KA-AZG in der Stei­er­mark: Bewe­gung im System

25.10.2014 | Politik

Ein gan­zes Bün­del an Maß­nah­men soll dazu bei­tra­gen, dass die Tätig­keit als Spi­tals­ärz­tin oder Spi­tals­arzt in der Stei­er­mark attrak­tiv wird. Ver­bes­se­run­gen bei der Aus­bil­dung und EU-kon­forme Gestal­tung der Arbeits­zei­ten zäh­len ebenso dazu wie Gehalts­er­hö­hun­gen. Dar­auf haben sich KAGes, Betriebs­rat und Ärz­te­kam­mer geeinigt.

Schon im Jahr 2013 haben die Vor­ar­bei­ten dazu begon­nen: Es war eine Pro­gram­min­itia­tive der KAGes unter dem Motto „Lebens­pha­sen­ori­en­tie­rung Ärz­tIn­nen“. In den ins­ge­samt sie­ben Teil­pro­jek­ten, an denen KAGes, Med­uni Graz, Ärz­te­kam­mer Stei­er­mark, Pflege und Ver­wal­tung mit­wirk­ten, ging es darum, wie best­mög­li­che Arbeits­be­din­gun­gen und ein künf­ti­ger, moder­ner Arbeits­platz aus­se­hen kön­nen. Was die ins­ge­samt 80 Mit­ar­bei­ter in mehr als 10.000 Arbeits­stun­den schon im Rah­men die­ser Pro­gram­min­itia­tive erar­bei­tet hat­ten, diente als Basis für die wei­te­ren Ver­hand­lun­gen – deren Ergeb­nis nun auf dem Tisch liegt.

In Teil­pro­jek­ten erarbeitet

Gehalts­si­tua­tion sowie Arbeits­zeit stell­ten eines der Teil­pro­jekte dar. Nur wenige Monate dau­er­ten die direk­ten Ver­hand­lun­gen zwi­schen KAGes, Betriebs­rat und Ärz­te­kam­mer, bis man auch hier eine Eini­gung erzielte, die mitt­ler­weile auch der Auf­sichts­rat der KAGes zustim­mend zur Kennt­nis genom­men hat und auch vom Land Stei­er­mark als Eigen­tü­mer ange­nom­men wurde.

Kon­kret wurde Fol­gen­des vereinbart:

  • Der Anteil des Grund­ge­halts gegen­über Jour­nal­diens­ten (Ver­hält­nis der­zeit: 66 zu 34 Pro­zent) wird signi­fi­kant zuguns­ten des Grund­ge­halts erhöht.
  • Künf­tig gibt es vier Lohn­grup­pen – je nach Funk­tion für Tur­nus­ärzte, Assis­tenz­ärzte, Sta­ti­ons­ärzte, Fach­ärzte und Oberärzte.
  • Je nach Lohn­gruppe wer­den die Grund­ge­häl­ter um zehn, elf bezie­hungs­weise 18 Pro­zent erhöht. Dazu kom­men in höhe­ren Stu­fen noch­mals 1.000 Euro in das Gehaltsschema.
  • Für die neu geschaf­fene Gruppe „Funktionsoberarzt/​Funk­ti­ons­ober­ärz­tin“ sowie für geschäfts­füh­rende Ober­ärzte gibt es künf­tig eine Zulage in der Höhe von 750 Euro monatlich.
  • Die Mög­lich­keit zur Teil­zeit­ar­beit wird gefördert.

Bei Ärz­tin­nen und Ärz­ten in Aus­bil­dung hat man sich über­dies dar­auf geei­nigt, dass sie künf­tig unbe­fris­tete Dienst­ver­träge erhal­ten. Ab 2016 gibt es außer­dem für jeden Arzt in Aus­bil­dung ein jähr­li­ches, zweck­ge­bun­de­nes Fort- und Weiterbildungsbudget.

Als wei­tere Maß­nah­men wur­den vereinbart:

  • Ab 2015 gibt es an jeder Abtei­lung einen Aus­bil­dungs-Ober­arzt – mit ent­spre­chen­der finan­zi­el­ler Honorierung;
  • Fort­bil­dun­gen wer­den finan­zi­ell und mit zweck­ge­bun­de­nen Fort­bil­dungs­ta­gen unterstützt;
  • Erhö­hung der Fortbildungsbudgets;
  • Fünf Tage Son­der­ur­laub für die Prü­fung zum Arzt für Allgemeinmedizin;
  • Klar­stel­lung der Ver­ant­wort­lich­keit zwi­schen Ärz­ten und Pflege bei Doku­men­ta­tion und Administration;
  • Erhö­hung der Ver­füg­bar­keit des Schreibdienstes;
  • Aus­wei­tung der Kinderbetreuung;
  • Erleich­te­rung des Wie­der­ein­stiegs nach Karenz;
  • Ermög­li­chung von Telearbeit.

Mit 1. Jän­ner 2015, wenn das novel­lierte KA-AZG (Kran­ken­an­stal­ten-Arbeits­zeit- Gesetz) in Kraft tritt, beträgt die durch­schnitt­li­che Wochen­ar­beits­zeit 48 Stun­den. Aus­nahme: Der jewei­lige Arzt ent­schei­det sich in Form einer Opt-out-Erklä­rung für eine län­gere Wochen­ar­beits­zeit (maximal 60 Stun­den nur bis Ende 2017); die durch­schnitt­li­che Jah­res-Arbeits­zeit für Spi­tals­ärz­tin­nen und Spi­tals­ärzte in der Stei­er­mark wird suk­zes­sive um 200 Arbeits­stun­den redu­ziert. Außer­dem wer­den die Jour­nal­dienste vom Grund­ge­halt ent­kop­pelt. Im Jän­ner 2018 und im Jän­ner 2021 wird das Ver­hält­nis zwi­schen Grund­ge­halt und Ein­kom­men aus dem Jour­nal­dienst – auf­grund der Reduk­tion der wöchent­li­chen Maximal-Arbeits­zeit – jeweils neu­er­lich zuguns­ten des Grund­ge­halts ver­än­dert. Um die Zustim­mung zur Opt-out-Rege­lung zu erleich­tern, wird die Ärz­te­kam­mer Stei­er­mark eine Stel­lung­nahme zur haf­tungs­recht­li­chen Ver­ant­wor­tung bei Über­schrei­tung einer Wochen­ar­beits­zeit von 48 Stun­den ver­öf­fent­li­chen.
AM

Inter­view – Her­wig Lind­ner und Mar­tin Wehrschütz

Kon­sens ohne Konflikt

Über die Hin­ter­gründe, wieso man sich rasch und nahezu frik­ti­ons­frei auf die­ses Maß­nah­men­pa­ket eini­gen konnte, infor­mie­ren Her­wig Lind­ner, Prä­si­dent der Ärz­te­kam­mer Stei­er­mark, und Mar­tin Wehr­schütz, Kuri­en­ob­mann der Ange­stell­ten Ärzte in der Ärz­te­kam­mer Stei­er­mark. Die Fra­gen stellte Mar­tin Novak.

ÖÄZ: Prak­tisch ohne öffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zung hat man in der Stei­er­mark eine Eini­gung gefun­den. Was ist das Geheim­nis?
Lind­ner: Alle, Gesund­heits­lan­des­rat, KAGes, Ärz­te­kam­mer und Betriebs­rat, waren sich einig, dass es ein Pro­blem gibt, das nur gemein­sam gelöst wer­den kann. Das eben­falls gemein­same Pro­jekt ‚Lebens­pha­sen­ori­en­tier­tes Attrak­ti­vie­rungs­mo­dell für Ärzte‘ war eine gute Basis für die jetzt abge­schlos­se­nen Ver­hand­lun­gen zum Dienst- und Besoldungsrecht.

ÖÄZ: De facto wird es ja zu Ein­kom­mens­er­hö­hun­gen von bis zu 40 Pro­zent kom­men. Das klingt ja fast zu schön, um wahr zu sein, in Zei­ten wie die­sen?
Wehr­schütz: Es ist tat­säch­lich ein beein­dru­cken­des Ergeb­nis, man muss aber auch den Hin­ter­grund sehen. In den letz­ten fünf Jah­ren haben Hun­derte Ärzte die Stei­er­mark ver­las­sen. Ohne wett­be­werbs­fä­hige Arbeits­be­din­gun­gen inner­halb Öster­reichs, aber auch im Ver­gleich zu Deutsch­land und der Schweiz, hät­ten wir bald Spi­tä­ler ohne Ärzte. Es ging darum, die Ärz­te­flucht zu stop­pen und ein attrak­ti­ves Lebens­mo­dell Spi­tals­arzt anzubieten.

ÖÄZ: Es fällt auf, dass die Ein­kom­mens­zu­wächse für die jun­gen Ärz­tin­nen und Ärzte am gerings­ten aus­fal­len. Ist das nicht eine Schief­lage?
Lind­ner: Die jun­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen wol­len in ers­ter Linie eine gute Aus­bil­dung. Die gibt es nur, wenn wir die Fach- und Ober­ärzte im Land hal­ten. Und die Ärzte in Aus­bil­dung bekom­men nicht nur ein um zehn Pro­zent höhe­res Grund­ge­halt, son­dern auch ein Fort­bil­dungs­bud­get und unbe­fris­tete Aus­bil­dungs­ver­träge. Dazu kommt der neue Tur­nus­ärzte-Tätig­keits­ka­ta­log, der sie von Rou­ti­ne­tä­tig­kei­ten erlöst. Das Gesamt­pa­ket passt.

ÖÄZ: Die 48-Stun­den-Woche wird erst Mitte 2021 Rea­li­tät. Hätte die Ärz­te­kam­mer nicht schär­fer gegen die lan­gen Über­gangs­zei­ten pro­tes­tie­ren sol­len?
Wehr­schütz: Län­gere Arbeits­zei­ten sind frei­wil­lig. Und es ist ein öster­reich­wei­ter Kom­pro­miss. Man darf auch nicht ver­ges­sen, dass Dienst­pläne an den Abtei­lun­gen gemacht wer­den müs­sen. Ohne län­gere Arbeits­zei­ten wäre das an vie­len Orten nicht mög­lich, ganz zu schwei­gen von Not­arzt­diens­ten. Wir haben aber dafür gesorgt, dass die Arbeits­zeit­sen­kung rasch zu grei­fen beginnt. Und dass Dienste und gege­be­nen­falls auch Ruf­be­reit­schaf­ten ange­mes­sen hono­riert werden.

ÖÄZ: Wird eine Rege­lung, die 2014 abge­schlos­sen wurde, auch 2021 noch pas­sen, wenn das KA-AZG voll durch­schlägt?
Lind­ner: Wir hat­ten immer die gesamte Ent­wick­lung im Auge. Die Grund­ge­häl­ter wer­den 2018 und 2021 wei­ter erhöht. Es wird also keine Ver­luste geben. Der Spi­tals­stand­ort Stei­er­mark hat deut­lich an Attrak­ti­vi­tät gewonnen.

ÖÄZ: Noch keine Eini­gung gibt es an der Med­uni.
Wehr­schütz: Das ist noch ein gro­ßer Wer­muts­trop­fen. Wir drän­gen den Betriebs­rat der Med­uni und das Rek­to­rat, die KAGes Lösung rasch nach­zu­voll­zie­hen. Wenn wir uns anschauen, dass jähr­lich rund 70 Tur­nus­ärzte die Stei­er­mark ver­las­sen, die um rund 25 Mil­lio­nen Euro aus­ge­bil­det wer­den, wäre es aus Sicht des Bun­des auch volks­wirt­schaft­lich völ­lig unver­ständ­lich, wenn hier nicht rasch gehan­delt wird.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 20 /​25.10.2014