Öster­rei­chi­scher Impf­tag 2016: Öster­rei­chi­scher Impf­tag 2016

10.02.2016 | Medizin

Der dies­jäh­rige Impf­tag unter dem Motto „Per­so­na­li­sierte Medi­zin – Per­so­na­li­sierte Imp­fun­gen?“ hat den bis­he­ri­gen Besu­cher­re­kord gebro­chen: mehr als 800 Teil­neh­mer konnte die Öster­rei­chi­sche Aka­de­mie der Ärzte, die die Orga­ni­sa­tion über­nom­men hat, heuer ver­bu­chen. Deren Prä­si­dent, Peter Nie­der­mo­ser, zeigte sich erfreut: „Allein die enorme Teil­neh­mer­zahl beim Impf­tag zeigt das hohe Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein der hei­mi­schen Ärz­te­schaft gegen­über den Pati­en­ten und das enorme Inter­esse an neuen Ent­wick­lun­gen in der Medi­zin.“ Von Marion Huber und Agnes M. Mühlgassner

Masern: große Defizite

Wor­auf man beim Impf­tag beson­ders auf­merk­sam gemacht hat: Die Defi­zite bei Immu­ni­sie­run­gen – spe­zi­ell bei Masern – sind in Öster­reich noch immer groß. Laut dem neuen Impf­plan liegt die Durch­imp­fungs­rate bei Kin­dern und Jugend­li­chen zwar für die erste MMR-Imp­fung über 90 Pro­zent, für die zweite MMR-Imp­fung aber nied­ri­ger, weil sie meist um Jahre ver­zö­gert ver­ab­reicht wird. „Mit der Inzi­denz von 13,7 Fäl­len pro einer Mil­lion Ein­woh­ner im Jahr 2014 und 35,8 im Jahr 2015 sind wir damit lei­der noch immer vom Eli­mi­na­ti­ons­ziel von weni­ger als einem Fall pro einer Mil­lion Ein­woh­ner weit ent­fernt“, so die Exper­ten. „Wir errei­chen die Durch­imp­fungs­ra­ten, die für einen Her­den­schutz not­wen­dig sind, nicht mehr“, warnte Univ. Prof. Ursula Wie­der­mann-Schmidt, Lei­te­rin des Insti­tuts für Spe­zi­fi­sche Pro­phy­laxe und Tro­pen­me­di­zin der Med­Uni Wien und wis­sen­schaft­li­che Lei­te­rin des Impf­tags, schon im Vor­feld bei einer Pres­se­kon­fe­renz. Obwohl dank per­so­na­li­sier­ter Imp­fun­gen nun auch Per­so­nen geimpft wer­den kön­nen, die bis­lang wegen ihres schwa­chen Immun­sys­tems von Imp­fun­gen aus­ge­schlos­sen waren, nehme die Impf­skep­sis wei­ter zu. Die Annahme, dass eine „natür­li­che Masern­in­fek­tion das Immun­sys­tem stärkt“, bezeich­net ÖÄK-Impf­re­fe­rent Rudolf Schmitz­ber­ger als „Unsinn“. „Es ist wis­sen­schaft­lich erwie­sen, dass Masern das Immun­sys­tem auf Jahre hin­aus so sehr schwä­chen, dass das Risiko, an Infek­ti­ons­krank­hei­ten zu ster­ben, signi­fi­kant höher ist als bei Geimpften.“

Rück­kehr „ver­ges­se­ner“ Krankheiten 

Wie „ver­ges­sene“ Erkran­kun­gen ohne aus­rei­chende Durch­imp­fungs­ra­ten rasch wie­der ver­mehrt auf­tre­ten, zeigte Univ. Prof. Ingo­mar Mutz, Fach­arzt für Kin­der- und Jugend­heil­kunde, am Bei­spiel Diph­the­rie. Die Neu­erkran­kun­gen wur­den in der Sowjet­union durch ein Impf­pro­gramm Ende der 1950er-Jahre um 90 Pro­zent gesenkt. 1980 lag die Durch­imp­fungs­rate bei mehr als 90 Pro­zent. Nach dem Fall der Sowjet­union ging die Impf­rate auf 50 bis 60 Pro­zent zurück. Das Resul­tat: zwi­schen 1990 und 1998 wur­den wie­der 157.000 Diph­te­rie-Fälle regis­triert. Mutz: „In unse­ren Brei­ten ver­ges­sene Krank­hei­ten kön­nen jeder­zeit wie­der auf­tre­ten. Nur mög­lichst hohe Durch­imp­fungs­ra­ten bil­den einen wirk­sa­men Schutz vor Epidemien.“

Imp­fen unter The­ra­pie mit Biologika? 

Die Frage, ob Imp­fun­gen unter Bio­lo­gika-The­ra­pie nut­zen oder scha­den, stand im Mit­tel­punkt eines Vor­trags von Univ. Prof. Ursula Wie­der­mann-Schmidt vom Insti­tut für Spe­zi­fi­sche Pro­phy­laxe und Tro­pen­me­di­zin der Med­Uni Wien. Die heute vor­wie­gend durch rekom­bi­nante DNA-Tech­no­lo­gie her­ge­stell­ten Bio­lo­gika stel­len – so Wie­der­mann – einen „Mei­len­stein“ bei der Behand­lung von onko­lo­gi­schen und Auto­im­mun­erkran­kun­gen dar. Da The­ra­pien mit Bio­lo­gika zur Immun­sup­pres­sion mit einem erhöh­ten Infek­ti­ons­ri­siko füh­ren, ist Impf­prä­ven­tion wich­tig. Die Imp­fung sollte bevor­zugt vor dem Beginn einer The­ra­pie mit Bio­lo­gika erfol­gen. Inak­ti­vierte Imp­fun­gen soll­ten spä­tes­tens zwei Wochen vor The­ra­pie­be­ginn, Lebend­imp­fun­gen spä­tes­tens vier Wochen vor The­ra­pie­be­ginn erfol­gen. Imp­fung unter Bio­lo­gi­ka­the­ra­pie: Inak­ti­vierte Impf­stoffe – vor­zugs­weise Kon­ju­ga­t­impf­stoffe und Kom­bi­na­ti­ons­impf­stoffe soll­ten ver­wen­det wer­den – sind laut der Exper­tin prin­zi­pi­ell sicher und appli­zier­bar; jedoch ist der Impf­erfolg unsi­cher (Titer­kon­trolle vier bis sechs Wochen nach der Imp­fung). Unter einer The­ra­pie mit Bio­lo­gika sind Lebend­imp­fun­gen kon­tra­in­di­ziert, da die Repli­ka­tion des Impf­vi­rus zu einer mani­fes­ten Infek­tion füh­ren kann. Lebend­impf­stoffe soll­ten nur nach Abset­zen der Bio­lo­gika und einem ent­spre­chen­den Inter­vall geimpft wer­den. Neu­er­li­cher The­ra­pie­be­ginn sollte zwei bis drei Wochen nach der Lebend­imp­fung sein.

Impf­ver­wei­ge­rung: recht­li­che Konsequenzen

Schon zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts – als das Instru­ment der Schutz­imp­fung gerade noch am Beginn stand – wur­den Maß­nah­men ange­dacht, um die Bevöl­ke­rung von der Imp­fung zu über­zeu­gen. Das belegte der Kam­mer­amts­di­rek­tor der ÖÄK, Johan­nes Zahrl, im Rah­men des Impf­tags anhand his­to­ri­scher Doku­mente. Raten Ärzte aus medi­zi­nisch nicht ver­tret­ba­ren Grün­den gene­rell von Schutz­imp­fun­gen ab, müss­ten sie nicht nur mit straf- und zivil­recht­li­chen Fol­gen rech­nen; sie hät­ten auch die berufs- und stan­des­recht­li­chen Kon­se­quen­zen zu tra­gen. Das könne bis zur Strei­chung aus der Ärz­te­liste und damit ein­her­ge­hend zum Ent­zug der Berufs­er­laub­nis gehen.

Über­sicht­li­cher, anwen­der­freund­li­cher und völ­lig über­ar­bei­tet:
Das ist der neue Impf­plan 2016. 

Die wesent­lichs­ten Änderungen:

Ein neues Kapi­tel zu „Imp­fun­gen bei Kin­der­wunsch“
Prin­zi­pi­ell soll­ten alle emp­foh­le­nen Immu­ni­sie­run­gen schon vor einer Schwan­ger­schaft durch­ge­führt wor­den sein. Bei Kin­der­wunsch soll die Immu­ni­tät beson­ders hin­sicht­lich MMR, Vari­zel­len, Diphtherie-Tetanus-Pertussis(-Polio) über­prüft und erreicht werden.

Neue Emp­feh­lun­gen für die Rota­vi­rus-Imp­fung bei Früh­ge­bo­re­nen
Die Rota­vi­rus-Imp­fung kann auch für hos­pi­ta­li­sierte Früh­ge­bo­rene und andere Reif­ge­bo­rene, aber sta­tio­när ver­sorgte Säug­linge ent­spre­chend ihrem chro­no­lo­gi­schen Alter emp­foh­len wer­den – auch auf neo­na­to­lo­gi­schen und päd­ia­tri­schen Intensivstationen.

Neue Rege­lun­gen für Gelb­fie­ber­imp­fun­gen im inter­na­tio­na­len Reiseverkehr

Wei­tere Ergän­zun­gen und Prä­zi­sie­run­gen gibt es ua. in fol­gen­den Kapiteln:

  • FSME, Hepa­ti­tis A, Hepa­ti­tis B, Masern, Menin­go­kok­ken, Pneu­mo­kok­ken, Vari­zel­len, Zoster;
  • Stich­wort Rei­se­imp­fun­gen: Cho­lera, Japa­ni­sche Encephalitis
  • All­er­gi­sche Reak­tio­nen bei Impfungen
  • Imp­fun­gen für Per­so­nen ohne Impfdokumentation

Der Impf­plan 2016 steht unter www.bmg.gv.at zum Down­load zur Verfügung.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 3 /​10.02.2016