Stand­punkt – Vize-Präs. Karl Forst­ner: Auf dem Irrweg

25.05.2014 | Standpunkt

© ÄK für Salzburg

Vor Jahr­zehn­ten hat sich Öster­reich zur recht­li­chen Umset­zung der Arbeits­zeit­richt­li­nie der EU ver­pflich­tet. Nun­mehr, da die EU die Umset­zung die­ser Richt­li­nie tat­säch­lich ein­for­dert, ist die jam­mer­volle Klage von Poli­tik und Rechts­trä­gern ange­sichts der doch erheb­li­chen Zeit­ver­säum­nis schwer ver­ständ­lich. Dies umso mehr, da die ärzt­li­che Stan­des­ver­tre­tung seit Jah­ren auf die hohen Belas­tun­gen von ange­stell­ten Ärz­tin­nen und Ärz­ten hinweist.

Eben­falls schon seit vie­len Jah­ren wei­sen wir auf die ekla­tante finan­zi­elle Dis­kri­mi­nie­rung von Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen mit beruf­li­cher Vor­er­fah­rung hin; ihnen wird bei Ein­tritt in Kran­ken­häu­ser genau diese Erfah­rung in der Besol­dungs­sys­te­ma­tik nicht ange­rech­net. Dies wird neben dem kon­kre­ten finan­zi­el­len Nach­teil auch als Man­gel an Wert­schät­zung emp­fun­den und ver­schlech­tert die bereits bestehende Wett­be­werbs­si­tua­tion um Ärz­tin­nen und Ärzte in unse­rem Gesund­heits­sys­tem. All diese Argu­mente – immer und immer wie­der vor­ge­tra­gen – haben die Poli­ti­ker nicht geküm­mert. Es bedurfte erst eines auf­wän­di­gen Rechts­ver­fah­rens, um in Salz­burg exem­pla­risch das dort bestehende Unrecht auf­zu­zei­gen und den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen hier eine faire Behand­lung ange­dei­hen zu las­sen. Diese Tat­sa­che ist des­halb von beson­de­rer Bedeu­tung, weil grund­sätz­lich alle Gebiets­kör­per­schaf­ten Öster­reichs von dem Urteil betrof­fen sein werden.

Das erst Anfang des Jah­res mit nicht wenig Selbst­lob der Poli­tik ein­ge­führte Brust­krebs- Früh­erken­nungs­pro­gramm musste in den letz­ten Wochen revi­diert wer­den. Auch hier hat der Rat derer, die tag­täg­lich Pati­en­tin­nen betreuen, im Vor­feld nichts gefruch­tet. Bera­tungs­re­sis­tent wurde durch­ge­zo­gen, was man sich vor­ge­nom­men hatte. Aber zumin­dest war man hier bereit, vor dem tota­len Schei­tern die Not­bremse zu ziehen.

Dies sind nur einige Bei­spiele für ekla­tante Fehl­ein­schät­zun­gen unse­rer Gesund­heits­po­li­tik. Es sind Bei­spiele für eine offen­sicht­lich fast zwang­hafte Wei­ge­rung, sich mit der Rea­li­tät aus­ein­an­der­zu­set­zen und auch nur den Dia­log mit jenen zu suchen, die auf­grund ihrer beruf­li­chen Erfah­run­gen und Kom­pe­ten­zen Lösun­gen auf­zei­gen können.

Die Liste von Bei­spie­len könnte man nahezu belie­big ver­län­gern. Und so kon­zi­piert man der­zeit gera­dezu lust­voll eine elek­tro­ni­sche Gesund­heits­akte am Bedarf der Ärz­te­schaft vor­bei. Es mag ja auch sein, dass eine Gesund­heits­re­form ohne Betei­li­gung der Leis­tungs­er­brin­ger leich­ter zu pla­nen ist. Aber auch damit nutzt die Poli­tik jede Chance, die Wirk­lich­keit zu verfehlen.

Bei all die­sen Punk­ten ist nicht das Pro­blem, dass unsere Gesund­heits­po­li­ti­ker zwar nicht alles wis­sen; es ist aber unser Pro­blem, dass sie alles bes­ser wis­sen. Der Umgang mit sol­chen Grund­hal­tun­gen ist oft müh­sam und frus­trie­rend. Füh­ren sie doch – wie die genann­ten Bei­spiele zei­gen – immer wie­der auf Irr­wege, in Sack­gas­sen und zu Stillstand.

Aber gerade des­halb wer­den wir uns in Ver­ant­wor­tung für das Gesund­heits­sys­tem wei­ter­hin laut­stark zu Wort mel­den und unsere kon­struk­tive Mit­ar­beit anbieten.

Karl Forst­ner
1. Vize-Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 10 /​25.05.2014