Inter­view – Lothar Fied­ler: Aus­bau statt Umbau

10.05.2014 | Politik

Dafür, dass die bestehen­den funk­tio­nie­ren­den Struk­tu­ren im nie­der­ge­las­se­nen fach­ärzt­li­chen Bereich aus­ge­baut wer­den, spricht sich der Bun­des­fach­grup­pen­ob­mann für Innere Medi­zin in der ÖÄK, Lothar Fied­ler, aus. Im Gespräch mit Agnes M. Mühl­gas­s­ner warnt er vor einem Systembruch.

ÖÄZ: Im Zuge der Dis­kus­sion um die Neu­ge­stal­tung der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung im nie­der­ge­las­se­nen Bereich ist vor allem von All­ge­mein­me­di­zi­nern die Rede. Wel­chen Stel­len­wert haben die nie­der­ge­las­se­nen Fach­ärzte?
Fied­ler: Für eine wohn­ort­nahe Ver­sor­gung sind sowohl All­ge­mein­me­di­zi­ner als auch Fach­ärzte not­wen­dig. Das Haus­arztund Ver­trau­ens­arzt­mo­dell der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer ist auch im Sinn der Fach­ärzte. Der Haus­arzt soll koor­di­nie­ren, die Fach­ärzte sind in ihrem jewei­li­gen Fach­ge­biet mit ihrer Exper­tise tätig. Spe­zi­ell die nie­der­ge­las­se­nen Fach­ärzte für Innere Medi­zin wer­den beson­ders gefragt sein, wenn die Pri­mär­ver­sor­gung wohn­ort­nah gut funk­tio­nie­ren soll.

Aber gerade bei der Dis­kus­sion rund um die Eta­blie­rung von Pri­mary Health Care kom­men die nie­der­ge­las­se­nen Fach­ärzte nur noch am Rande vor.
Was hier im Zuge der Gesund­heits­re­form ange­dacht ist, näm­lich die Stär­kung der Pri­mär­ver­sor­gung und eine Ent­las­tung der Kran­ken­haus­am­bu­lan­zen, ist abso­lut zu begrü­ßen. Ent­schei­dend ist aller­dings die Umset­zung. Ich bin über­zeugt, dass die nie­der­ge­las­se­nen Fach­ärzte auch wei­ter­hin pri­märe Ansprech­part­ner bei der Pri­mär­ver­sor­gung im nie­der­ge­las­se­nen Bereich sein müs­sen.

Wel­che Stel­lung soll der Haus­arzt denn künf­tig haben?

Diese Frage kann man ganz klar beant­wor­ten: So wie es schon jahr­zehn­te­lang Tra­di­tion ist, ist und bleibt der Haus­arzt der erste Ansprech­part­ner und in den meis­ten Fäl­len wird das auch der All­ge­mein­me­di­zi­ner sein. Dort sol­len alle Infor­ma­tio­nen über den Pati­en­ten gesam­melt wer­den: wel­che Über­wei­sun­gen es wohin gege­ben hat und auch über alle even­tu­el­len Kran­ken­haus­auf­ent­halte. Dabei ist es ganz ent­schei­dend, dass der Haus­arzt nicht Gate­kee­per, son­dern Koor­di­na­tor ist.

Ist der Ver­trau­ens­arzt in jedem Fall ein All­ge­mein­me­di­zi­ner?
Es wird durch­aus so sein, dass nicht nur der All­ge­mein­me­di­zi­ner, son­dern auch ein Fach­arzt die Rolle des Ver­trau­ens­arz­tes ein­nimmt – näm­lich für eine spe­zi­elle Erkran­kung bei­spiels­weise der Uro­loge oder der Gynä­ko­loge, aber auch beim Kin­der­arzt ist das denk­bar und sinnvoll.

Wie sieht es in Ihrem Fach­be­reich, der Inne­ren Medi­zin, aus?
Ich gehe davon aus, dass die Innere Medi­zin künf­tig gene­rell einen brei­te­ren Stel­len­wert ein­neh­men wird. Das ergibt sich schon allein aus der Tat­sa­che, dass es in die­sem Fach­ge­biet sehr viele Erkran­kun­gen gibt und natür­lich auch wegen der demo­gra­phi­schen Ent­wick­lung und dem dadurch beding­ten zah­len­mä­ßi­gen Anstieg sol­cher Erkran­kun­gen. Bei spe­zi­el­len Erkran­kun­gen ist der Inter­nist als Pri­mär­ver­sor­ger beson­ders gefragt, der Kar­dio­loge für den KHK-Pati­en­ten, der Gas­tro­en­te­ro­loge für den Crohn-Pati­en­ten oder der Rheu­ma­to­lo­gie für den Pati­en­ten mit Rheuma etc. Dafür ist der direkte Zugang unabdingbar.

Geht es nach den Plä­nen der Poli­tik, soll es ja künf­tig nie­der­ge­las­sene Fach­ärzte nicht mehr geben.
Die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen, die hier die Ent­schei­dun­gen tref­fen, sind gut bera­ten, kei­nen Sys­tem­bruch vor­zu­neh­men. Denn die Ver­sor­gungs­struk­tu­ren im nie­der­ge­las­se­nen Bereich, also die wohn­ort­nahe Medi­zin, wie wir sie der­zeit haben, funk­tio­nie­ren seit vie­len Jah­ren außer­or­dent­lich gut – was Umfra­gen unter Pati­en­ten immer wie­der zei­gen. Es ist ein Unter­schied, ob man zu einem Fach­arzt sei­nes Ver­trau­ens kommt oder ob man in einer Ambu­lanz bei jeder Kon­trolle ein ande­res Gegen­über hat.

Wo sehen Sie drin­gen­den Ver­än­de­rungs­be­darf?
Die Struk­tur im nie­der­ge­las­se­nen Bereich muss aus­ge­baut wer­den. Nur so kann das Ziel, die Kran­ken­haus­am­bu­lan­zen tat­säch­lich zu ent­las­ten, rea­lis­ti­scher Weise auch erreicht wer­den. Dann muss es aber in Zukunft leich­ter sein, eine Grup­pen­pra­xis zu grün­den – unab­hän­gig davon, ob es sich um glei­che oder unter­schied­li­che Fach­rich­tun­gen han­delt. Und es muss auch mög­lich sein, dass Wahl­ärzte ein­be­zo­gen wer­den. Eine Grund­vor­aus­set­zung dafür ist aller­dings, dass der jet­zige Stel­len­plan aus­ge­wei­tet wird und die Poli­tik auch die ent­spre­chen­den Wei­chen stel­len muss. Nur wenn im Bereich der extra­mu­ra­len Medi­zin aus­ge­baut wird, sehe ich die Mög­lich­keit, dass das öster­rei­chi­sche Gesund­heits­sys­tem für die Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft gewapp­net ist.

Die Anfor­de­run­gen im länd­li­chen Bereich sind oft völ­lig anders als in der Stadt. Was ist beson­ders zu beach­ten?
Im länd­li­chen Bereich geht es dabei vor allem um Netz­werke, in denen der All­ge­mein­me­di­zi­ner mit ande­ren medi­zi­ni­schen Beru­fen eng zusam­men­ar­bei­tet. Wesent­lich häu­fi­ger als der­zeit wird die Kon­sul­ta­tion einer Spi­tals­am­bu­lanz nicht erfor­der­lich sein. Auch kann man­cher sta­tio­näre Auf­ent­halt ver­mie­den wer­den. Dass bei all dem der Arzt die Füh­rung die­ses Teams inne­hat, steht für mich außer Diskussion.

In wel­cher Art und Weise soll dann die Koope­ra­tion mit den Fach­ärz­ten erfol­gen?
Die Ver­net­zung zwi­schen All­ge­mein­me­di­zi­nern und Fach­ärz­ten muss auf jeden Fall noch bes­ser wer­den. Auch in Zukunft wird es immer wie­der vor­kom­men, dass ein fach­ärzt­li­ches Kon­si­lium not­wen­dig ist, und das oft sehr rasch. Darum wird es auch not­wen­dig sein, dass die nie­der­ge­las­se­nen Fach­ärzte ent­spre­chende Kapa­zi­tä­ten frei­hal­ten, um auch akut sol­che Anfor­de­run­gen bewäl­ti­gen zu können.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 9 /​10.05.2014