Pilot­pro­jekt Lehr­pra­xen: In Vor­arl­berg beginnt’s

10.04.2014 | Poli­tik


Was öster­reich­weit noch nicht gelun­gen ist, hat Vor­arl­berg geschafft: Bund, Land, Ärz­te­kam­mer und Gebiets­kran­ken­kasse haben sich auf eine gemein­same Finan­zie­rung eines Lehr­­pra­xis-Pilo­t­­pro­­jekts – für sechs bezie­hungs­weise zwölf Monate – geei­nigt. Start: Som­mer 2014.
Von Marion Huber

Sie ist längst über­fäl­lig und es führt kein Weg daran vor­bei“, sagt Tho­mas Jung­blut, Prä­si­dent der Vor­arl­ber­ger Gesell­schaft für All­ge­mein­me­di­zin (VGAM). Gemeint ist die Lehr­pra­xis für All­ge­mein­me­di­zi­ner – ein Pro­jekt, um das die Ver­tre­ter der ÖÄK und der Län­der­kam­mern seit mehr als 20 Jah­ren kämp­fen. Jetzt geht es in die heiße Phase: Im Som­mer – also mit 1. Juli die­ses Jah­res – soll das Pilot­pro­jekt in Vor­arl­berg starten.

Ein „mehr als löb­li­ches Zei­chen“, dass Vor­arl­berg hier einen Vor­stoß wagt, betont Michael Jonas, Prä­si­dent der Vor­arl­ber­ger Ärz­te­kam­mer, nach­dem ja „etli­che Bun­des­län­der auf der Bremse ste­hen“, wie er sagt. Gelun­gen sei das durch beson­dere Hart­nä­ckig­keit von­sei­ten der Ärz­te­kam­mer. „Immer wie­der haben wir die Lan­des­po­li­tik dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass ein län­ger­fris­ti­ges Ver­ste­cken hin­ter dem Bund die Vor­arl­ber­ger Pro­bleme im Nach­wuchs­be­reich nicht lösen wird.“ Bekannt­lich wur­den in Vor­arl­berg die Ein­stiegs­ge­häl­ter für Tur­nus­ärzte im ers­ten Jahr im Zuge der Gehalts­re­form 2013 auf rund 68.000 Euro ange­ho­ben. Damit soll dem laten­ten Tur­nus­ärz­te­man­gel, der sich in Vor­arl­berg auch wegen der attrak­ti­ve­ren Ange­bote in der Schweiz und in Deutsch­land schon dra­ma­tisch bemerk­bar macht, gegen­ge­steu­ert wer­den. Wie Jonas wei­ter aus­führt, gehe auch inter­na­tio­nal die Ent­wick­lung „ein­deu­tig“ in Rich­tung Lehr­pra­xen: „Auch dar­auf haben wir als Ärz­te­kam­mer unauf­hör­lich hingewiesen.“

Nach einer öffent­lich abge­lau­fe­nen Dis­kus­sion zwi­schen Ärz­te­kam­mer und Land Vor­arl­berg im Som­mer des ver­gan­ge­nen Jah­res sei es schließ­lich zu einer poli­ti­schen Initia­tive im Land­tag gekom­men, wo grund­sätz­lich beschlos­sen wurde, die Lehr­pra­xis finan­zi­ell auch aus Lan­des­mit­teln zu för­dern. Eine Arbeits­gruppe mit Ver­tre­tern des Lan­des, des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums, der Vor­arl­ber­ger Ärz­te­kam­mer und Gebiets­kran­ken­kasse wurde gegrün­det. Was dort gelun­gen ist, ist für Burk­hard Walla – er hat als Prä­si­di­al­re­fe­rent der Ärz­te­kam­mer Vor­arl­berg das Pro­jekt ver­han­delt – etwas ganz Beson­de­res: „Alle Ver­trags­par­teien haben das Inter­esse an der Sache in den Mit­tel­punkt gestellt und Tak­tik und Poli­tik außen vor gelas­sen.“ Und nur des­we­gen, weil alle Betei­lig­ten letzt­end­lich „über ihren Schat­ten“ gesprun­gen seien, konnte eine gemein­same Finan­zie­rung erreicht werden. 

„Es hat sich also wirk­lich etwas getan, es ist zu einem wah­ren Para­dig­men­wech­sel gekom­men“, sagt Jung­blut. Das zeigt sich nun auch in der gemein­sa­men Finan­zie­rung des auf die Dauer von zwei Jah­ren ange­leg­ten Pilot­pro­jekts: Den größ­ten Anteil der kal­ku­lier­ten Kos­ten von ins­ge­samt 270.000 Euro wird das Land Vor­arl­berg mit 37 Pro­zent (100.000 Euro) bei­steu­ern; der Bund über­nimmt 30 Pro­zent (80.000 Euro); zusätz­lich kom­men je 16,5 Pro­zent (je 45.000 Euro) aus dem Reform­pool der Gesamt­ver­gü­tung der Vor­arl­ber­ger Gebiets­kran­ken­kasse sowie von allen Lehr­pra­xis­in­ha­bern zusam­men. Der für Jung­blut ent­schei­dende Punkt: „End­lich haben Bund, Land und Gebiets­kran­ken­kasse ein­ge­se­hen, dass die Lehr­pra­xis von ihrer Seite finan­ziert wer­den muss, weil sie sonst ein­fach nicht umsetz­bar ist.“ Auch wurde „end­lich“ die Not­wen­dig­keit der Lehr­pra­xis erkannt. Die Nach­­­wuchs-Sor­­gen wür­den ohne sie zwei­fel­los grö­ßer. Jung­blut dazu: „Man hat sonst ein­fach keine Chance auf gut aus­ge­bil­de­ten Ärz­te­nach­wuchs im all­ge­mein­me­di­zi­ni­schen nie­der­ge­las­se­nen Bereich.“ Dies beson­ders vor dem Hin­ter­grund der Gesund­heits­re­form, die spe­zi­ell dem nie­der­ge­las­se­nen Bereich eine ent­schei­dende Bedeu­tung zukom­men lasse.

Auch Walla ist davon über­zeugt, dass mit einer bes­se­ren Aus­bil­dung der All­ge­mein­me­di­zi­ner die Basis für eine gute Ver­sor­gung im nie­der­ge­las­se­nen Bereich, die auch in Zukunft von höchs­ter Qua­li­tät sein soll, liegt. In den Kran­ken­häu­sern aber komme es immer mehr zur Spe­zia­li­sie­rung; viele gän­gige Krank­heits­bil­der stel­len dort nur noch Neben­dia­gno­sen dar. Aktu­el­len Befra­gun­gen zufolge sehen sich daher auch viele Tur­nus­ärzte sogar gegen Ende ihrer Aus­bil­dung kaum in der Lage, selbst­stän­dig und eigen­ver­ant­wort­lich eine all­ge­mein­me­di­zi­ni­sche Ordi­na­tion zu betrei­ben. Die Tat­sa­che, dass 82 Pro­zent der Tur­nus­ärzte in Vor­arl­berg schlicht­weg gar kein Inter­esse daran haben, All­ge­mein­me­di­zi­ner zu wer­den, ist ein wei­te­res Indiz dafür, wie drin­gend not­wen­dig die all­ge­mein­me­di­zi­ni­sche Aus­bil­dung in Form von Lehr­pra­xen ist.

Warum das so ist, weiß Walla: „Die All­ge­mein­me­di­zin braucht ganz spe­zi­fi­sche Aus­bil­dungs­in­halte, die einem jun­gen Arzt in kei­nem Kran­ken­haus ver­mit­telt wer­den kön­nen.“ All­ge­mein­me­di­zi­ner müss­ten in der Aus­bil­dung inten­siv und ver­mehrt genau mit dem kon­fron­tiert wer­den, was sie in Zukunft in der Pra­xis kön­nen sol­len und müs­sen. Und genau das soll die Lehr­pra­xis bewir­ken – eine bes­sere Aus­bil­dung und grö­ße­res Inter­esse der jun­gen Ärzte an der Allgemeinmedizin.

Kon­kret sieht das Pilot­pro­jekt Lehr­pra­xis fol­gen­der­ma­ßen aus: In fünf Lehr­pra­xen – jede wird einem Vor­arl­ber­ger Kran­ken­haus zuge­ord­net – wer­den pro Jahr ins­ge­samt sie­ben Aus­bil­dungs­plätze zur Ver­fü­gung ste­hen. Die Lehr­prak­ti­kan­ten blei­ben für die gesamte Dauer der Lehr­pra­xis am Kran­ken­haus ange­stellt. Sie wer­den vier Tage pro Woche in der Lehr­pra­xis tätig sein und drei Nacht­dienste im Kran­ken­haus arbeiten.

Was noch zu klä­ren ist

Die Lehr­pra­xen wer­den nach einem Aus­schrei­bungs­ver­fah­ren aus­ge­wählt; auch für die Tur­nus­ärzte wird es ein ent­spre­chen­des Bewer­bungs­ver­fah­ren geben. Details dazu sowie zu wei­te­ren inhalt­li­chen Fra­gen wie etwa arbeits­recht­li­chen The­men, gesamt­ver­trag­li­chen Ände­run­gen sowie auch die genauen Aus­bil­dungs­in­halte müs­sen – bevor der end­gül­tige Start­schuss fal­len kann – noch geklärt wer­den. Jung­blut ist aber zuver­sicht­lich, dass der Zeit­plan ein­ge­hal­ten wer­den kann. So sei beson­ders beim Cur­ri­cu­lum in den ver­gan­ge­nen Jah­ren schon viel Arbeit geleis­tet wor­den. „Hier muss nur noch der Fein­schliff erfol­gen, bevor es wirk­lich los­ge­hen kann“, berich­tet Jungblut.

Über die opti­male Dauer einer Lehr­pra­xis konnte man sich im Vor­feld nicht eini­gen. Hier reich­ten die Mei­nun­gen von „sechs Monate sind genug“ bis hin zu „min­des­tens zwölf Monate“. Im Pilot­pro­jekt wer­den nun zwei unter­schied­li­che Vari­an­ten ange­bo­ten: Drei der fünf Lehr­pra­xen wer­den über einen Zeit­raum von zwölf Mona­ten, zwei Lehr­pra­xen sechs Monate lau­fen. Nach der zwei­jäh­ri­gen Pro­jekt­phase wer­den die unter­schied­li­chen Modelle von einer exter­nen Stelle evaluiert.

Walla hat wenig Zwei­fel daran, dass die Aus­bil­dung in einer Lehr­pra­xis min­des­tens zwölf Monate dau­ern muss, weil „eine län­gere Lehr­­pra­xis- Aus­bil­dung zu einer höhe­ren Qua­li­fi­ka­tion der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen führt“. Den­noch sei der Ansatz, im Pilot­pro­jekt nun zwei ver­schie­dene Modelle zu erpro­ben und zu ver­glei­chen, abso­lut sinn­voll, betont Walla: „Erst dadurch konnte letzt­end­lich die poli­ti­sche Patt­stel­lung über­wun­den werden.“

Auch Jung­blut, der seit sie­ben Jah­ren eine Lehr­pra­xis führt und in die­ser Zeit zwölf Tur­nus­ärzte aus­ge­bil­det hat, gibt eine klare Ant­wort: „Zwölf Monate sind schon knapp genug.“ In sechs Mona­ten Lehr­pra­xis sieht er „über­haupt keine Chance“, all jene Fähig­kei­ten zu ler­nen, die ein nie­der­ge­las­se­ner All­ge­mein­me­di­zi­ner tag­täg­lich braucht. Anfor­de­run­gen, die mit der Gesund­heits­re­form – und der Stär­kung der Pri­mär­ver­sor­gung – noch umfas­sen­der wer­den. Um teils schwer­wie­gende Ent­schei­dun­gen zu tref­fen – etwa bei der Behand­lung von älte­ren, mul­ti­mor­bi­den Pati­en­ten, wenn es darum geht, in aus­sichts­lo­ser Lage auch ein­mal „Nein“ zu wei­te­ren lebens­ver­län­gern­den Maß­nah­men zu sagen – brau­che es Erfah­rung, wie er wei­ter aus­führt. „Und die kann man nur in zwölf Mona­ten Lehr­pra­xis sammeln.“

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 7 /​10.04.2014

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