Seu­rat, Signac & der Poin­til­lis­mus: Punkt für Punkt

10.11.2016 | Hori­zonte

Win­zige Punkte, einer neben dem ande­ren, Mil­lio­nen davon, in unge­misch­ten Far­ben – erst im Auge des Betrach­ters bil­den sie einen Farb­ef­fekt mit strah­len­der Leucht­kraft. Geor­ges Seu­rat und Paul Signac haben mit dem Poin­til­lis­mus die Male­rei in die Moderne geführt. Von Marion Huber

Oft hat er ein Jahr oder län­ger für ein Gemälde gebraucht: kein Wun­der, hat er doch Mil­lio­nen kleinste Punkte, einen nach dem ande­ren, sorg­fäl­tig gesetzt. Geor­ges Seu­rat hat mit dem Poin­til­lis­mus einen zeit­auf­wen­di­gen Stil begrün­det – einen Stil, der zunächst oft miss­bil­li­gend beäugt wurde, schließ­lich aber einen Mei­len­stein auf dem Weg in die Moderne set­zen sollte. 

Punkt für Punkt – einer wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­ten und logisch durch­dach­ten Theo­rie fol­gend – näherte er sich dabei einem Gesamt­kunst­werk. So, dass sich die dicht gedräng­ten, win­zi­gen Tüp­fel­chen in unge­misch­ten Far­ben auf der Netz­haut des Betrach­ters ver­mi­schen und einen Farb­ef­fekt bil­den, der anders nicht zu errei­chen ist: ein strah­len­des, anhal­ten­des Leuch­ten. Man könnte sagen, in Seu­rats Wer­ken leuch­ten sogar die Schatten.

In der Alber­tina in Wien ent­fal­ten 100 Werke vor den rosa und lila Wän­den der Aus­stel­lungs­räume nun diese Leucht­kraft, die ihres­glei­chen sucht. Dass aus den stren­gen Vor­ga­ben, Far­ben kom­plett zu tren­nen und aus­schließ­lich Punkte zu ver­wen­den, etwas der­art Har­mo­ni­sches ent­ste­hen kann, mag man kaum glau­ben. Dass man sich darin irrt, bewei­sen die Werke eindrucksvoll.

Die Namen der Künst­ler sind klin­gend und wohl­be­kannt: Geor­ges Seu­rat und Paul Signac – als Begrün­der der Stil­rich­tung – oder Théo van Rys­sel­berghe. Aber auch Henri Matisse und André Derain fin­den ihren Platz in den Räu­men: auch sie haben mit Punk­ten gemalt, wenn auch wei­ter aus­ein­an­der­ge­zo­gen oder unter Zuhil­fe­nahme von Kon­tur­li­nien. Damit wird auch die wei­tere Ent­wick­lung vom Punkt, zum Farb­tup­fer, zum Strich, zum Mosa­ik­plätt­chen, zum Farb­fleck bis hin zur Flä­che deut­lich. Zugleich wird in der Aus­stel­lung der Weg des Poin­til­lis­mus in die Abs­trak­tion nachgezeichnet.

Geor­ges Seu­rat: richtungsweisend

Den Beginn und die Rich­tung des Poin­til­lis­mus gab ein Werk Seu­rats vor – „Ein Sonn­tag­nach­mit­tag auf der Insel La Grande Jatte“ (1884–1886). Auch wenn er ein eigent­lich impres­sio­nis­ti­sches Thema – näm­lich die Moment­auf­nahme von Men­schen bei ihrem Frei­zeit­ver­gnü­gen – gewählt hat, rich­tete Seu­rat die ein­zel­nen Punkte streng nach einem Ras­ter und ent­lang der waa­ge­rech­ten und senk­rech­ten Haupt­li­nien aus. Als Seu­rat das Bild 1887 in Brüs­sel aus­stellte, waren zahl­rei­che bel­gi­sche Künst­ler, dar­un­ter auch Théo van Rys­sel­berghe, sofort von ihm ange­tan. Viele lös­ten sich dar­auf­hin abrupt vom Impres­sio­nis­mus und wand­ten sich dem Poin­til­lis­mus zu. Van Rys­sel­berghe stu­dierte die neue Mal­tech­nik und wurde damit zu „dem“ bel­gi­schen Poin­til­lis­ten. Er blieb dem Stil von 1890 bis 1910 treu. Auch einige sei­ner Werke – vor allem seine bekann­ten Frau­en­por­träts – sind in der Aus­stel­lung der Alber­tina vertreten.

Paul Signac: libe­ra­ler und freier

Als Seu­rat 1891 – mit gerade ein­mal 31 Jah­ren – an Diph­the­rie ver­starb, war es vor allem sein Freund und Weg­be­glei­ter Paul Signac, der in seine Fuß­stap­fen trat. Er folgte aber nicht nur streng den Vor­ga­ben Seu­rats, son­dern ent­wi­ckelte die Punkt­tech­nik wei­ter. Indem er einen libe­ra­len Ansatz schuf, befreite er die Maler von der Ver­pflich­tung, nur Punkte zu ver­wen­den. Der Begriff des „Divi­sio­nis­mus“ ent­stand und die Werke waren nicht mehr von win­zi­gen, eng gesetz­ten Punk­ten, son­dern von brei­ten, von­ein­an­der abge­setz­ten Farb­tup­fen und Pin­sel­stri­chen geprägt. Sie soll­ten aus gewis­ser Ent­fer­nung eine Farb­mi­schung ein­ge­hen – die „Farb­zer­le­gung“ war geboren. 

Signacs Bil­der sind vor allem von Land­schaf­ten in hel­len, leuch­ten­den Far­ben geprägt. Auch ihn ver­schlug es – wie Seu­rat – beson­ders oft ans Meer, in die Häfen: in har­mo­ni­schen Rosa‑, Blau- und Gelb­tö­nen erstrah­len Segel­schiffe auf der Lein­wand. So reiste Signac etwa 1904 nach Vene­dig und nahm von sei­ner Reise mehr als 200 kleine Aqua­rell­skiz­zen mit. Noch im Laufe des­sel­ben Jah­res schuf er dar­aus elf Ölbil­der. Die libe­rale Ent­wick­lung, die Signac ange­sto­ßen hatte, wurde gerade von der jün­ge­ren Genera­tion, der u.a. Henri Matisse ange­hörte, wohl­wol­lend ange­nom­men. Lang­sam näherte sie sich dem neuen, dyna­mi­sche­ren Stil. Matisse etwa setzte die Tup­fen wei­ter aus­ein­an­der, setzte Kon­tu­ren und hielt sich nicht mehr streng an die Theo­rie der Kom­ple­men­tär­far­ben. Es war 1905 als sich Matisse – gemein­sam mit André Derain – schließ­lich von fes­ten Regeln und Geset­zen los­sagte und damit den „Fau­vis­mus“ begrün­dete. Es war der Beginn der Klas­si­schen Moderne und Matisse einer ihrer bedeu­tends­ten Vertreter.

Seu­rat, Signac, Van Gogh: Wege des Pointillismus

Bis 8. Jän­ner 2017

Albertina/​Albertinaplatz 1
1010 Wien
www.albertina.at

Geor­ges Seu­rat und die Kunstwelt

1859 in Paris gebo­ren und in wohl­ha­ben­den Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen, wird Seu­rat früh in die Kunst und Male­rei ein­ge­führt. 1878 wird er an der École des Beaux-Arts ange­nom­men, die u.a. auch Henri Matisse besuchte. Nach­dem er eine Aus­stel­lung der Impres­sio­nis­ten besucht hat, ver­lässt er die Ein­rich­tung und setzt sich von da an mit Geo­me­trie, Farb­theo­rien, dem Simul­tan­kon­trast der Far­ben und dem Farb­kreis aus­ein­an­der. 1883 ist er zum ers­ten und ein­zi­gen Mal im Pari­ser Salon ver­tre­ten – mit einer Zeich­nung, dem „Por­trät von Aman-Jean“. 1884 wird sein ers­tes gro­ßes Gemälde – „Eine Bade­stelle bei Asniè­res“ – abge­lehnt; dafür wird es in der Aus­stel­lung der Societé des Artis­tes Indé­pen­dants prä­sen­tiert. Es ist nie­mand gerin­ge­res als Paul Signac, den er dort ken­nen­lernt und mit dem ihn bald eine enge Freund­schaft ver­bin­det. Mit ihm zusam­men nimmt er 1887 an der Eröff­nung der Aus­stel­lung der Künst­ler­ver­ei­ni­gung „Les Vingt“ teil. Zu deren Aus­stel­lun­gen sind in Jah­ren zuvor und danach viele klin­gende Namen wie Auguste Rodin, Camille Pis­s­arro, Henri de Tou­­louse-Lautrec und Vin­cent van Gogh ein­ge­la­den. Kurz nach­dem Seu­rat 1891 zum drit­ten Mal an der Aus­stel­lung teil­nimmt, ver­stirbt er mit gerade ein­mal 31 Jah­ren an Diphtherie.

Seu­rats Werke hän­gen heute in den nam­haf­tes­ten Museen der Welt: dem Metro­po­li­tan Museum of Art in New York, dem Musée d’Orsay in Paris oder der Natio­nal Gal­lery und der Tate Gal­lery in Lon­don. „Das“ Werk des Poin­til­lis­mus – Seu­rats „Ein Sonn­tag­nach­mit­tag auf der Insel La Grande Jatte“ hängt heute im Art Insti­tute of Chi­cago, dem es 1926 als Geschenk zukam. Bei Auk­tio­nen errei­chen seine Bil­der Ver­kaufs­preise in teils uner­war­te­ten Höhen: 2008 wurde seine Zeich­nung „Au divan japo­nais“ bei einer Auk­tion von Sotheby’s um umge­rech­net fast fünf Mil­lio­nen Euro ver­kauft. Sein Werk „La Pro­me­nade“ kam 2010 bei Christie’s auf einen Preis von knapp drei Mil­lio­nen Euro.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 21 /​10.11.2016