Alber­tina: Träume aus dem Musée d’Orsay

25.03.2015 | Horizonte

Die Kunst­schätze aus dem 19. Jahr­hun­dert, die das Pari­ser Musée d’Orsay in sei­nem „Archiv der Träume“ ver­birgt, wur­den noch nie außer­halb von Frank­reich aus­ge­stellt. Eine Schau in der Alber­tina zeigt nun erst­ma­lig diese Werke von gro­ßen Künst­lern wie Cézanne, Degas und Seu­rat.
Von Marion Huber

Es ist das erste Mal, dass das welt­be­kannte Pari­ser Musée d’Orsay diese Werke an ein Museum außer­halb von Frank­reich ver­leiht: Die Alber­tina Wien öff­net das „Archiv der Träume“ und zeigt 130 Arbei­ten aus der Samm­lung fran­zö­si­scher Kunst des 19. Jahr­hun­derts aus dem Musée d’Orsay. Aqua­relle von Paul Cézanne, Pas­telle von Edgar Degas und Krei­de­zeich­nun­gen von Geor­ges Seu­rat. Neben gro­ßen Namen der Kunst sind auch einige eher unbe­kannte Künst­ler in der Aus­stel­lung ver­tre­ten. Es ist aber nicht nur ein Neben­ein­an­der von ver­schie­dens­ten Künst­lern; dem Betrach­ter bie­tet sich ein bun­ter Rund­gang zwi­schen ver­schie­dens­ten The­men, Moti­ven und Sti­len vom Rea­lis­mus über den Impres­sio­nis­mus zum Symbolismus.

Dun­kel und düs­ter muten die Kohle-Zeich­nun­gen des Sym­bo­lis­mus von Odi­lon Redon oder die poin­ti­lis­ti­schen Kreide-Zeich­nun­gen von Geor­ges Seu­rat an; pas­tell­far­ben und leuch­tend hin­ge­gen die Tän­ze­rin­nen von Edgar Degas und die Akte von Pierre-Auguste Renoir. Und dann sind es die Aqua­relle von Paul Cézanne, die den Betrach­ter in son­nen­durch­flu­tete Land­schaf­ten ent­füh­ren, die far­ben­präch­tige Still­le­ben dar­stel­len und Bade­sze­nen zum Leben erwecken.

„Ja, Cézanne, er ist der Größte von uns allen!“, soll Claude Monet über sei­nen Künst­ler­kol­le­gen gesagt haben. Erkannt haben die Bedeu­tung sei­nes Schaf­fens aber zu des­sen Zeit nur andere Künst­ler wie Pis­s­arro, Renoir, Degas oder eben Monet. Unter den zeit­ge­nös­si­schen Kunst­kri­ti­kern hin­ge­gen ern­tete seine Male­rei Unver­ständ­nis und Spott.

Das Werk von Paul Cézanne wird unter­schied­li­chen Stil­rich­tun­gen zuge­ord­net: Waren seine frü­hen Arbei­ten noch von Roman­tik und Rea­lis­mus geprägt, ent­wi­ckelte er spä­ter eine ganz neue Bild­spra­che, indem er sich inten­siv mit impres­sio­nis­ti­schen Aus­drucks­for­men aus­ein­an­der­setzte. Mit sei­nen Wer­ken zählt Cézanne aus kunst­his­to­ri­scher Sicht zu den Weg­be­rei­tern der Klas­si­schen Moderne. Es waren keine Gerin­ge­ren als Pablo Picasso, Henri Matisse, Geor­ges Braque und André Derain, die sich nach dem Tod von Cézanne an des­sen Werk orientierten.

Aqua­rell: hell und ausgewogen

Vor allem in sei­nem Spät­werk befasste er sich mit der Aqua­rell­ma­le­rei; zu einem der wich­tigs­ten The­men­kreise zählt zu die­ser Zeit die Gegend um das Gebirge Mon­ta­gne Sainte-Vic­toire in Süd­frank­reich. Grund genug, dass auch die­sem Aspekt ein Teil der Schau in der Alber­tina gewid­met ist. Feder­leicht, fein, sanft, hell und aus­ge­wo­gen – mit die­sen Adjek­ti­ven lässt sich die Dar­stel­lung des Gebir­ges beschrei­ben: weite Land­schaft, zarte Hügel, sche­men­hafte Bäume, die im Farb- und Licht­spiel strah­len. Ins­ge­samt malte Cézanne mehr als 30 Ölbil­der sowie 45 Aqua­relle des Gebirges.

Die Still­le­ben, die Cézanne schon ab den spä­ten 1880er Jah­ren malte, sind ein wei­te­rer Schwer­punkt sei­nes Schaf­fens. Dabei ging es ihm nicht darum, die Motive in der rich­ti­gen Per­spek­tive und Dimen­sion wie­der­zu­ge­ben. Viel­mehr wollte er ein inner­bild­li­ches Gleich­ge­wicht schaf­fen, eine auf­re­gende, span­nende Kom­po­si­tion, in der nicht die Gegen­stände selbst im Mit­tel­punkt der Betrach­tung ste­hen, son­dern die Anord­nung der For­men und Far­ben. Ob zum Bei­spiel eine Birne gegen­über ande­ren Gegen­stän­den über­di­men­sio­nal groß ist, spielt dabei keine Rolle – die Balance und das Zusam­men­spiel sind entscheidend.

Die durch­dachte Bild­kom­po­si­tion zeich­net auch die Werke von Edgar Degas aus – aller­dings in kla­ren Struk­tu­ren und exak­ter Lini­en­füh­rung, die ihn von den Impres­sio­nis­ten unter­schei­den. Er wid­mete sich der Ölma­le­rei und gra­fi­schen Tech­ni­ken ebenso wie der Pas­tell­ma­le­rei. Anfang der 1870er Jahre ent­deckte Degas die Pas­tell­ma­le­rei und ent­wi­ckelte über Jahr­zehnte beine beson­dere Tech­nik: Durch den Schicht­auf­bau sei­ner Bil­der erzielte Degas eine leuch­tende Far­big­keit. In sei­nem Werk wid­mete er sich einer­seits Por­träts, ande­rer­seits kon­zen­trierte er sich auf einige wenige Bild­the­men: das Bal­lett, Jockeys und Pferde, das Pari­ser Nacht­le­ben sowie Frauen bei der Kör­per­pflege. Als Modelle dien­ten vor­wie­gend Pro­sti­tu­ierte, die Degas in Bars und Bor­del­len fand. Unge­schönt zeigt er sie bei inti­men Hand­lun­gen, beim Waschen, Käm­men und Abtrock­nen und ver­ur­sachte damit Empö­rung in der Bevöl­ke­rung. Wie rea­li­täts­ge­treu und dyna­misch die Bil­der von Degas durch die Far­ben­pracht und Licht­ef­fekte wir­ken, zei­gen auch seine Stu­dien des Bal­letts ein­drucks­voll. Es sind unbe­ach­tete Bewe­gun­gen, Deh­nun­gen und Auf­wärm­übun­gen, die Degas auf die Lein­wand bannt, wobei er die­sel­ben Motive immer wie­der vari­iert. Wie­der sind es die inti­men Kör­per­hal­tun­gen in ver­steck­ten, unäs­the­ti­schen Momen­ten abseits der Öffent­lich­keit, mit denen Degas das dama­lige Publi­kum brüskierte.

Kreide: dun­kel und kontrastreich

Gemein­sam mit Paul Signac, sei­nem engs­ten Weg­ge­fähr­ten, ist Geor­ges-Pierre Seu­rat der wich­tigste Ver­tre­ter des Poin­til­lis­mus. Kleinste Punkte wer­den auf dem Papier zu Sil­hou­et­ten mit star­ken Licht-Schat­ten-Kon­tras­ten. Mit unter­schied­lich har­ten Krei­den schuf er gleich­zei­tig zarte, sub­tile Über­gänge und scharfe Gegen­sätze zwi­schen Hell und Dun­kel. Dun­kel, düs­ter, mys­te­riös und unheim­lich – so erlebt der Betrach­ter auch das frühe Werk von Odi­lon Redon. Spin­nen­we­sen, Teu­fel, Unge­heuer bil­den – mit Koh­le­stift fest­ge­hal­ten – die dunkle Fan­ta­sie­welt von Redon ab. Er wid­mete sich dem mensch­li­chen Unbe­wuss­ten mit sei­nen Ängs­ten und Alb­träu­men. Nach die­ser schwar­zen Phase brach Redon mit dem Düs­te­ren und stellte in Gemäl­den von gro­ßer Far­ben­pracht Motive aus der Mytho­lo­gie und einer fan­tas­ti­schen Natur­ge­schichte dar.

So bewegt sich die Aus­stel­lung in der Alber­tina – gleich­sam wie die Kunst des 19. Jahr­hun­derts – zwi­schen Impres­sio­nis­mus und Rea­lis­mus, zwi­schen Ver­träumtheit und Wirk­lich­keits­sinn. Dem Betrach­ter bie­tet sie eine ein­ma­lige Chance, in ein „Archiv der Träume“ zu entfliehen.

Was, Wann, Wo:

Degas, Cézanne, Seu­rat.
Das Archiv der Träume aus dem Musée d‘Orsay

Bis 3. Mai 2015

Alber­tina, Alber­ti­na­platz 1, 1010 Wien
www.albertina.at

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 6 /​25.03.2015