Stand­punkt – Präs. Artur Wech­sel­ber­ger: Medikamentenversorgung

25.11.2015 | Standpunkt

© Dietmar Mathis

Mit einer für das hei­mi­sche Gesund­heits­sys­tem schein­bar sym­pto­ma­ti­schen Droh­ge­bärde hat man die Ver­tre­tung der phar­ma­zeu­ti­schen Indus­trie an den Ver­hand­lungs­tisch und zu finan­zi­el­len Zuge­ständ­nis­sen bewegt. „Nach­ge­ben oder gesetz­li­cher Zwang“ lau­tete die von der Bun­des­re­gie­rung aus­ge­ge­bene Devise, die der Pharma-Indus­trie einen Rabatt abver­langte, um den Kran­ken­kas­sen ihre kol­por­tier­ten 2,5 Mil­li­ar­den an Rück­la­gen unan­ge­tas­tet zu bewahren.

Die ste­reo­ty­pen poli­ti­schen Ver­hal­tens­mus­ter, mit denen die Ärz­te­schaft seit Jah­ren leben muss, hat­ten die­ses Mal einen ande­ren Leis­tungs­an­bie­ter im Sys­tem getrof­fen. Trotz höchst­ran­gi­ger Wirt­schafts­re­prä­sen­tanz in der Haupt­ver­bands­füh­rung konn­ten sich offen­sicht­lich wie­der die­je­ni­gen durch­set­zen, die in den Gesund­heits­ver­sor­gern mehr den Kos­ten­ver­ur­sa­cher oder gar den Aus­beu­ter als den qua­li­fi­zier­ten und wich­ti­gen Leis­tungs­er­brin­ger und Part­ner sehen. Wie sich die desi­gnierte Vor­sit­zende des Haupt­ver­ban­des, die wie ihr Vor­vor­gän­ger aus der Posi­tion eines Ver­tre­ters des Prä­si­den­ten der Bun­des­wirt­schafts­kam­mer star­tet, in die­sem Umfeld füh­len und behaup­ten wird, wer­den wir sehen. Jeden­falls kann man aus dem Umgang mit der phar­ma­zeu­ti­schen Indus­trie erah­nen, welch schwie­ri­gen Stand die nie­der­ge­las­se­nen Ärzte haben, um ihre Vor­schläge zur Siche­rung der wirt­schaft­li­chen Situa­tion der Pra­xen und der Ver­bes­se­rung der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung durch­zu­brin­gen. Schließ­lich neh­men Poli­tik und Sozi­al­ver­si­che­run­gen sie kaum als Unter­neh­mer wahr, geschweige denn wer­den sie in ihrer Stel­lung als der Unab­hän­gig­keit, Wis­sen­schaft­lich­keit und Ethik ver­pflich­tete Frei­be­ruf­ler akzep­tiert. Zu die­ser Igno­ranz passt es, dass ihre ärzt­li­che Inter­es­sens­ver­tre­tung aus der Mit­spra­che in Bun­des- und Lan­des­ziel­steue­rungs­kom­mis­sio­nen aus­ge­schlos­sen wurde und in viele Bera­tungs­gre­mien oft erst nach lau­ter Rekla­ma­tion ein­ge­bun­den wird.

Auch andere zum Thema Medi­ka­mente pas­sende Mel­dun­gen hat es in den letz­ten Wochen gege­ben. So erreichte ein Vor­schlag des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums die Arzt­pra­xen, wie mit einer Knapp­heit an Impf­stof­fen mit Kom­po­nen­ten gegen Diph­the­rie, Teta­nus, Polio und Per­tus­sis umzu­ge­hen sei. Dabei kann man sich als Leser des Ein­drucks einer gewis­sen Resi­gna­tion nicht ent­zie­hen, wenn bei den Alter­na­ti­ven zu nicht ver­füg­ba­ren Mehr­fachimpf­stof­fen ver­merkt wird, dass auch der Polio Salk-Impf­stoff als zu kom­bi­nie­rende Ein­zel­kom­po­nente der­zeit kaum ver­füg­bar sei. Ein Ver­sor­gungs­man­gel, der jedem ver­schrei­ben­den Arzt auch bei ande­ren Medi­ka­men­ten seit län­ge­rer Zeit immer öfter auffällt.

Gerade ange­sichts die­ser Zustände in der Medi­ka­men­ten­ver­sor­gung klingt es irri­tie­rend, wenn die Apo­the­ker­kam­mer mit der „Zukunfts­vi­sion“ einer für die Kran­ken­kas­sen hono­rie­rungs­pflich­ti­gen halb­jähr­li­chen Medi­ka­men­ten­be­ra­tung durch den Apo­the­ker auf­hor­chen lässt. Schließ­lich sollte ja die Sicher­stel­lung der Ver­sor­gung mit den von Ärz­ten ver­ord­ne­ten Medi­ka­men­ten die Geschäfts­grund­lage der Apo­the­ken dar­stel­len und nicht Umsätze mit den Kran­ken­kas­sen aus einer vom Krank­heits­bild und der indi­vi­du­el­len Behand­lungs­not­wen­dig­keit los­ge­lös­ten Bera­tung. Die­ser Sicher­stel­lungs­auf­trag ist es ja letzt­lich, der die markt­feind­li­chen Regu­lie­run­gen wie Fremd­be­sitz­ver­bot, Preis­bin­dung, Pro­dukt­mo­no­pol und Gebiets­schutz recht­fer­ti­gen soll. Diese Markt­zu­gangs­schran­ken zum Schutz der öffent­li­chen Apo­the­ken sind es aber, die gerade am Land oft einer Ver­bes­se­rung der medi­ka­men­tö­sen Ver­sor­gung durch ärzt­li­che Haus­apo­the­ken ent­ge­gen­ste­hen. Bar­rie­ren, die die Schwächs­ten – meist Alte und Immo­bile – in ent­le­ge­nen Regio­nen mit schlech­ter öffent­li­cher Ver­kehrs­in­fra­struk­tur tref­fen und den Erhalt eines vom Arzt ver­ord­ne­ten und drin­gend benö­tig­ten Medi­ka­ments nicht sel­ten zum Spieß­ru­ten­lauf machen.

Artur Wech­sel­ber­ger
Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 22 /​25.11.2015