6. Wie­ner Sym­po­sium: Ethik vor Ökonomie

10.02.2014 | Politik

Wenn die Öko­no­mi­sie­rung ärzt­li­che Werte gefähr­det und das ärzt­li­che Tun beschränkt, sind die Ärzte gefragt, in der Poli­tik mit­zu­re­den, erklär­ten Ver­tre­ter des Gesund­heits­we­sens aus Deutsch­land und Öster­reich beim sechs­ten Wie­ner Sym­po­sium der ÖÄK.
Von Marion Huber

Im Mit­tel­punkt des dies­jäh­ri­gen, sechs­ten Sym­po­si­ums, zu dem die ÖÄK deut­sche Ver­tre­ter der Poli­tik, der Lan­des­ärz­te­kam­mern, der Kran­ken­haus­ge­sell­schaf­ten und der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung gela­den hatte, stand zunächst die ärzt­li­che Ethik in Zei­ten der Öko­no­mi­sie­rung. Wenn von Ärz­ten plötz­lich ver­langt werde, ren­ta­ble Leis­tun­gen zu brin­gen, anstatt bedin­gungs­los zu hel­fen; wenn das ver­trau­ens­volle Arzt-Pati­en­ten-Ver­hält­nis zu einem markt­ori­en­tier­ten Anbie­ter-Kun­den-Geschäft ver­komme – „dann sind wir Ärzte gefor­dert, ein deut­li­ches Wört­chen mit­zu­re­den“, appel­lierte Prof. Jan Schulze, Prä­si­dent der Säch­si­schen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Ansons­ten sei mit die­ser Ten­denz eine mas­sive Gefähr­dung ver­bun­den: „Eine dena­tu­rierte Medi­zin, die öko­no­misch getrie­ben ist, wird keine Medi­zin mehr sein.“

Zwar sei auch Ärz­ten bewusst, dass das Gesund­heits­sys­tem ohne Res­sour­cen-Ethik nicht exis­tie­ren könnte, sagte Schulze, aber: „Die Öko­no­mie darf nicht zur domi­nie­ren­den Größe wer­den, die das ärzt­li­che Tun regle­men­tiert.“ Die indi­vi­du­elle ärzt­li­che Ent­schei­dung dürfe nicht beschränkt wer­den; Bud­gets und Büro­kra­ti­sie­rung dürf­ten den Arzt nicht behin­dern. Nur wenn der Arzt wei­ter­hin Hel­fer, Hei­ler, Beglei­ter und Anwalt des Pati­en­ten sein kann, sei der Arzt­be­ruf zukunfts­fä­hig. Daher sei es Auf­gabe der Ärzte, in die Poli­tik hin­ein­zu­wir­ken und etwas zu bewegen.

Auch für ÖÄK-Vize­prä­si­dent Karl Forst­ner ist bei die­ser Dis­kus­sion eines ganz sicher: „Fra­gen der Ethik ste­hen nicht am Rand der Medi­zin und beschrän­ken sich nicht dar­auf, son­dern sind im Zen­trum aller gesell­schafts­po­li­ti­schen Ver­än­de­run­gen.“ Der ärzt­li­che Beruf sei seit sei­nen Anfän­gen mit beson­de­ren Wer­ten ver­bun­den. Heute stün­den diese Werte immer öfter in Kon­flikt mit den rasan­ten Ent­wick­lun­gen und neuen Anfor­de­run­gen. Ein Wer­te­ko­dex und die Auto­no­mie des Arz­tes bei der Dia­gnose und The­ra­pie seien aber Grund­be­din­gung für das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zum Pati­en­ten. „Der Arzt ist der Grund­pfei­ler des Gesund­heits­sys­tems, aber nicht sein Mobi­liar, das man will­kür­lich ver­schie­ben, umge­stal­ten oder aus­tau­schen kann.“ Aus die­sem Ver­ständ­nis her­aus könn­ten Ärzte den Ent­wick­lun­gen im Gesund­heits­sys­tem – der Öko­no­mi­sie­rung, der poli­ti­schen Ein­fluss­nahme und der Stan­dar­di­sie­rung – auch selbst­be­wusst begeg­nen. „Der Arzt hat pri­mär dem Pati­en­ten­wohl und nicht den öko­no­mi­schen, poli­ti­schen oder tech­no­kra­ti­schen Inter­es­sen zu die­nen“, betonte Forstner.

Weib­li­che Medi­zin, männ­li­cher Ärztemangel

Im zwei­ten Teil des Sym­po­si­ums schil­derte Annette Rom­mel, Vor­stands­vor­sit­zende der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung Thü­rin­gen, den Trend zur „weib­li­chen Medi­zin“ aus Sicht einer Frau und als Ärz­tin: „Die Medi­zin ist weib­lich, der Ärz­te­man­gel und die Kar­rie­ren sind männ­lich.“ Zwar seien in Deutsch­land 64 Pro­zent der Medi­zin­stu­den­ten Frauen; unter Pro­fes­so­ren, lei­ten­den Kli­nik­ärz­ten und in der Stan­des­po­li­tik seien sie immer noch dras­tisch unter­re­prä­sen­tiert. Wes­halb? Vor allem vor­han­dene Rol­len­kli­schees, starre Arbeits­mo­delle und der Lebens­stil wür­den das Ihre dazu beitragen.

Auch in Öster­reich seien bereits mehr als die Hälfte der ange­stell­ten Ärzte und ein Drit­tel der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte weib­lich, wie ÖÄK-Prä­si­dent Artur Wech­sel­ber­ger erklärte. Der Auf­hol­pro­zess der Frauen in der Medi­zin sei damit aber abge­schlos­sen: „Die Ent­wick­lung wird in Zukunft etwa par­al­lel ver­lau­fen mit einem gene­rell etwas höhe­ren Frau­en­an­teil.“ Weil Ärz­tin­nen sich aber von ihren männ­li­chen Kol­le­gen in der Wahl des Fach­ge­biets, des Arbeits­plat­zes sowie des Kar­rie­re­ver­laufs unter­schei­den, ist es nach Ansicht von Wech­sel­ber­ger ent­schei­dend, wie es gelingt, den ent­ste­hen­den Ersatz­be­darf zu decken. Ohne ent­spre­chende Stra­te­gien, wel­che die Lebens­vor­stel­lun­gen und Work-Life-Balance der jun­gen Genera­tion rea­li­sier­bar machen, drohe trotz eines aus­rei­chen­den Ärzte-Nach­wuch­ses ein Ver­sor­gungs­de­fi­zit. Dies beson­ders in „Män­ner-domi­nier­ten“ Fach­ge­bie­ten wie etwa der Anäs­the­sie, der Chir­ur­gie oder Inne­ren Medi­zin. Wech­sel­ber­ger dazu: „Wir wer­den uns etwas über­le­gen müs­sen – und das schnell, denn die Zeit läuft.“

Keine Norm für medi­zi­ni­sche Behandlungen

Die Nor­men für medi­zi­ni­sche Behand­lun­gen stan­den im Mit­tel­punkt am zwei­ten Tag des Sym­po­si­ums. Hin­ter­grund dafür sind Ver­su­che des Euro­päi­schen Komi­tees für Nor­mung (CEN), euro­pa­weit gül­tige Nor­men für ästhe­tisch-chir­ur­gi­sche sowie für ästhe­tisch nicht chir­ur­gi­sche Ein­griffe durch­zu­set­zen. Diese Vor­gangs­weise wird von Ver­tre­tern der ÖÄK als auch von Sei­ten der Bun­des­ärz­te­kam­mer abge­lehnt, wie etwa deren Prä­si­dent Frank Ulrich Mont­go­mery betonte. Denn die Aus­übung des ärzt­li­chen Beru­fes erfor­dere eine sehr hohe fach­li­che Qua­li­fi­ka­tion und die Beach­tung des aktu­el­len Stan­des der aner­kann­ten medi­zi­ni­schen Erkennt­nisse. Ob CEN-Nor­men einen sol­chen Exper­ten­kon­sens abbil­den kön­nen, „muss bezwei­felt wer­den.“ Denn die Erstel­lung einer Norm durch die Befra­gung „inter­es­sier­ter Kreise“ sei frag­wür­dig, da eine Par­al­lel­struk­tur ent­stehe, die neben recht­li­chen Frik­tio­nen auch grund­sätz­li­che Legi­ti­ma­ti­ons­fra­gen auf­werfe. Mont­go­mery wei­ter: „Allein der Umstand, dass nur acht der der­zeit 33 Mit­glie­der in CEN einer Norm zustim­men müs­sen, zeigt die Aus­rich­tung die­ses pri­va­ten Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­mens, das vor allem ein Ziel ver­folgt: Kon­trolle über den Markt der Gesundheitsdienstleistungen.“

CEN wird von der EU-Kom­mis­sion unter­stützt bezie­hungs­weise beauf­tragt; rund ein Vier­tel des der­zei­ti­gen Out­puts geht auf Auf­träge der Kom­mis­sion zurück.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 3 /​10.02.2014