Pati­en­ten­si­cher­heit: Rat-Suchen bei Medikationsfragen

25.03.2015 | Service

Beim Rat-Suchen zur Medi­ka­tion han­delt es sich um eine hier­ar­chi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­ti­vi­tät, nicht um eine hori­zon­tale, wie eine Netz­werk­ana­lyse ergab. Ein von der Pati­en­ten­si­cher­heit Schweiz erstell­tes „Paper of the Month“ befasst sich damit.

North Cres­wick et al. haben sich in einer im Jour­nal of Pati­ent Safety 2014 erschie­ne­nen Stu­die im Rah­men einer Netz­werk­ana­lyse mit der Frage befasst, wel­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­ter es beim „Rat-Ein­ho­len“ gibt, wer wen wie häu­fig um Rat fragt und ob diese Inter­ak­tio­nen einen Zusam­men­hang mit der Häu­fig­keit von Ver­ord­nungs­feh­lern haben. Die Netz­werk­ana­lyse ist eine Methode, mit der die Struk­tur von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­tern gra­fisch dar­ge­stellt und quan­ti­ta­tiv aus­ge­wer­tet wer­den kann. Cres­wick et al. unter­such­ten damit, wer im Spi­tal bei wel­chen peers „Medi­ka­ti­ons-Rat“ ein­holt, wel­che wei­te­ren Infor­ma­ti­ons­quel­len benutzt wer­den und in wel­chem Zusam­men­hang die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­werke mit Ver­ord­nungs­feh­lern stehen.

Dafür wur­den alle Mit­ar­bei­ten­den auf zwei Sta­tio­nen (A (n=47) und B (n=54)) inten­siv zu ihrem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten mit allen ande­ren Mit­ar­bei­ten­den befragt. Jeder beant­wor­tete die Frage, wie häu­fig er Kol­le­gen X, Y, Z… um Rat bei Ent­schei­dun­gen oder Auf­ga­ben hin­sicht­lich Medi­ka­men­ten fragt. Da jede Fach­per­son diese und ähn­li­che Fra­gen für alle Kol­le­gen beant­wor­tete, kann nicht nur die Fre­quenz und Dichte, son­dern auch die „Rich­tung“ des Rat-Suchens und des­sen Rezi­pro­zi­tät ana­ly­siert wer­den. Dabei zei­gen sich soge­nannte „Netz­werk-Hubs“, also Per­so­nen, die häu­fig und von ver­schie­de­nen Per­so­nen ange­fragt werden.

Die Häu­fig­keit von Ver­ord­nungs­feh­lern wurde in kli­ni­schen Audits durch nicht betei­ligte Phar­ma­zeu­ten erho­ben. Die Phar­ma­zeu­ten ana­ly­sier­ten Medi­ka­ti­ons­do­ku­men­ta­tio­nen von 670 Pati­en­ten­auf­nah­men auf Ver­ord­nungs­feh­ler, nach­dem die Netz­werk­ana­lyse abge­schlos­sen war.

Die Dichte des Rat-Suchens hin­sicht­lich Medi­ka­mente inner­halb einer Woche war mit sie­ben Pro­zent (Sta­tion A) und zwölf Pro­zent auf Sta­tion B gering. (Die Dichte ist das Ver­hält­nis der genutz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­zie­hun­gen zur Anzahl maximal mög­li­cher Bezie­hun­gen.) Auf bei­den Sta­tio­nen gab es iso­lierte, lei­tende Ärzte, die nie­mals um Rat gefragt wurden.

Pfle­ge­fach­per­so­nen frag­ten häu­fi­ger und mehr um Rat als Ärzte, aber vor­ran­gig in der eige­nen Berufs­gruppe. Der Anteil rezi­pro­ker Bezie­hun­gen war sehr gering (neun Pro­zent Sta­tion A; 14 Pro­zent Sta­tion B). Dies zeigt deut­lich, dass es sich beim Rat-Suchen zur Medi­ka­tion um eine hier­ar­chi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­ti­vi­tät han­delt, nicht um eine hori­zon­tale. Auf bei­den Sta­tio­nen gab es Ansprech­per­so­nen, bei denen viele Per­so­nen um Rat frag­ten („Netz­werk-Hubs“). Dies waren zum einen Phar­ma­zeu­ten, die von 13 bezie­hungs­weise 14 Per­so­nen min­des­tens wöchent­lich um Rat gefragt wur­den. Zum ande­ren waren auch die Assis­tenz­ärzte zen­trale Infor­ma­ti­ons­punkte, die von Pfle­ge­fach­leu­ten und weni­ger erfah­re­nen Assis­ten­ten um Rat gefragt wur­den. Lei­tende Ärzte wur­den deut­lich weni­ger und nur von ein­zel­nen Per­so­nen um Rat gefragt. Sta­tion B hatte ins­ge­samt eine höhere Kom­mu­ni­ka­ti­ons­dichte, eine höhere Rezi­pro­zi­tät und weni­ger iso­lierte lei­tende Ärzte. Die Rate der Ver­ord­nungs­feh­ler war mit 0,63 Verordnungsfehlern/​Aufnahme gerin­ger als auf Sta­tion A (1,81 Fehler/​Aufnahme). Ins­ge­samt zeigte sich, dass die befrag­ten Fach­per­so­nen wenig Rat zu Medi­ka­men­ten suchen und geben. Es gibt einige wenige „Infor­ma­ti­ons­zen­tra­len“, ins­be­son­dere Phar­ma­zeu­ten, Assis­tenz­ärzte und lei­tende Pflegefachpersonen.

Die Stu­die zeich­net mit einer inno­va­ti­ven Methode das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten von Fach­per­so­nen im Kon­text der Medi­ka­ti­ons­si­cher­heit nach. Das Ver­fah­ren wäre auch auf andere Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­halte über­trag­bar. Auf­grund des Designs kann kein kau­sa­ler Zusam­men­hang zwi­schen Dichte und Art des Rat-Suchens und Ver­ord­nungs­feh­lern belegt wer­den. Wei­tere Ana­ly­sen soll­ten unter­su­chen, ob und wie das Wis­sen und die Erfah­rung lei­ten­der Ärzte bes­ser inte­griert und als Res­source für die Pati­en­ten­si­cher­heit genutzt wer­den kann.

Quelle: Pati­en­ten­si­cher­heit Schweiz/​Prof. Dr. David Schwappach

Wei­tere Bei­träge aus der Reihe „Paper of the Month“ gibt es unter www.cirsmedical.at

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 6 /​25.03.2015