Gynä­ko­lo­gi­sche Onko­lo­gie: ENGOT unter öster­rei­chi­scher Leitung

10.06.2014 | Medi­zin

Bei den kli­ni­schen Stu­dien der gynä­ko­lo­gi­schen Onko­lo­gie liegt Öster­reich – gemes­sen an der Ein­woh­ner­zahl – in Europa an der Spitze. Nun steht mit Univ. Prof. Chris­tian Marth von der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck ein Öster­rei­cher an der Spitze des For­schungs­netz­wer­kes ENGOT, das kli­ni­sche Stu­dien im Bereich der Onko­lo­gie koor­di­niert. Von Vik­to­ria Enk

Dass man ihn – einen Öster­rei­cher – zum Vor­sit­zen­den des For­schungs­netz­wer­kes ENGOT gewählt hat – und noch dazu ein­stim­mig – bezeich­net Univ. Prof. Chris­tian Marth, Vor­stand der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Frau­en­heil­kunde in Inns­bruck, als „Kom­pli­ment“ an die öster­rei­chi­sche For­schungs­ge­mein­schaft. Diese werde inter­na­tio­nal „wegen ihrer Ver­läss­lich­keit sowie der hohen Qua­li­tät von Ergeb­nis­sen und nicht zuletzt wegen ihrer Ideen geschätzt“, betont Marth.

Gemes­sen an der Gesamt­be­völ­ke­rung liegt Öster­reich beim Ein­brin­gen von neuen Stu­dien „im Spit­zen­feld, da die gynä­ko­lo­gi­sche Onko­lo­gie in Öster­reich aus­ge­spro­chen weit aus­ge­baut ist“. Er selbst hätte frü­her oft noch „neid­voll“ in die USA geblickt; mitt­ler­weile habe sich das Bild aber gewan­delt. „Die gynä­ko­lo­gi­schen Stu­di­en­grup­pen der USA und auch von Kanada haben sich um eine Auf­nahme im Dach­ver­band ENGOT bewor­ben“, berich­tet Marth.

Das For­schungs­netz­werk ENGOT (Euro­pean Net­work for Gynae­co­lo­gi­cal Onco­lo­gi­cal Trial Groups) koor­di­niert kli­ni­sche Stu­dien im Bereich der gynä­ko­lo­gi­schen Onko­lo­gie – ledig­lich das Mam­ma­kar­zi­nom zählt nicht zum For­schungs­feld. Die­ses von der Euro­päi­schen Gesell­schaft für Gynä­ko­lo­gi­sche Onko­lo­gie (ESGO) 2007 ins Leben geru­fene For­schungs­netz­werk ver­eint der­zeit 19 For­schungs­grup­pen in 14 Staa­ten. Schon seit der Grün­dung ist Öster­reich im Rah­men von ENGOT aktiv, wie Marth – der schon seit den Anfän­gen mit dabei ist – betont.

Ziel des Zusam­men­schlus­ses ist der Auf­bau von Netz­wer­ken zu kli­ni­schen Stu­dien (Phase I bis III), um deren Qua­li­tät zu ver­bes­sern; ebenso geht es auch um Men­to­ring und Wei­ter­bil­dung. Durch die Ver­net­zung soll der wis­sen­schaft­li­che Fort­schritt ange­trie­ben wer­den und mög­lichst vie­len Pati­en­tin­nen ermög­licht wer­den, an kli­ni­schen Stu­dien teil­zu­neh­men. „Die per­so­na­li­sierte Medi­zin spielt ja eine zuneh­mende Rolle in der Behand­lung von Krebs­er­kran­kun­gen und drängt die klas­si­sche Che­mo­the­ra­pie immer wei­ter zurück“, wie der Experte wei­ter aus­führt. Zu den For­schungs­the­men zäh­len bei­spiels­weise die Ent­wick­lung von Bio­mar­kern, die Prä­dik­tion der Pro­gnose und The­ra­pie, immun­ba­sierte The­ra­pien sowie Beein­flus­sung der Eigen­schaf­ten von Krebs­zel­len mit Hilfe von bio­lo­gi­schen Modu­la­to­ren. Marth dazu: „Bereits im his­to­lo­gi­schen Befund las­sen sich bei Ova­ri­al­kar­zi­no­men unter­schied­li­che Zell­ty­pen erken­nen, die auf Behand­lun­gen unter­schied­lich ansprechen.“

Von der Kul­tur­schale in die Klinik

Im Rah­men von ENGOT wer­den nicht nur kli­ni­sche Stu­dien koor­di­niert, son­dern auch der Über­gang von prä­kli­ni­schen zu kli­ni­schen Stu­dien – „also quasi der Über­gang von der Kul­tur­schale in die Kli­nik“ – best­mög­lich unter­stützt. Als Bei­spiel dafür nennt Chris­tian Marth etwa die Stan­dar­di­sie­rung der Pro­ben­ent­nahme. „Das ist an sich zwar etwas Tri­via­les. Es zeig­ta­ber, wie wich­tig es ist, sol­che an sich tri­via­len Dinge zu regu­lie­ren, um an ver­schie­de­nen Stand­or­ten inter­na­tio­nal ver­gleich­bare Ergeb­nisse erzie­len zu können.“

Viele Stu­dien aus Österreich

Da die Arbeits­ge­mein­schaft Gynä­ko­lo­gi­sche Onko­lo­gie (AGO) über „gut aus­ge­baute Struk­tu­ren“ (Marth) ver­fügt, gehen viele Stu­dien auch direkt von Öster­reich aus. So soll etwa ein von der EU geför­der­tes Pro­jekt unter der Lei­tung von Univ. Prof. Nicole Con­cin von der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck den Ein­fluss von ziel­ge­rich­te­ten The­ra­pien auf das Tumor­­sup­­pres­­sor-Gen p53 unter­su­chen. Ein wei­te­res Pro­jekt – gelei­tet von Univ. Prof. Alain Zei­met, eben­falls Medi­zi­ni­sche Uni­ver­si­tät Inns­bruck – befasst sich mit der Vor­her­sage der Rezi­div­wahr­schein­lich­keit für Frauen mit einem Zer­vix­kar­zi­nom mit Hilfe eines Bio­­­mar­­ker-basier­­ten Tests. Die Frauen, die ein hohes Rück­fall­ri­siko auf­wei­sen, sol­len dem­nach in kli­ni­schen Stu­dien betreut wer­den, um „opti­mal behan­delt wer­den zu kön­nen“, erklärt Marth.

Die Fak­ten

In Öster­reich wer­den jähr­lich 7.500 gynä­ko­lo­gi­sche Kar­zi­nome dia­gnos­ti­ziert. Das sind etwa 50 Fälle pro 100.00 Frauen und Jahr. Die Über­le­bens­rate liegt – je nach betrof­fe­nem Organ – zwi­schen 35 (Eier­stock) und 80 Pro­zent (Ute­rus).

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 11 /​10.06.2014