Pati­en­ten­si­cher­heit: Reduk­tion von Feh­lern bei Patientenübergabe

25.02.2015 | Ser­vice

Auch große mul­ti­zen­tri­sche Pro­gramme brin­gen erheb­li­che Ver­bes­se­run­gen bei Über­ga­ben. Dies zeigt sich auch in redu­zier­ten Feh­ler­ra­ten sowie deut­lich weni­ger ver­meid­ba­ren uner­wünsch­ten Ereig­nis­sen. Ein aktu­el­les, von der Pati­en­ten­si­cher­heit Schweiz erstell­tes „Paper oft he Month“, beschäf­tigt sich damit.

In einer gro­ßen mul­ti­zen­tri­schen Stu­die in den USA wurde die Wirk­sam­keit einer Über­­­gabe-Inter­­ven­­tion unter­sucht, und zwar anders als in vie­len bis­he­ri­gen Stu­dien hin­sicht­lich pati­en­ten­re­le­van­ter Out­co­mes (uner­wünschte Ereig­nisse). Die Inter­ven­tion (I‑PASS) rich­tet sich an Assis­tenz­ärzte und besteht aus einer Merk­hilfe (Mne­mo­nik) zur Stan­dar­di­sie­rung von münd­li­chen und schrift­li­chen Über­ga­ben, einem Über­­­gabe- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­trai­ning für die Mit­ar­bei­ten­den, Simu­la­tion und Rol­len­spiel zum prak­ti­schen Trai­ning, einem E‑Le­ar­­ning-Modul, Beob­­ach­­tungs- und Fee­d­­back-Instru­­men­­ten und einer Nachhaltigkeitskampagne.

Neun päd­ia­tri­sche Abtei­lun­gen aus den USA und Kanada nah­men an der Stu­die teil. Alle Mit­ar­bei­ten­den waren wäh­rend der Stu­di­en­zeit ver­pflich­tet, die münd­li­chen und schrift­li­chen Über­ga­ben nach dem I‑PASS-Modell durch­zu­füh­ren. In einem Vor­­her-Nach­­her-Design wur­den umfang­rei­che Daten erho­ben: Uner­wünschte Ereig­nisse und medi­zi­ni­sche Feh­ler wur­den durch Ana­lyse der Kran­ken­ak­ten, stan­dar­di­sierte Aus­künfte von Mit­ar­bei­ten­den und die loka­len CIRS erho­ben. Die Qua­li­tät der Über­ga­ben wurde durch Ana­lyse der schrift­li­chen Über­­­gabe-Doku­­mente und der Ton­auf­nah­men von münd­li­chen Über­ga­ben beur­teilt. Es wurde geprüft, ob die 14 gefor­der­ten Ele­mente einer „guten Über­gabe“ erfüllt waren. Vor und nach der Ein­füh­rung der Inter­ven­tion wur­den Bewe­­gungs-Zeit-Beob­­ach­­tun­­­gen (time-and-motion) durch­ge­führt. Dabei ging es vor allem um das Ver­hält­nis der Zei­ten, die für Über­ga­ben am Com­pu­ter und am Pati­en­ten ver­bracht werden.

Ins­ge­samt wur­den die Daten von 10.740 Pati­en­ten in die Stu­die auf­ge­nom­men (5.516 vor und 5.224 nach der Inter­ven­tion). 875 Assis­tenz­ärzte nah­men am Pro­gramm teil. Die Feh­ler­rate betrug 24,5/100 Auf­nah­men vor der Inter­ven­tion und 18,8/100 Auf­nah­men nach der Inter­ven­tion (rela­tive Reduk­tion 23 Pro­zent, p<0,001). Vor allem im Bereich der Dia­gnose und Ana­mnese tra­ten weni­ger Feh­ler auf. Sechs der neun Abtei­lun­gen erreich­ten signi­fi­kante Abnah­men der Feh­ler­in­zi­denz. Die Rate der ver­meid­ba­ren uner­wünsch­ten Ereig­nisse sank von 4,7/100 Auf­nah­men bis auf 3,3/100 Auf­nah­men (rela­tive Reduk­tion 30 Pro­zent, p<0,001). Die Häu­fig­keit nicht­ver­meid­ba­rer uner­wünsch­ter Ereig­nisse redu­zierte sich erwar­tungs­ge­mäß nicht. Die Qua­li­tät der unter­such­ten Über­ga­ben (5.752 schrift­li­che und 2.281 münd­li­che Über­ga­ben) ver­bes­serte sich deut­lich. Die Häu­fig­keit der Bear­bei­tung aller 14 defi­nier­ten Schlüs­­sel-Ele­­mente nahm signi­fi­kant zu. Die für münd­li­che Über­ga­ben benö­tigte Zeit ver­än­derte sich nicht (2,4 vs. 2,5 Minuten/​Patient). Ins­ge­samt wur­den 8.128 Stun­den Bewe­­gungs-Zeit-Sequen­­­zen aus­ge­wer­tet. Es konn­ten keine nega­ti­ven Effekte auf den Arbeits­fluss und keine Unter­schiede in der Zeit beob­ach­tet wer­den, die im Pati­en­ten­kon­takt oder beim Bear­bei­ten der Über­­­gabe-Doku­­mente ver­bracht wur­den. Nach der Inter­ven­tion hat­ten fast alle Assis­tenz­ärzte ein Trai­ning zur Über­gabe erhal­ten (60 Pro­zent vor und 99 Pro­zent nach Inter­ven­tion, p<0,001). Der Anteil der Ärzte, die die Qua­li­tät ihrer Über­­­gabe-Aus­­­bil­­dung als min­des­tens „sehr gut“ beur­teil­ten, nahm eben­falls zu (28 Pro­zent vor und 72 Pro­zent nach der Intervention).

Der in der Stu­die berich­tete posi­tive Effekt von struk­tu­rier­ten Über­ga­ben ist nicht grund­sätz­lich neu. Die Arbeit von Star­mer et al. doku­men­tiert aber in hoher metho­di­scher Qua­li­tät, dass auch große mul­ti­zen­tri­sche Pro­gramme erheb­li­che Ver­bes­se­run­gen in den durch­ge­führ­ten Über­ga­ben bewir­ken und dass sich dies auch in Pati­en­­ten-rele­­van­­ten Ergeb­nis­sen wie redu­zier­ten Feh­ler­ra­ten und deut­lich weni­ger ver­meid­ba­ren uner­wünsch­ten Ereig­nis­sen aus­drückt. Die welt­wei­ten Ent­wick­lun­gen zur Begren­zung der ärzt­li­chen Arbeits­zeit füh­ren zu einer Zunahme von Über­ga­ben und stei­gern die Not­wen­dig­keit von effek­ti­ven Mass­nah­men zur Ver­bes­se­rung der struk­tu­rier­ten Kom­mu­ni­ka­tion. Das vor­lie­gende Pro­gramm leis­tet dafür einen wich­ti­gen Beitrag.

Quelle: Pati­en­ten­si­cher­heit Schweiz/​Prof. Dr. David Schwappach

Wei­tere Bei­träge aus der Reihe „Paper of the Month“ gibt es unter www.cirsmedical.at

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 4 /​25.02.2015