Arbeits­me­di­zin: Gesund län­ger arbeiten

15.12.2015 | Arbeits­me­di­zin, Poli­tik

Arbeits­me­di­zi­ner kön­nen einen ent­schei­den­den Teil dazu bei­tra­gen, Arbeit­neh­mer län­ger gesund im Arbeits­pro­zess zu erhal­ten. Noch sind die Defi­zite in Öster­reich jedoch groß: Nicht nur, dass Arbeits­me­di­zi­ner Man­gel­ware sind; es bräuchte auch einen Lehr­stuhl für Arbeits­me­di­zin an allen Med­U­nis. 
Von Marion Huber

Das Thema ist noch nicht über­all wirk­lich ange­kom­men. Es gibt noch große Defi­zite“, ist Karl Hoch­gat­te­rer, Refe­rent für Arbeits­me­di­zin der ÖÄK, über­zeugt. Gemeint ist die Her­aus­for­de­rung, ältere Arbeit­neh­mer län­ger und gesund im Arbeits­pro­zess zu hal­ten und ihre Fähig­kei­ten zu för­dern. Dass die Arbeits­me­di­zin einen ent­schei­den­den Bei­trag dazu leis­ten kann, sei noch nicht in den Köp­fen aller Unter­neh­mer und Ent­schei­dungs­trä­ger ange­kom­men, waren sich Exper­ten bei einer Pres­se­kon­fe­renz Ende Novem­ber in Wien einig.

Dabei ist es das Ziel der Poli­tik, die Beschäf­ti­gungs­quote älte­rer Arbeit­neh­mer im Sinne eines nach­hal­ti­gen Pen­si­ons­sys­tems zu erhö­hen; so sieht es unter ande­rem auch die „Stra­te­gie Europa 2020“ der Euro­päi­schen Kom­mis­sion vor. Dem­nach soll die Beschäf­ti­gungs­quote der 55- bis 64-Jäh­­ri­­gen bis 2020 auf 60 Pro­zent gestei­gert wer­den. „Öster­reich ist mit 46 Pro­zent noch weit davon ent­fernt“, erklärte ÖÄK-Prä­­si­­dent Artur Wech­sel­ber­ger. Es rei­che aber nicht aus, nur zu erken­nen, dass das Pen­si­ons­sys­tem nur dann finan­ziert wer­den könne, wenn Arbeit­neh­mer län­ger arbei­ten, „Wirt­schaft und Poli­tik müs­sen auch alters­ge­rech­tes Arbei­ten mög­lich machen und alters­ge­rechte Arbeits­plätze schaf­fen“, for­derte er.

Wie kann es nun gelin­gen, Men­schen län­ger gesund im Arbeits­pro­zess zu hal­ten? Der erste Ansprech­part­ner und Experte auf die­sem Gebiet sei nun ein­mal der Arbeits­me­di­zi­ner, betont Hoch­gat­te­rer, der selbst als Arbeits­me­di­zi­ner tätig ist. „Arbeit ist grund­sätz­lich eine der wesent­lichs­ten gesund­heits­för­dern­den Fak­to­ren in unse­rem Leben“, betonte er. So beinhal­ten eine gut gestal­tete Arbeit, ein alters­ge­rech­ter Arbeits­platz und ent­spre­chende Arbeits­be­din­gun­gen gro­ßes Poten­tial an gesund­heits­för­dern­den Res­sour­cen, die unter ande­rem die Arbeits­leis­tung posi­tiv beein­flus­sen können.

„Men­schen altern unter­schied­lich schnell und auf unter­schied­li­che Weise“, gab Ste­fan Koth, Geschäfts­füh­rer der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie für Arbeits­me­di­zin und Prä­ven­tion, zu beden­ken. Aber nicht nur jeder ein­zelne Mensch ent­wickle sich indi­vi­du­ell unter­schied­lich; auch ver­schie­dene Fähig­kei­ten und Kom­pe­ten­zen wür­den ganz unter­schied­lich altern. Unter ande­rem wir­ken sich externe Ein­flüsse wie Stress und allen voran die Art der Tätig­keit auf das Altern aus. Wenn auch die kör­per­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit im Alter abnimmt, erhö­hen sich die psy­chi­schen, sozia­len und kom­mu­ni­ka­ti­ven Kom­pe­ten­zen. „Diese Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten der älte­ren Arbeit­neh­mer muss man nut­zen“, so Hochgatterer.

Mit einem ganz­heit­li­chen Alters­ma­nage­ment soll die Arbeit so orga­ni­siert sein, dass die Stär­ken und Schwä­chen von Arbeit­neh­mern berück­sich­tigt wer­den – etwa bei der Gestal­tung und Orga­ni­sa­tion von Arbeits­tä­tig­kei­ten und in der Gestal­tung der Arbeits­um­ge­bung. So zähle es auch zu den Auf­ga­ben von Arbeits­me­di­zi­nern, orga­ni­sa­to­ri­sche Pro­zesse zu beglei­ten wie etwa bei der Schaf­fung von alters­ge­misch­ten Teams, in denen sich Stär­ken und Schwä­chen unter­schied­li­cher Alters­grup­pen aus­glei­chen, fügte ÖÄK-Prä­­si­­dent Artur Wech­sel­ber­ger hinzu. „Oft müs­sen auch Arbeits­ab­läufe und Teams umge­stal­tet wer­den, damit Ältere ihre Fähig­kei­ten ein­set­zen kön­nen, auch wenn das mit Kos­ten ver­bun­den ist.“ Ver­kürzt man auf der einen Seite etwa die Arbeits­zei­ten für ältere Arbeit­neh­mer, redu­zie­ren sich auf der ande­ren Seite oft die Kran­ken­stände, wie Hoch­gat­te­rer aus der Pra­xis weiß. „Für den Betrieb ein Gewinn, auch wenn zunächst ein Auf­wand entsteht.“ 

Sol­che beein­fluss­bare Fak­to­ren, die auf das Altern ein­wir­ken, soll­ten durch Maß­nah­men im Betrieb gesteu­ert wer­den. Zum einen gilt es, prä­ven­tive Schritte zu set­zen; zum ande­ren müss­ten auch betrieb­li­che Maß­nah­men getrof­fen wer­den, um die Gesund­heit und Leis­tungs­fä­hig­keit der älte­ren Beschäf­tig­ten so gut wie mög­lich zu erhal­ten und zu för­dern. Auf allen Sei­ten – auch bei den Arbeit­neh­mern – sollte die Bereit­schaft zu Ver­än­de­run­gen geför­dert wer­den, appel­lierte Wech­sel­ber­ger. Ganz nach dem Motto „Job-Enlar­­ge­­ment, Job-Enrich­­ment, Job-Rota­­tion“ gelte es, die Beschäf­ti­gung wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und auch so dem Altern­s­pro­zess Rech­nung zu tra­gen. „Das kann auch zusätz­li­che Moti­va­tion für den Arbeit­neh­mer brin­gen.“ Grund­sätz­lich müsse man sich damit aus­ein­an­der­set­zen, den Pro­zess eines Arbeits­le­bens zu pla­nen und auch Ver­än­de­run­gen ein­zu­bauen. Auch über Kran­­ken­­stands- und Dienst­mo­delle müsste nach­ge­dacht wer­den. Wech­sel­ber­ger: „Der Teil­kran­ken­stand etwa sollte drin­gendst umge­setzt wer­den.“ Um all diese Her­aus­for­de­run­gen im betrieb­li­chen Umfeld zu pla­nen, „muss die Ein­satz­zeit von Arbeits­me­di­zi­nern spe­zi­ell für die Betreu­ung von älte­ren Mit­ar­bei­tern aus­ge­wei­tet wer­den – und das schon für Arbeit­neh­mer ab 50 Jah­ren“, for­derte Wech­sel­ber­ger. Schließ­lich brau­che es diese „Vor­lauf­zeit“, damit sich Betrieb und Arbeit­neh­mer auf den Pro­zess und die Ver­än­de­run­gen ein­stel­len können.

Arbeits­me­di­zin in Stu­dium inte­grie­ren

Braucht es nur noch genug Arbeits­me­di­zi­ner, die als Exper­ten auf dem Gebiet in den Unter­neh­men tätig wer­den kön­nen… Wech­sel­ber­gers Appell: „Wir müs­sen uns drin­gendst um den arbeits­me­di­zi­ni­schen Nach­wuchs küm­mern.“ Der Uni­ver­si­täts­lehr­gang Arbeits­me­di­zin, den die Öster­rei­chi­sche Aka­de­mie für Arbeits­me­di­zin und Prä­ven­tion (AAMP) seit 2014 gemein­sam mit der Med­Uni Graz anbie­tet, sei ein ers­ter wich­ti­ger Schritt. Aber es müsse noch mehr getan wer­den. „Was wir brau­chen, ist ein Lehr­stuhl für Arbeits­me­di­zin an allen Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten in Öster­reich mit Arbeits­me­di­zin als Pflicht­fach.“ Hier habe Öster­reich noch ein gro­ßes Defi­zit: „Andere Län­der wie etwa Deutsch­land sind uns da weit vor­aus.“ Nur an der Med­Uni Graz ist die Arbeits­me­di­zin näm­lich Teil der uni­ver­si­tä­ren Aus­bil­dung; an der Med­Uni Wien gibt es Ange­bote für Stu­den­ten im Fach Arbeits­me­di­zin. Lehr­stühle für Arbeits­me­di­zin sind aber auch aus einem ande­ren Grund wich­tig: um die Arbeits­me­di­zin schon den Medi­zin­stu­den­ten näher­zu­brin­gen, um sie als Fach­ge­biet attrak­tiv für junge Ärzte zu machen und auch so mehr Nach­wuchs zu gewinnen.

Seit 1984 hat die Öster­rei­chi­sche Aka­de­mie für Arbeits­me­di­zin und Prä­ven­tion – als die größte der drei Aus­bil­dungs­stät­ten in Öster­reich – mehr als 2.500 Arbeits­me­di­zi­ner aus­ge­bil­det. Etwa 1.900 seien zur­zeit aktiv als Arbeits­me­di­zi­ner tätig, berich­tete Koth. „Wich­tig ist, dass wir die­sen Stand in Zei­ten des Ärz­te­man­gels zumin­dest hal­ten können.“

Für den ÖÄK-Prä­­si­­den­­ten ist jeden­falls evi­dent, dass das Thema „ältere Arbeit­un­ter­neh­mer im Betrieb“ wie­der „mehr Schwung“ benö­tige, wes­halb „Unter­neh­mer und poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger noch stär­ker dafür sen­si­bi­li­siert wer­den müss­ten, dass Arbeits­me­di­zi­ner dafür die ers­ten und bes­ten Ansprech­part­ner sind“.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 23–24 /​15.12.2015