Stand­punkt – Vize-Präs. Johan­nes Stein­hart: Blo­ckiert die Blockierer

10.10.2015 | Standpunkt

© Zeitler

Durch meine lang­jäh­rige Tätig­keit als Ärz­te­kam­mer­funk­tio­när kann mich eigent­lich nicht mehr viel ver­wun­dern – sollte man mei­nen. Bei dem Tempo, das die Gesund­heits­po­li­tik jetzt an den Tag legt bei der Schaf­fung der gesetz­li­chen Grund­lage für PHCs ist man trotz all der Erfah­rung der letz­ten Jahre – oder viel­leicht gerade des­we­gen – doch eini­ger­ma­ßen erstaunt, um es vor­sich­tig zu for­mu­lie­ren. Näm­lich vor allem, wenn man sich vor Augen hält, wie lange über andere Dinge ver­han­delt wird.

Aktu­el­les Bei­spiel: das PHC in Wien Maria­hilf. Wir haben mehr als 20 Ver­hand­lungs­run­den gebraucht, um hier zu einer Eini­gung zu kom­men. Ich stehe zu die­sem Pro­jekt. Das brau­chen wir in Zei­ten wie die­sen, in denen junge Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ver­mehrt in Teams zusam­men­ar­bei­ten wol­len und so auch die Work-Life-Balance haben, die sie sich für ihr Leben vor­stel­len. Die­ses PHC in Wien funk­tio­niert, Ärzte und Pati­en­ten sind glei­cher­ma­ßen zufrieden.

Die Ärz­te­kam­mer Wien war es, die die­ses Pro­jekt initi­iert und letzt­lich auch vor­an­ge­trie­ben hat. Öster­reich­weit betrach­tet sind wir mit vie­len her­vor­ra­gend funk­tio­nie­ren­den Netz­wer­ken wie bei­spiels­weise styriamed.net oder auch pan­no­nia­med, das im Ent­ste­hen ist, fle­xi­bel und krea­tiv. Uns also vor­zu­wer­fen, dass wir die Blo­ckie­rer sind, ent­behrt jeg­li­cher Grund­lage. Wenn also ein funk­tio­nie­ren­des PHC in Wien mög­lich ist, wozu brau­chen wir noch ein Gesetz?

Die eigent­li­che Bedro­hung, die in die­sem künf­ti­gen PHC-Gesetz steckt – von dem wir ja bis­lang nur die Eck­punkte ken­nen – ist die geplante Aus­he­be­lung des jetzt gül­ti­gen Gesamt­ver­tra­ges. Damit sol­len die Wei­chen gestellt wer­den für eine neue Ver­trags­ge­stal­tung, in der jeder nie­der­ge­las­sene Arzt dann dem über­mäch­ti­gen Ver­trags­part­ner Sozi­al­ver­si­che­rung allein gegen­über­steht. Auch wer­den kom­mer­zi­el­len Anbie­tern alle Türen geöff­net: Im Vor­der­grund wird dann nicht mehr die beste indi­vi­du­elle Betreu­ung für jeden Pati­en­ten, son­dern wer­den die finan­zi­el­len Inter­es­sen eben die­ser Kon­zerne ste­hen. Letzt­lich will man mit die­sen Plä­nen, an denen der­zeit hin­ter den Kulis­sen inten­sivst gear­bei­tet wird, den freien Arzt aushebeln.

Das ist der Grund, warum wir so kate­go­risch gegen die­ses Gesetz sind. Der Arzt muss frei­be­ruf­lich tätig sein kön­nen, und dafür braucht es viele Frei­heits­grade für die Art sei­ner Berufs­aus­übung. Wir wol­len, dass es auch wei­ter­hin Ein­zel­or­di­na­tio­nen für All­ge­mein­me­di­zi­ner und Fach­ärzte gibt, dass Wahl­ärzte ihre Leis­tun­gen anbie­ten kön­nen – und par­al­lel dazu kann und soll es auch grö­ßere Pri­mär­ver­sor­gungs­ein­hei­ten wie erwei­terte Grup­pen­pra­xen geben.

Jetzt ein­mal abge­se­hen davon, dass ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung mit dem Begriff PHC über­haupt nichts anfan­gen kann – wie eine kürz­lich ver­öf­fent­lichte Umfrage zeigt: Die Men­schen wol­len einen Arzt ihres Ver­trau­ens, ihren Haus­arzt. Und die Ärzte wol­len die Form ihrer Zusam­men­ar­beit selbst bestim­men. In Wien lie­gen zu den der­zeit schon bestehen­den 100 Grup­pen­pra­xen wei­tere 100 Anträge dafür vor. Wer blo­ckiert? Die Wie­ner GKK.

Die Zukunft der Ver­sor­gung liegt in der Ver­net­zung und im Mit­ein­an­der. Darum sollte man die­je­ni­gen, die bewährte Inno­va­tio­nen und zukunfts­wei­sende Wei­ter­ent­wick­lun­gen behin­dern, end­lich in die Schran­ken weisen.

Johan­nes Stein­hart
3. Vize-Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 19 /​10.10.2015