Bra­si­lien: Mehr Ärzte braucht das Land

25.06.2014 | Poli­tik

Die Pro­teste der bra­si­lia­ni­schen Bevöl­ke­rung gegen die mas­si­ven Aus­ga­ben für die Fuß­­ball-WM ange­sichts der schlech­ten medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung im Land began­nen schon im Vor­jahr. Im Zuge des ambi­tio­nier­ten Pro­gramms „Mais Méd­icos“ wur­den rund 13.000 Ärzte – vor­wie­gend aus Kuba – ange­wor­ben.
Von Nora Schmitt-Sausen

Eine Welt­meis­ter­schaft im Land der Fuß­­ball-ver­­­rück­­ten Bra­si­lia­ner. Eine tolle Idee – das dach­ten zumin­dest die FIFA und die bra­si­lia­ni­sche Regie­rung. Doch die Bra­si­lia­ner ver­an­stal­ten auf Grund der WM im eige­nen Land keine Freu­den­tänze. Im Gegen­teil: Im Som­mer des Vor­jah­res gin­gen lan­des­weit Hun­dert­tau­sende auf die Straße. Die Bür­ger von Bra­si­lien wehr­ten sich gegen gestie­gene Fahr­preise, pro­tes­tier­ten gegen die mas­si­ven Aus­ga­ben für die WM, bemän­gel­ten das schlechte Bil­dungs­sys­tem im Land und beklag­ten die schlechte medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung. Selbst Bra­­si­­lien- Exper­ten waren von der Dyna­mik der Pro­teste überrascht.

Zumin­dest der Ruf nach einer bes­se­ren medi­zi­ni­schen Betreu­ung wurde erhört. Als eine der weni­gen unmit­tel­ba­ren Reak­tio­nen auf die Pro­teste legte Bra­si­li­ens Prä­si­den­tin Dilma Rouss­eff ein ambi­tio­nier­tes Pro­gramm auf. Es trägt den Titel „Mais Méd­icos“ (Mehr Ärzte) und zielt dar­auf ab, die Gesund­heits­ver­sor­gung in abge­le­ge­nen und struk­tur­schwa­chen Regio­nen zu ver­bes­sern. Dort ist Bra­si­li­ens chro­ni­scher Man­gel an Ärz­ten beson­ders groß: Mehr als 50.000 Ärz­te­stel­len sol­len lan­des­weit unbe­setzt sein. Rouss­eff öff­nete für das Regie­rungs­pro­gramm kur­zer­hand den bra­si­lia­ni­schen Arbeits­markt für aus­län­di­sche Ärzte. Fast 13.000 sind seit­her ins Land gekom­men. Sie stam­men zum gro­ßen Teil aus dem sozia­lis­ti­schen Nach­bar­staat Kuba, der für seine gute Ärzte-Aus­­­bil­­dung und seine Bereit­schaft, seine Ärzte zu ver­sen­den, bekannt ist. Nach einem mehr­wö­chi­gen Sprach­kurs und einer Kurz­ein­füh­rung zu Land und Leu­ten wer­den sie in mehr als 4.000 Bezir­ken ein­ge­setzt, um dort die größ­ten Ver­sor­gungs­lü­cken zu schlie­ßen. Min­des­tens drei Jahre wer­den sie bleiben.

Unter­schied­li­che Reaktionen

Die bra­si­lia­ni­sche Bevöl­ke­rung reagiert posi­tiv auf das unkon­ven­tio­nelle und schnelle Vor­ge­hen der Regie­rung und zeigt sich dank­bar für die Hilfe, die von den ange­wor­be­nen Ärz­ten vor Ort geleis­tet wird. Umfra­gen zei­gen, dass 80 Pro­zent der Bevöl­ke­rung mit dem Pro­gramm zufrie­den sind. Denn in beson­ders abge­le­ge­nen Regio­nen des Lan­des haben man­che Bewoh­ner schon seit Jah­ren kei­nen Arzt zu Gesicht bekommen.

Die hei­mi­schen Ärzte dage­gen erzürnt das Pro­gramm. Aus Pro­test gegen den Ärzte-Import aus dem Aus­land sind viele von ihnen in den ver­gan­ge­nen Mona­ten immer wie­der auf die Straße gegan­gen. Der bra­si­lia­ni­sche Ärz­te­ver­band warf den aus­län­di­schen Ärz­ten vor, nicht über die not­wen­dige Aus­bil­dung zu ver­fü­gen, um die Bür­ger von Bra­si­lien adäquat zu ver­sor­gen. Auch das Sprach­pro­blem stelle eine nicht zu über­win­dende Hürde bei der Behand­lung dar. Per Gerichts­be­schluss ver­such­ten meh­rere Orga­ni­sa­tio­nen, das Pro­gramm der Regie­rung zu stop­pen. Erfolg hat­ten sie damit nicht; die Kla­gen wur­den abgewiesen. 

Das Schlie­ßen von Ver­sor­gungs­lü­cken durch das Anwer­ben von aus­län­di­schen Ärz­ten soll nur ein Zwi­schen­schritt auf dem Weg zu einer umfas­sen­den Reform des bra­si­lia­ni­schen Gesund­heits­we­sens sein. Beson­ders bei der Aus­bil­dung von eige­nen Ärz­ten müsse das Land mehr tun, for­derte die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO). Die WHO befür­wor­tete jedoch die Ent­schei­dung der bra­si­lia­ni­schen Regie­rung, kurz­fris­tig aus­län­di­sche Ärzte ins Land zu holen, um die vie­len Ver­sor­gungs­lü­cken zu schlie­ßen. Befürch­tun­gen, dass Bra­si­lien Kuba die Ärzte nehme, gab es nicht. Im Insel­staat Kuba liegt die Arzt­dichte bei 6,7 Ärz­ten pro 1.000 Ein­woh­ner und ist damit deut­lich höher als in Bra­si­lien (1,8 Ärzte pro 1.000 Einwohner).

Neben dem Man­gel an medi­zi­ni­schem Per­so­nal und den dar­aus resul­tie­ren­den Ver­sor­gungs­eng­päs­sen kämpft das bra­si­lia­ni­sche Ver­sor­gungs­sys­tem vor allem mit feh­len­den finan­zi­el­len Mit­teln, schlecht aus­ge­stat­te­ten und über­füll­ten Kran­ken­häu­sern sowie Kor­rup­tion und Man­gel­ver­wal­tung. Aller­dings hat Bra­si­lien in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ins­ge­samt große Fort­schritte gemacht. So ist etwa im eins­ti­gen Ent­wick­lungs­land die Kin­der­sterb­lich­keit in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten dras­tisch zurück­ge­gan­gen. Star­ben 1990 noch 48,8 von 1.000 Kin­dern, sind es 2011 nur noch 13,9. Es ist den ver­bes­ser­ten Lebens­be­din­gun­gen, den Inves­ti­tio­nen in das Gesund­heits­we­sen und dem medi­zi­ni­schen Fort­schritt zu ver­dan­ken, dass die Lebens­er­war­tung der Bra­si­lia­ner deut­lich gestie­gen ist. Heute wer­den Bra­si­li­ens Bür­ger mit durch­schnitt­lich 73,4 Jah­ren 18 Jahre älter als noch 1960. Vom OECD-Durch­­­schnitt sind die Bra­si­lia­ner sowohl bei der Kin­der­sterb­lich­keit als auch bei der Lebens­er­war­tung jedoch noch weit entfernt.

Sicher ist: Bis Bra­si­lien in der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung zu weit ent­wi­ckel­ten Natio­nen auf­schließt, wer­den noch Jahre ver­ge­hen. Aber sicher ist auch: Die Fuß­ball­tou­ris­ten aus aller Welt wer­den sich bei ihrem Besuch keine Gedan­ken um ihre Gesund­heits­ver­sor­gung machen müs­sen. Die medi­zi­ni­sche Betreu­ung an den Spiel­stät­ten wie Rio de Janeiro und São Paulo ist gut.

Kubas Nach­bar­schafts­hilfe

Das Gesund­heits­we­sen des sozia­lis­ti­schen Insel­staa­tes Kuba hat einen guten Ruf. Die Regie­rung inves­tiert ver­gleichs­weise viel Geld in die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung sei­ner Bevöl­ke­rung. Die ärzt­li­che Aus­bil­dung gilt als vor­bild­lich, in der Lehre herr­schen west­li­che Stan­dards. Assis­tenz­ärzte aus Mexiko, Peru, Boli­vien und Guyana las­sen sich auf Kuba aus­bil­den. Um Pro­ble­men wie in Bra­si­lien vor­zu­beu­gen, hat die Regie­rung für das eigene medi­zi­ni­sche Per­so­nal klare Regeln auf­ge­stellt: Junge Medi­zi­ner ver­pflich­tet der Staat dazu, am Ende der Aus­bil­dung die Bevöl­ke­rung auf dem Land zu versorgen.

Die kuba­ni­sche Regie­rung schickt einen Teil ihres ärzt­li­chen Per­so­nals regel­mä­ßig zu Ein­sät­zen ins Aus­land, etwa nach Natur­ka­ta­stro­phen. Der Deal mit Bra­si­lien sorgte für inter­na­tio­nale Schlag­zei­len, als bekannt wurde, dass die kuba­ni­schen Ärzte nur einen Bruch­teil des­sen, was ihnen der bra­si­lia­ni­sche Staat für die Ver­sor­gung sei­ner Bevöl­ke­rung bezahlt, behal­ten dür­fen. Den Löwen­an­teil müs­sen die Not­hel­fer dem kuba­ni­schen Staat über­las­sen. Den­noch ver­die­nen die kuba­ni­schen Ärzte durch ihren Hilfs­s­ein­satz im Aus­land mehr als ihnen die ärzt­li­che Tätig­keit im eige­nen Land einbringt.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​25.06.2014