Kin­der und Smart­pho­nes: Von der Sucht, online zu sein

10.09.2016 | Medi­zin

Die rasante Ent­wick­lung im Bereich der Medi­en­tech­no­lo­gie stellt nicht nur Gesell­schaft, Schu­len und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen auf den Prüf­stand, son­dern in ganz beson­de­rer Weise auch Fami­lien. Im Rah­men einer aktu­ell (2016) in Ober­ös­ter­reich durch­ge­führ­ten Kin­­der-Medien-Stu­­die wurde das Medi­en­ver­hal­ten der Drei- bis Zehn­jäh­ri­gen beob­ach­tet. Wäh­rend Spiel­kon­so­len, MP3-Player, das Fes­t­­netz-Tele­­fon und die Tages­zei­tung weni­ger genutzt wer­den, nimmt bei den Sechs- bis Zehn­jäh­ri­gen die Nut­zung von Inter­net, Smart­phone, aber auch Tablet zu. Laut der Stu­die haben mitt­ler­weile 40 Pro­zent der Sechs- bis Zehn­jäh­ri­gen ein Handy oder ein Smart­phone (2014 waren es noch elf Pro­zent), in der Alters­gruppe der Acht- bis Zehn­jäh­ri­gen besitzt die Hälfte der Kin­der bereits ein eige­nes Handy oder Smart­phone. Drei Vier­tel der ober­ös­ter­rei­chi­schen Kin­der und Jugend­li­chen zwi­schen elf und 18 Jah­ren sind via Smart­phone online; bei Jugend­li­chen steigt der Anteil auf bis zu 90 Pro­zent an.

Ähn­li­che Situa­tion in Deutschland

Ein Blick nach Deutsch­land ergibt ein ähn­li­ches Bild, bestä­tigt die KIM-Stu­­die 2014 (Kin­der + Medien, Com­pu­ter + Inter­net). Dabei wur­den rund 1.200 Kin­der sowie ihre Haupt­er­zie­her zum Medi­en­nut­zungs­ver­hal­ten befragt. 63 Pro­zent der Zehn- bis 13-Jäh­­ri­­gen tref­fen ihre Freunde (fast) jeden Tag. Das Handy/​Smartphone als wich­tigs­tes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel zum Ver­sen­den von Nach­rich­ten folgt unmit­tel­bar danach. Chat­ten (43 Pro­zent) und die Com­mu­nity (35 Pro­zent) haben für zwei von fünf Kin­dern die­ser Alters­gruppe große Rele­vanz. Nach regel­mä­ßi­gen Tätig­kei­ten befragt, geben die Sechs- bis 13-Jäh­­ri­­gen in der KIM-Stu­­die an, dass direkt nach den Schul­auf­ga­ben das Fern­se­hen folgt; zwei von fünf Kin­dern hören täg­lich Musik und fast genauso viele geben an, sich täg­lich mit dem Handy/​Smartphone zu beschäftigen. 

Von der stark ange­stie­ge­nen Ver­wen­dung von Han­dys und Smart­pho­nes sind immer mehr Eltern beun­ru­higt, da die Kom­mu­ni­ka­tion oft­mals vor­wie­gend auf die­sem Weg erfolgt. Was auch mit ein Grund dafür sein mag, dass Eltern dem Besitz eines Han­dys im Vor­schul­al­ter viel­fach kri­tisch gegen­über­ste­hen. „Ein gewis­ses Alter sollte nicht unter­schrit­ten wer­den. Ein Handy für Vor­schul­kin­der ist nicht zweck­mä­ßig“, betont Univ. Prof. Andreas Kar­wautz von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Kin­­der- und Jugend­psych­ia­trie am AKH Wien. Die Tat­sa­che, dass Kin­der täg­lich ihr Handy benut­zen, zeige ein­fach, welch hohen Stel­len­wert die­ses für die Kin­der habe. „Man soll dar­aus aber auch kein Drama machen“, bekräf­tigt der Experte. Denn schließ­lich müsse auch der Umgang mit Medien gelernt werden.

Neue Art der Kom­mu­ni­ka­tion

Über­all und jeder­zeit online – das wird durch den mobi­len Inter­net­zu­gang mög­lich. Egal ob es um das Che­cken von Nach­rich­ten geht, den Down­load von Apps, das Aktua­li­sie­ren des Face­­book-Sta­­tus oder die Nach­rich­ten­über­mitt­lung per Whats­App. „Durch das Smart­phone hat sich der Tages­ab­lauf völ­lig ver­än­dert“, merkt Univ. Prof. Michael Musa­lek vom Anton Proksch Insti­tut in Wien kri­tisch an. Im Grunde handle es sich bei einem Smart­phone nicht mehr um ein Tele­fon, son­dern es kämen „haupt­säch­lich die Zusatz­funk­tio­nen zum Einsatz“.

Da sich das Smart­phone meist in Reich­weite befin­det, ist die Ver­lo­ckung groß, sich stän­dig in eine Inter­ak­tion ver­wi­ckeln zu las­sen. „Spe­zi­ell unkon­zen­trierte und hyper­ak­tive Kin­der sind in beson­de­rer Weise gefähr­det“, weiß Musa­lek. In vie­len Berei­chen wie etwa der Kom­mu­ni­ka­tion oder bei der Recher­che von schu­li­schen Belan­gen seien „defi­nierte Chat­rooms sehr hilf­reich“, erklärt Kar­wautz. Dass die Aus­drucks­weise und Wort­wahl in der Kom­mu­ni­ka­tion via Handy/​Smartphone nega­tive Aus­wir­kung auf die spä­tere Spra­che haben könnte bezwei­felt er, da ja die Kin­der nicht unun­ter­bro­chen auf die­sem Weg kom­mu­ni­zie­ren. Kar­wautz wei­ter: „Die posi­ti­ven sozia­len Ver­net­zun­gen durch die neuen Medien ste­hen im Vor­der­grund.“ Anders jedoch ist die Situa­tion bei klei­ne­ren Kin­dern, wenn man bedenkt, dass die Ent­wick­lung der­je­ni­gen Hirn­re­gio­nen, die für das Ver­ar­bei­ten von Sin­nes­emp­fin­dun­gen zustän­dig sind, erst etwa im Alter von fünf Jah­ren abge­schlos­sen ist.

Risiko Online-Sucht

Die Dia­gnose „Online-Sucht“ ist laut Kar­wautz „sehr schwie­rig“ und müsse „sehr indi­vi­du­ell“ erfol­gen. Ist man den gan­zen Tag hin­durch online und geht des­we­gen kei­ner ande­ren Beschäf­ti­gung mehr nach, könne von einem schäd­li­chen Gebrauch gespro­chen wer­den. „Hier ist dann drin­gendst zu emp­feh­len, struk­tu­rell ein­zu­grei­fen und mit dem Kind über einen ver­nünf­ti­gen Gebrauch zu reden“, führt Kar­wautz aus.

Auch im kli­ni­schen All­tag gäbe es Situa­tio­nen, in denen der Umgang mit einem Smart­phone Pro­bleme mache. „Spe­zi­ell dann, wenn sich Jugend­li­che über patho­lo­gi­sches oder gefähr­li­ches Ver­hal­ten wie zum Bei­spiel Sui­zid aus­tau­schen und gegen­sei­tig darin bestär­ken“, berich­tet der Experte aus dem kli­ni­schen Alltag. 

Musa­lek hin­ge­gen sieht die Pro­ble­ma­tik nicht in der Sucht nach dem Smart­phone, son­dern jener nach dem Online-Sein, wo es „natür­lich“ Gefah­ren­mo­mente gäbe. „Hier geht es darum, dass man nicht süch­tig ist nach dem Gerät, son­dern süch­tig danach, online zu sein.“

Tipp: „10 Medi­zi­ni­sche Handy-Regeln“:
www.aekwien.at/aekmedia/Medizinische-Handy-Regeln.pdf

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 17 /​10.09.2016