst eine „NEUE“ Auf­klä­rung zum Thema gemacht, weil neue Ansätze erfor­der­lich sind auf­grund der schon ange­spro­che­nen Umstände. Was bedeu­ten Digi­ta­li­sie­rung und Inter­net für das selbst­stän­dige Den­ken? Wel­che neuen Denk­an­sät­zen benö­ti­gen wir in einer glo­ba­li­sier­ten Welt? Wie gehen wir mit der Tat­sa­che um, dass ein wesent­li­cher Teil der Welt sich heute als anti-auf­­­klä­­re­­risch zeigt oder die Auf­klä­rung zur Gänze ablehnt wie die Fun­da­men­ta­lis­ten im Nahen und im Mitt­le­ren Osten, aber auch man­che Aus­sa­gen von Donald Trump und sei­nen Beglei­tern? Es wird nicht mög­lich sein, diese Hal­tun­gen ein­fach zu igno­rie­ren, man muss dafür einen Modus vivendi ent­wi­ckeln. Ein zusätz­li­cher Aspekt, der mit neuer Auf­klä­rung ver­bun­den ist, ist der Umgang mit Kom­ple­xi­tät. Darin liegt eine Her­aus­for­de­rung ers­ten Ran­ges für das 21. Jahr­hun­dert. Wie ent­rin­nen wir dem Silo-Den­­ken, dem Den­ken in ver­ti­kal ange­leg­ten Struk­tu­ren? Die Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät ist in der Wis­sen­schaft unter­ent­wi­ckelt. Es bedarf zwi­schen Wis­sen­schaft, Wirt­schaft und Poli­tik mehr an Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät. Sys­te­mi­sche Denk­an­sätze sind höchst notwendig.

Sollte die Medi­zin einen etwas mehr gesamt­haf­ten Blick auf den Men­schen rich­ten? Anders­rum: Wie sehen Sie unser Gesund­heits­we­sen?
Die Not­wen­dig­keit des gesamt­haf­ten Bli­ckes ist aus medi­zi­ni­scher Sicht nicht neu. Ganz­heits­me­di­zin war bereits in der his­to­ri­schen Heil­kunst und Heil­kunde ein wesent­li­ches Prin­zip. Die medi­zi­ni­sche Qua­li­tät des Gesund­heits­we­sens ist aus mei­ner Sicht als Kon­su­ment sehr gut. Aller­dings hält die Gesund­heits­po­li­tik noch zu sehr an der Repa­ra­tur­me­di­zin fest und ist nicht dar­auf ange­legt, Krank­hei­ten erst gar nicht ent­ste­hen zu las­sen. Hier fehlt es an einer gesamt­haf­ten Betrach­tungs­weise, bei­spiels­weise in der Ver­bin­dung von medi­zi­ni­scher Betreu­ung und Ernäh­rung oder mit dem Frei­zeit­ver­hal­ten. Da lägen noch große Fel­der für das Kran­­ken- und das Ver­si­che­rungs­we­sen brach. Mei­ner Ansicht nach soll­ten die nach Lebens­weise unter­schied­li­chen Risi­ken im Ver­si­che­rungs­we­sen stär­ker berück­sich­tigt wer­den, nicht nur über den Preis von Zigaretten.

Direkt und den­noch dis­kret gefragt: Was ist das Gesün­deste an Ihrem Leben?
Das Gesün­deste? Ich gehöre zur Klasse der Poli­ti­ker, die nicht im Rufe steht, beson­ders gesund zu leben, sonst müsste ich nicht stän­dig mit Gewichts­pro­ble­men kämp­fen. Für mich ist das Gesün­deste, eine posi­tive und opti­mis­ti­sche Ein­stel­lung zum Leben und zur Welt zu haben.

Wie stand es darum wäh­rend der Arbeits­jahre in Brüs­sel?
Da fing das Pro­blem mit der Gesund­heit schon an. Sie wer­den dort nicht gefragt, wie viele Jahre Sie schon in Brüs­sel sind, son­dern wie viele Kilo.

Sie sag­ten damals, Sie lie­ßen sich Ihren Schlaf nicht neh­men.
Das ist heute noch so. Gesun­der Schlaf ist mir wichtig.

Zur Per­son

Franz Fisch­ler pro­mo­vierte 1978 an der Uni­ver­si­tät für Boden­kul­tur, Wien. Nach Lehr­tä­tig­keit an der Uni­ver­si­tät Inns­bruck wurde er Direk­tor der Land­wirt­schafts­kam­mer Tirol (1985–1989), Bun­des­mi­nis­ter für Land- und Forst­wirt­schaft (1989–1994), Mit­glied der Euro­päi­schen Kom­mis­sion von 1995–1999 und von 1999–2004 Prä­si­dent und Ehren­prä­si­dent des Öko­so­zia­len Forums. Seit 2012 ist er Prä­si­dent des Euro­päi­schen Forums Alp­bach. Zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen, Vor­träge sowie Ehren­dok­to­rate und Auszeichnungen.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 23–24 /​15.12.2016