Medi­­­zin-Nobel­­preis 2015: Drei For­scher ausgezeichnet

25.10.2015 | Poli­tik

Wil­liam C. Camp­bell, Sato­shi Ōmura sowie Youyou Tu wird für ihre Ent­de­ckung von wich­ti­gen Arz­nei­mit­teln in der Tro­pen­me­di­zin der dies­jäh­rige Nobel­preis für Medi­zin verliehen.

Den Medi­­­zin-Nobel­­preis 2015 tei­len sich drei For­scher für die Ent­de­ckung von für die Tro­pen­me­di­zin wich­ti­gen Arz­nei­mit­teln: Wil­liam C. Camp­bell (Drew University/​USA), Sato­shi Ōmura (Kita­s­ato Universität/​Japan) sowie die Chi­ne­sin Youyou Tu (Chi­ne­si­sche Aka­de­mie für tra­di­tio­nelle chi­ne­si­sche Medi­zin). Die Ehrung erfolge für „The­ra­pien, die die Behand­lung eini­ger der gefähr­lichs­ten Tro­pen­krank­hei­ten revo­lu­tio­niert haben“, begrün­det das Nobel­­preis-Komi­­tee am Karo­­linska-Insti­­tut die Ent­schei­dung. Camp­bell und Ōmura tei­len sich die Hälfte der mit acht Mil­lio­nen Schwe­di­schen Kro­nen (knapp 850.000 Euro) dotier­ten Aus­zeich­nung. Sie haben mit Aver­mec­tin eine Leit­sub­stanz ent­deckt; Aver­mec­tin und Iver­mec­tin (ein Gemisch von zwei ver­schie­de­nen halbsyn­the­ti­schen Aver­mec­ti­nen) haben die Häu­fig­keit der durch Para­si­ten ver­ur­sach­ten Oncho­zer­kose bezie­hungs­weise deren End­sta­dium Fluss­blind­heit und lympha­ti­sche Fila­riose vor allem in Afrika dra­ma­tisch redu­ziert. Youyou Tu wie­derum fand die Wir­kung von Artemi­s­i­nin bei Mala­ria her­aus. „Krank­hei­ten, die durch Para­si­ten ver­ur­sacht wer­den, pla­gen die Mensch­heit seit Jahr­tau­sen­den und stel­len ein gro­ßes und glo­ba­les Gesund­heits­pro­blem dar“, stellte das Nobel­­preis-Komi­­tee fest. Nach Anga­ben der WHO erkrank­ten im Jahr 2013 welt­weit 198 Mil­lio­nen Men­schen an Mala­ria; 584.000 star­ben daran; 90 Pro­zent von ihnen in Afrika. Die lympha­ti­sche Fila­riose betrifft mehr als hun­dert Mil­lio­nen Menschen.

Aus­gangs­punkt für die Ent­wick­lung von Aver­mec­tin und Iver­mec­tin war klas­si­sche Wir­k­­stoff-For­­schung. Ōmura arbei­tete als Mikro­bio­loge mit dem Boden­bak­te­rium Strep­to­my­ces, das bekannt dafür ist, mit einer Viel­zahl von Inhalts­stof­fen andere Bak­te­rien abtö­ten zu kön­nen. So wurde etwa aus einem Stamm Strep­to­my­cin, das erste Tbc-Medi­­­ka­­ment, gewon­nen. Ōmura legte meh­rere tau­send Kul­tu­ren an und iso­lierte jene, die für die wei­tere Ent­wick­lung erfolg­ver­spre­chend waren.

Einige die­ser Kul­tu­ren erwarb der in den USA tätige Para­si­to­loge Wil­liam C. Camp­bell, um zu erfor­schen, wel­che am wirk­sams­ten Para­si­ten bekämpft. Die dar­aus gewon­nene Sub­stanz, die Camp­bell Aver­mec­tin nannte, war hoch effi­zi­ent gegen Para­si­ten von Rin­dern etc. Diese Ursprungs­sub­stanz wurde in der Folge che­misch zu Iver­mec­tin weiterentwickelt.

Artemi­s­i­nin gegen Malaria

Youyou Tu wie­derum ent­deckte Anfang der 1970er-Jahre das Poten­tial von Artemi­s­i­nin, einem sekun­dä­ren Pflan­zen­stoff, der in den Blät­tern und Blü­ten des Ein­jäh­ri­gen Bei­fu­ßes vor­kommt. YouYou Tu tes­tete in groß ange­leg­ten Rei­hen­un­ter­su­chun­gen das in China bereits seit mehr als 2.000 Jah­ren bekannte pflanz­li­che Mit­tel an mit Mala­ria infi­zier­ten Tie­ren und konnte dabei den akti­ven Wirk­stoff iso­lie­ren. Ihr gelang es als erste For­sche­rin, zu zei­gen, dass Artemi­s­i­nin wirk­sam gegen Mala­ria ein­ge­setzt wer­den kann. Heute stellt die in der tra­di­tio­nel­len chi­ne­si­schen Medi­zin ver­wen­dete Sub­stanz in Kom­bi­na­ti­ons­prä­pa­ra­ten die Basis der wirk­sa­men Mala­ria­the­ra­pie dar.

Die Gewin­nung von Artemi­s­i­nin erfolgt durch die Extrak­tion von getrock­ne­ten Blät­tern und Blü­ten. Auf einer Anbau­flä­che von einem Hektar las­sen sich bis zu zwei Ton­nen Blatt­ma­te­rial ern­ten; dar­aus erge­ben sich zwei bis drei Kilo­gramm Extrakt. Seit 2013 befin­det sich in Nord­ita­lien eine Anlage, in der jähr­lich bis zu 40 Ton­nen Artemi­s­i­nin her­ge­stellt wer­den. Dabei han­delt es sich um ein Pro­jekt der Bill- und Melinda-Gates-Sti­f­­tung, der Orga­ni­sa­tion One World Health sowie von wei­te­ren Partnern.

Der Nobel­preis für Medi­zin wird jedes Jahr am 10. Dezem­ber, dem Todes­tag des Stif­ters Alfred Nobel, ver­lie­hen.
MH

Wil­liam C. Camp­bell wurde 1930 in Irland gebo­ren und ist zur­zeit in den USA an der Drew Uni­ver­sity in Madi­son (Bun­des­staat New Jer­sey) tätig.

Sato­shi Ōmura, 1935 in Japan gebo­ren, hat ab 1965 an der Kita­s­ato Uni­ver­si­tät in Tokio geforscht und ist seit 2007 eme­ri­tier­ter Professor.

Youyou Tu wurde 1930 in China gebo­ren; sie ist seit 2000 Chief-Pro­­­fes­­sor an der Chi­ne­si­schen Aka­de­mie für tra­di­tio­nelle chi­ne­si­sche Medizin.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 20 /​25.10.2015