Stand­punkt – Vize-Präs. Johan­nes Stein­hart: Realitätsverweigerung

15.12.2014 | Stand­punkt

© Zeitler

Für viele ist es kein Thema – wozu auch: Wenn man jung und gesund ist, macht man sich kaum Gedan­ken, wo es in der Nähe einen Haus­arzt gibt – sofern es über­haupt noch einen gibt. Wie gesagt: Wenn man jung ist, ist das kein Thema. Spä­tes­tens wenn Kin­der da sind, ändert sich das; ganz beson­ders dann, wenn man sei­nen Lebens­mit­tel­punkt in einer länd­li­chen Region gewählt hat und ein Spi­tal nicht unbe­dingt in unmit­tel­ba­rer Nähe ist.

So rich­tig ins Bewusst­sein drängt sich der Gedanke an einen Haus­arzt spä­tes­tens bei den ers­ten alters­be­ding­ten gesund­heit­li­chen Pro­ble­men. Jetzt ein­mal ganz abge­se­hen davon, was das für jeden Betrof­fe­nen bedeu­tet, muss man sich ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass in den nächs­ten zehn Jah­ren in Öster­reich nicht nur 50 Pro­zent aller nie­der­ge­las­se­nen Kas­sen­ärzte in Pen­sion gehen, son­dern eine ganze Genera­tion von Öster­rei­che­rin­nen und Öster­rei­chern, die Baby-Boo­­mer, geht in Pen­sion. Sie wer­den ein Gesund­heits­sys­tem vor­fin­den, das mög­li­cher­weise nicht mehr so ist, wie sie es sich erwar­ten und kennen.

Ich frage mich, wer diese große Gruppe der dann über 60-Jäh­­ri­­gen wohn­ort­nahe zu Hause betreuen soll. Schon allein zah­len­mä­ßig müss­ten wir unsere basis­me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung rasch auf­rüs­ten, um quan­ti­ta­tiv die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung die­ser poten­ti­ell zu betreu­en­den Per­so­nen auch zu gewähr­leis­ten. Öster­reich­weit feh­len schon jetzt rund 1.300 Kas­sen­ärzte in der basis­me­di­zi­ni­schen Versorgung.

Ich frage mich, wie diese Betreu­ung finan­ziert wer­den soll, las­sen sich doch die Kran­ken­kas­sen – so wie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren – auch heuer wie­der als Spar­ver­eine fei­ern. Was ja letzt­lich nichts Ande­res bedeu­tet, als dass dem Sys­tem Geld und somit Leis­tun­gen vor­ent­hal­ten werden.

Ich frage mich, wann denn nun end­lich die von der Poli­tik schon seit Jahr­zehn­ten ange­kün­digte Auf­wer­tung des Haus­arz­tes kommt. Ist doch bekannt­lich die Ver­sor­gung und durch­gän­gige Betreu­ung beim nie­der­ge­las­se­nen Arzt wesent­lich güns­ti­ger als im Spi­tal. Aber diese Auf­wer­tung ist offen­sicht­lich ein­mal mehr ein Lip­pen­be­kenn­tis; denn davon, dass die Rah­men­be­din­gun­gen bes­ser, die büro­kra­ti­schen Anfor­de­run­gen weni­ger wer­den und end­lich auch die Hono­rie­rung zeit­ge­mäß ist, davon ist nichts zu bemerken.

Ich frage mich, wie man rund um das aller­orts immer drän­gen­der wer­dende Pro­blem bei der Nach­be­set­zung von Kas­sen­stel­len allen Erns­tes von einem „Ver­tei­lungs­pro­blem“ spre­chen kann. Wie will man etwas ver­tei­len, was gar nicht mehr da ist? Wir ver­lie­ren jeden zwei­ten Medi­zin­ab­sol­ven­ten einer öster­rei­chi­schen Uni­ver­si­tät bereits ans Ausland.

Ich frage mich auch, was die­ses Getue um den ‚Best Point of Ser­vice‘ soll: Schon in einem Jahr, also 2016, soll die­ser Best Point of Ser­vice für exakt ein Pro­zent der Öster­rei­che­rin­nen und Öster­rei­cher Rea­li­tät sein. Und man muss ihn nicht erst erfin­den, denn es gibt ihn schon längst: den Haus­arzt, den es 2016 hof­fent­lich immer noch für die übri­gen 99 Pro­zent der Öster­rei­che­rin­nen und Öster­rei­cher geben wird.

Man­che Men­schen haben eine Eigen­heit: Wenn sie etwas nicht wahr­ha­ben wol­len, leug­nen sie es – und somit exis­tiert es nicht. In der Gesund­heits­po­li­tik aber ist für Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung kein Platz.

Johan­nes Stein­hart
3. Vize-Prä­­si­­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 23–24 /​15.12.2014