Aus­land: Unser Arzt in Norwegen

25.10.2015 | Politik

Nach dem Tur­nus in Öster­reich führte der beruf­li­che Weg des Wie­ner Arz­tes David Sche­besta direkt nach Nor­we­gen. Seit mitt­ler­weile 17 Jah­ren arbei­tet der All­ge­mein­me­di­zi­ner als selbst­stän­di­ger Haus­arzt – und macht ebenso auch Nacht­dienste im Kran­ken­haus.
Von Roman Steinbauer

„Noch sind die Tage län­ger als bei Euch!“ Dezent weist der vor 17 Jah­ren nach Skan­di­na­vien aus­ge­wan­derte David Sche­besta auf die noch gol­dene Jah­res­zeit hin. Die extre­men Win­ter-Som­mer­zy­klen mit den aus­ge­präg­ten Licht­ver­hält­nis­sen sind auch hier im Bezirk Ves­t­fold in der süd­li­chen Pro­vinz Lardal für den aus Wien stam­men­den All­ge­mein­me­di­zi­ner nach wie vor ein Thema. Denn mit dem 23. Sep­tem­ber gereicht die­ser Vor­teil der über­mä­ßi­gen Tages­licht­länge im Ver­hält­nis zu Mit­tel­eu­ropa wie­der zum Nach­teil. Bis kurz vor Weih­nach­ten erhöht sich die stei­gende Dauer der Nacht täg­lich überproportional.

Die ita­lie­ni­sche Espresso-Maschine, die der Wie­ner All­ge­mein­me­di­zi­ner vor nun­mehr zwölf Jah­ren als Hoch­zeits­ge­schenk von sei­nen öster­rei­chi­schen Freun­den erhielt, leis­tet um sechs Uhr mor­gens seine Dienste, bevor der Wecker noch­mals läu­tet. Sein Weg führt David Sche­besta ins Kin­der­schlaf­zim­mer, um Franz (8) und Agnes (6) zu wecken.

An sein ers­tes Arbeits­jahr in Nor­we­gen kann sich Sche­besta noch gut erin­nern: „Ich bin ziem­lich in den Süden Nor­we­gens gezo­gen“ – Süden? Die 558 Ein­woh­ner zäh­lende Bezirks­haupt­stadt Svar­stad liegt am 60. Brei­ten­grad und somit auf der Höhe der nörd­lichs­ten Pro­vinz Schott­lands oder der kana­di­schen Yukon-Region. „Damals in Ote­ren in der Pro­vinz Troms habe ich im Som­mer nachts schwarze Decken vor das Fens­ter gehängt“, erzählt Sche­besta. Ote­ren liegt am 70. Brei­ten­grad und weit nörd­lich des Polar­krei­ses – geo­gra­phisch so wie der nörd­lichste Teil Alas­kas. Die öst­li­che Region von Troms kenn­zeich­net sogleich die Vor­hut zum Eis­meer, auf der Rück­seite erstreckt sich die karge Tun­dra von Lapp­land in Rich­tung Schwe­den und Finn­land. „Die Beob­ach­tung der Polar­lich­ter war dort bei­nahe täg­lich mög­lich“, schil­dert Sche­besta auch spe­zi­elle Ein­drü­cke. Von Svar­stad, dem admi­nis­tra­ti­ven Zen­trum der Pro­vinz im wei­chen Hügel­land des „Südens“, sind es 80 Kilo­me­ter bis nach Oslo. Kli­ma­tisch ist diese Region durch die hohen Gebirgs­ket­ten im Wes­ten zum Atlan­tik begüns­tigt und geprägt von Nadel­wäl­dern, Flüs­sen, Vieh- sowie Pferdehaltung. 

Seine Frau Gro – eine Kran­ken­schwes­ter – lernte David vor 14 Jah­ren ken­nen. Sie gesellt sich zum reich­lich gedeck­ten Früh­stücks­tisch. Ihre Kin­der Agnes und Franz wach­sen zwei­spra­chig auf. Wäh­rend der Vater mit den Klei­nen gezielt Deutsch spricht, macht die Mut­ter den Klei­nen auf Nor­we­gisch Tempo. An die­sem Mor­gen ste­hen auch für Gro ein Arbeits­tag und die Anfahrt bis Dram­men bevor. Zu die­ser Stadt west­lich von Oslo hat sie mit dem Auto gut 50 Minu­ten Fahrt vor sich.

7.15h: David Sche­besta bringt seine Kin­der zur Schule im glei­chen Ort. Danach folgt die Fahrt im All­rad-ange­trie­be­nen Klein­wa­gen in die 60 Kilo­me­ter ent­fernte Küs­ten­stadt Lar­vik, wo Sche­besta in der Basis-Kran­ken­sta­tion arbei­tet. Gro ist mit dem geräu­mi­ge­ren Auto – eben­falls mit All­rad­an­trieb – unter­wegs. „Die Sache mit einem Vor­der­rad­ler ver­suchte ich eine Zeit lang, irgend­wann hat man im Win­ter genug“, klärt Sche­besta. Wäh­rend der Fahrt erklärt er die rigi­den Ver­kehrs­re­geln: „80 Stun­den­ki­lo­me­ter und 0,0 Pro­mille! Auf das muss sich hier jeder ein­stel­len. Ver­kehrs­kon­trol­len fin­den auch vor­mit­tags statt. Trotz­dem ist des Öfte­ren hier am Land ein Auto im Stra­ßen­gra­ben zu sehen!“, weiß er zu berichten.

8.15h: Sche­besta, der mitt­ler­weile neben der öster­rei­chi­schen auch die nor­we­gi­sche Staats­bür­ger­schaft besitzt, öff­net zuerst in sei­ner Ordi­na­tion die elek­tro­ni­sche Post, um die Prio­ri­tä­ten für den Tag fest­zu­le­gen. „Es läuft hier wesent­lich mehr über Sys­tem-Spei­cher. Ebenso kön­nen Medi­ka­mente online ange­for­dert und auch online ver­schrie­ben wer­den. Die abso­lute Nach­voll­zieh­bar­keit inklu­sive der elek­tro­ni­schen Unter­schrift ist aber in jedem Fall erfor­der­lich“, beschreibt er den Arbeits­ab­lauf. Die Ter­mine wer­den ebenso groß­teils von den Pati­en­ten online gebucht. „Auf dem Land hier ist man unab­kömm­li­che Dreh­scheibe zu den Fach­ärz­ten, und die Wege zu den Wohn­sit­zen sind bei Akut­fäl­len oft bedeu­tend wei­ter als es in Öster­reich der Fall ist“, fährt er fort. Eine Vier­tel­stunde spä­ter folgt die Lage­be­spre­chung mit der Sekre­tä­rin. Heute ist der All­ge­mein­me­di­zi­ner bis zur Mit­tags­pause eher mit Rou­tine beschäf­tigt, kein Akut­fall kommt dazwischen.

12.00h: Ein Spa­zier­gang bergab Rich­tung Küste führt Sche­besta an der evan­ge­li­schen Kir­che der Stadt vor­bei – einem his­to­ri­schen Bau aus dem Jahr 1677 – zum Lokal, in dem der Mit­tags­im­biss erfolgt: fri­sche Garnelen.

13.30h: Wöchent­li­ches Tref­fen mit Ver­tre­tern der Kran­ken­kasse. Sche­besta ent­schei­det in gro­ben Son­die­rungs­ge­sprä­chen dar­über, ob bei Ansu­chen für eine Früh­pen­sio­nie­rung eine wei­tere ein­ge­hende Prü­fung bei Fach­ärz­ten erfolgt. „Alles in allem ist die Rund­um­auf­gabe des prak­ti­schen Arz­tes umfas­sen­der, aber den­noch ent­spann­ter und stress­freier als in Öster­reich. Das Grund­ge­rüst ist gut orga­ni­siert und der Tag lässt sich kal­ku­lie­ren“, so das Fazit des Allgemeinmediziners.

15.00h: Die Auf­ga­ben des fol­gen­den Tages wer­den intern bespro­chen. In rund 80 Pro­zent ist Sche­besta selbst­stän­dig als Arzt tätig; die rest­li­chen 20 Pro­zent wer­den durch ein Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis der jewei­li­gen Gemeinde abge­deckt. „Diese Kon­stel­la­tion ist durch­aus üblich“, erklärt er. Das Ver­trags­ver­hält­nis zur Kom­mune begrün­det sich ver­ständ­li­cher­weise mit der erwei­ter­ten Arzt-Funk­tion für Pflege‑, Alters­heime sowie als Schul- und Amts­arzt. Auch monat­lich zwei Nacht­dienste im Kran­ken­haus von Lar­vik gehö­ren dazu: ent­we­der von 15h bis 23h oder von 23h bis 8h Früh.

15.30h: Der Rück­weg führt wie­derum an der Schule vor­bei, um die Kin­der abzu­ho­len. Auch jetzt erwar­tet den 50-Jäh­ri­gen eine inten­sive Akti­vi­tät: Als Fuß­ball-Co-Trai­ner der Acht­jäh­ri­gen in sei­ner Hei­mat­ge­meinde. Dem Volks­sport Lang­lau­fen konnte Sche­besta in Nor­we­gen jeden­falls nicht ent­rin­nen – dafür sorgte seine Frau Gro schon vor vie­len Jahren.

19.00h: Tief­kühl­kost – wie sie hier vie­ler­orts üblich ist – kommt bei den Sche­bes­tas nicht auf den Tisch. Es gibt fri­schen Lachs mit einem Salat nach medi­ter­ra­ner Art. Zum Nach­tisch gibt es fri­sche Bee­ren, die durch das inten­sive Son­nen­licht über­di­men­sio­nal sind. 

20.30h: Spie­len mit Agnes und Franz steht auf dem Pro­gramm – bevor der Tag dann auch für David Sche­besta endet.

König­reich Nor­we­gen: Daten & Fakten

Wirt­schaft:

  • BIP/​Jahr pro Kopf: 101.000 US-Dol­lar (Öster­reich: 50.100 US-Dollar)
  • Rating: AAA
  • Arbeits­lo­sig­keit: 3,5 Prozent
  • Strom­an­teil erneu­er­ba­rer Ener­gien: 47 Prozent
  • Wirt­schafts­spra­chen: Nor­we­gisch, Englisch
  • Staats­ver­schul­dung in Pro­zent des BIP: 29,5 Prozent
  • Ver­schul­dung pri­va­ter Haus­halte in Pro­zent des jähr­li­chen Brutto-Ein­kom­mens: 196 Pro­zent (zwei­höchs­ter Pri­vat-Ver­schul­dungs­grad der OECD-Län­der nach Dänemark)
  • Exporte: Nor­we­gen gehört durch den Export von Erdöl und Erd­gas zu den zehn Län­dern mit den höchs­ten Han­dels­bi­lanz­über­schüs­sen. Wei­tere Schwer­punkte: Fisch­zucht, Export von Nicht-Eisen-Metal­len und Papier.
  • Staat­li­che Zukunfts­vor­sorge: Der staat­li­che Pen­si­ons­fonds wird aus den jähr­li­chen Bud­get­über­schüs­sen gespeist. Diese resul­tie­ren aus enor­men Ein­nah­men durch den Öl- und dem zuneh­men­den Gas­ex­port. Der staat­li­che Pen­si­ons­fonds ver­wal­tet für kom­mende Genera­tio­nen umge­rech­net rund 750 Mil­li­ar­den Euro und gilt als welt­größ­ter staat­li­cher Anla­ge­fonds. Die Inves­ti­tio­nen sind glo­bal gestreut auf Anlei­hen und Aktien.
  • Nach Beginn der Wirt­schafts­krise 2008 setzte eine regel­rechte Geld­flucht in das prak­tisch schul­den­freie Nor­we­gen ein. Auf­grund des mas­si­ven Ölpreis­ver­falls kam die Krone zuletzt stark unter Druck und befin­det sich nun trotz Euro-Kri­sen auf his­to­risch nied­ri­gem Niveau.

Lebens­hal­tungs­kos­ten­in­dex: Oslo belegt hin­ter Zürich den zehn­ten Platz bei den teu­ers­ten Städ­ten der Welt.

Land und Leute: Nor­we­gen hat 5,16 Mil­lio­nen Ein­woh­ner. Indi­gene Bevöl­ke­rungs­quote (Samen bezie­hungs­weise Sami): 1,8 bis 2,2 Pro­zent. Der Begriff „Lappe“ wird offi­zi­ell nicht mehr ver­wen­det. Die Lebens­er­war­tung liegt bei 84 (Frauen) bezie­hungs­weise 80 (Män­ner) Jahren.

Ver­kehr: Mit einem Anteil von 20 Pro­zent neh­men Elek­tro­au­tos durch staat­li­che För­de­run­gen eine Son­der­stel­lung ein. Erst weit dahin­ter folgt Schwe­den mit zwei Pro­zent Elektroautos.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 20 /​25.10.2015