Ärz­te­tage Vel­den: Psy­cho­phar­maka bei Kin­dern rich­tig einsetzen

15.08.2015 | Medizin


Wann im Rah­men einer mul­ti­moda­len Behand­lung in der Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie der Ein­satz von Medi­ka­men­ten ange­zeigt ist und wie sich der Arzt bei Off-Label-Ver­schrei­bun­gen absi­chert, erfährt man bei einem Work­shop bei den dies­jäh­ri­gen Ärz­te­ta­gen Vel­den Ende August.
Von Verena Ulrich

Etwa 20 Pro­zent der Kin­der- und Jugend­li­chen in Öster­reich zei­gen eine psy­chi­sche Belas­tung und sind gefähr­det, eine psych­ia­tri­sche Erkran­kung zu ent­wi­ckeln. Bei zehn Pro­zent ist eine psy­chi­sche Stö­rung so weit fort­ge­schrit­ten, dass eine Behand­lung unum­gäng­lich ist. Eine zeit­ge­mäße mul­ti­modale The­ra­pie ver­spricht den bes­ten The­ra­pie­er­folg. Diese Behand­lung umfasst die ärzt­li­chen Gesprä­che mit Pati­ent und Bezugs­per­so­nen, die Psy­cho­the­ra­pie sowie andere The­ra­pien wie bei­spiels­weise Ergo- oder Phy­sio­the­ra­pie. „Behand­lungs­me­tho­den in der Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie sind vor­ran­gig nicht-medi­ka­men­tös. Eine medi­ka­men­töse The­ra­pie kann aber in bestimm­ten Fäl­len im Rah­men der mul­ti­moda­len Behand­lung not­wen­dig wer­den“, so Prim. Chris­tian Kien­ba­cher, Ärzt­li­cher Lei­ter des Ambu­la­to­ri­ums für Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie des SOS-Kin­der­dorfs in Wien. Er befasst sich im Rah­men eines Work­shops bei den 18. Ärz­te­ta­gen in Vel­den Ende August mit der Ver­ord­nung von Psy­cho­phar­maka im Kin­des- und Jugendalter.

In ers­ter Linie sind es die Schi­zo­phre­nie und die manisch depres­sive Erkran­kung bei Jugend­li­chen sowie depres­sive Erkran­kun­gen, Angst- oder Zwangs­er­kran­kun­gen sowie ADHS und Stö­run­gen des Sozi­al­ver­hal­tens, die bei ent­spre­chen­dem Schwe­re­grad eine Phar­ma­ko­the­ra­pie erfor­dern. Die Ver­ab­rei­chung von Psy­cho­phar­maka an Kin­der und Jugend­li­che ist aller­dings nicht unpro­ble­ma­tisch, denn für kaum ein zeit­ge­mä­ßes Medi­ka­ment gibt es eine Zulas­sung für Pati­en­ten unter dem 18. Lebens­jahr. „Feh­lende Zulas­sun­gen hei­ßen aber nicht, dass der Arzt nicht trotz­dem medi­ka­men­tös behan­deln kann bezie­hungs­weise sogar dazu ver­pflich­tet ist“, betont Kien­ba­cher. Die Zulas­sungs­vor­schrif­ten nach dem Arz­nei­mit­tel­ge­setz rich­ten sich an phar­ma­zeu­ti­sche Unter­neh­mer, Impor­teure und Apo­theke, nicht aber an Ärzte.

Es wäre laut Kien­ba­cher ethisch und recht­lich nicht ver­tret­bar, Pati­en­ten auf­grund feh­len­der Zulas­sun­gen nicht die best­mög­li­che Behand­lung ange­dei­hen zu las­sen. Aller­dings muss sich der Arzt bewusst sein, dass der Her­stel­ler im Scha­dens­fall des Pati­en­ten nicht haft­bar ist. „Um sich abzu­si­chern, sollte der Arzt nach umfas­sen­der Auf­klä­rung einen schrift­li­chen Behand­lungs­ver­trag abschlie­ßen, in dem die Zustim­mung des Pati­en­ten und sei­ner Ange­hö­ri­gen fest­ge­hal­ten wird“, rät Kien­ba­cher. Nach der der­zei­ti­gen Judi­ka­tur reicht es nicht aus, dem Pati­en­ten bezie­hungs­weise sei­nen Erzie­hungs­be­rech­tig­ten den Bei­pack­text zur Ver­fü­gung zu stel­len oder vor­zu­le­sen. Kien­ba­cher ergänzt, dass die Auf­klä­rung kein ein­ma­li­ges Ereig­nis vor Behand­lungs­be­ginn ist, son­dern ein Pro­zess im Rah­men der gesam­ten The­ra­pie­dauer. Wird ein Pati­ent mit einer Medi­ka­tion im Off-label-Bereich nach einem sta­tio­nä­ren Auf­ent­halt ent­las­sen und von einem nie­der­ge­las­se­nen Arzt wei­ter behan­delt, beginnt eine neue Behand­lungs­epi­sode und die Zustim­mung muss erneut ein­ge­holt wer­den. Neben der recht­li­chen Grat­wan­de­rung setzt eine Off-Label-Behand­lung ein fun­dier­tes Wis­sens bei der Ver­wen­dung von Psy­cho­phar­maka im Kin­des- und Jugend­al­ter vor­aus. Hin­sicht­lich der Dosie­rung bei­spiels­weise ist der Arzt auf kin­der- und jugend­psych­ia­tri­sches Wis­sen ange­wie­sen, da auf­grund der feh­len­den Zulas­sung eine Dosie­rungs­emp­feh­lung vom Her­stel­ler fehlt.

Dosie­rung: oft höher als bei Erwachsenen

„Meist bekom­men Kin­der wegen ihres gerin­ge­ren Kör­per­ge­wichts Medi­ka­mente in nied­ri­ger Dosis als Erwach­sene ver­ab­reicht. Bei man­chen Psy­cho­phar­maka ver­hält es sich jedoch so, dass Kin­der diese schnel­ler meta­bo­li­sie­ren als Erwach­sene und sie im Ver­hält­nis zu ihrem Kör­per­ge­wicht eine höhere Dosis benö­ti­gen“, weiß Kien­ba­cher. Der Experte rät daher nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten, die keine Erfah­rung bei der Behand­lung von Kin­dern und Jugend­li­chen mit Psy­cho­phar­maka haben, die Ein­stel­lung dem Fach­arzt für Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie zu über­las­sen. An Spe­zia­lis­ten fehlt es aller­dings der­zeit in Öster­reich. „Die Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie ist hier­zu­lande erst seit 2007 ein eigen­stän­di­ges Son­der­fach. Daher hin­ken wir ande­ren Län­dern in der Ent­wick­lung hin­ter­her“ sagt Kien­ba­cher und beklagt den Man­gel an Fach­ärz­ten. Die Ver­sor­gung wird zwar aus­ge­baut, aber noch immer gibt es in drei Bun­des­län­dern kei­nen ein­zi­gen nie­der­ge­las­se­nen Fach­arzt für Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie mit Kas­sen­ver­trag. „Der­zeit kann die not­wen­dige mul­ti­modale The­ra­pie oft nur mit hohen Selbst­be­hal­ten ablau­fen, da es viel zu wenige Kas­sen­plätze gibt und so viele Kin­der die not­wen­dige nicht-medi­ka­men­töse The­ra­pie nicht erhalten.“

18. Ärz­te­tage Vel­den
23. 8. bis 29. 8. 2015
Nähere Infor­ma­tio­nen und Anmel­dung: www.arztakademie.at/velden

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 15–16 /​15.08.2015