Medi­zin im Ers­ten Welt­krieg: Die gro­ßen Herausforderungen

15.08.2014 | Medizin

Sie haben Kriege maß­geb­lich beein­flusst und oft­mals sogar ent­schie­den: Krank­hei­ten und Seu­chen. Damals nahm aber auch die Ent­wick­lung der pas­si­ven Teta­nus-Imp­fung, Blut­trans­fu­sio­nen und die Ver­wen­dung der Rönt­gen­tech­nik ihren Aus­gang. Auch die Chir­ur­gie ent­wi­ckelte sich rasant wei­ter. Von Marion Huber

Mit Fokus auf den Ers­ten Welt­krieg wurde im Rah­men einer Ver­an­stal­tung der Gesell­schaft der Ärzte in Wien kürz­lich beleuch­tet, inwie­weit auch Kriege die Medi­zin beein­flusst haben. „Es ist ein Para­do­xon, dass die­ser schreck­li­che Krieg, der so vie­len Men­schen Unheil brachte, gleich­zei­tig ein wesent­li­cher Fak­tor für den medi­zi­ni­schen Fort­schritt war“, kom­men­tierte Sozi­al­me­di­zi­ner Univ. Prof. Michael Kunze.

Spa­ni­sche Grippe: unvergleichlich

Von allen Krank­hei­ten und Seu­chen – von Typhus über Tuber­ku­lose bis hin zu Cho­lera und Ruhr – sei beson­ders die Spa­ni­sche Grippe im nega­ti­ven Sinn „fas­zi­nie­rend“, wie Univ. Prof. Ursula Kunze vom Zen­trum für Public Health des Insti­tuts für Sozi­al­me­di­zin Wien bei der Ver­an­stal­tung fest­stellte. Warum? Es gibt keine andere Krank­heit, an der in einem ver­gleich­ba­ren Zeit­raum mehr Men­schen gestor­ben sind. Sie war 25 Mal töd­li­cher als die gewöhn­li­che Grippe. Wie viele Men­schen tat­säch­lich daran gestor­ben sind, wird nie genau erfasst wer­den. Schät­zun­gen gehen von 20 bis 50 Mil­lio­nen Todes­fäl­len aus, andere Quel­len berich­ten sogar von bis zu 100 Mil­lio­nen. Welt­weit soll es zwi­schen 500 und 700 Mil­lio­nen Erkran­kungs­fälle gege­ben haben. Auf­grund der vie­len Todes­fälle ist die Lebens­er­war­tung im Jahr 1918 um zwölf Jahre gesun­ken. Ursula Kunze dazu: „Die­ses Virus hat alles andere in den Schat­ten gestellt.“

Inter­es­sant sei auch, wie es über­haupt zum Namen „Spa­ni­sche Grippe“ kam, so die Sozi­al­me­di­zi­ne­rin wei­ter: „Mit Spa­nien hatte die Pan­de­mie näm­lich nichts zu tun.“ Die Bezeich­nung kommt viel­mehr daher, dass Spa­nien damals das ein­zige Land war, das über die Grip­pe­welle berich­tet hat, weil es am Krieg nicht betei­ligt war; in kriegs­füh­ren­den Staa­ten dage­gen herrschte Pres­se­zen­sur. Außer­dem konnte die Mel­dung in Spa­nien kaum unter­drückt wer­den: In Madrid war schon im Mai 1918 jeder dritte Ein­woh­ner erkrankt – dar­un­ter auch der König und sein Kabinett.

Der Ver­ur­sa­cher – das Influ­enza-Virus A(H1N1) – war extrem viru­lent, äußerst ver­meh­rungs­freu­dig und höchst anste­ckend. Schon seit Jahr­zehn­ten wird gerät­selt, woher die­ses Virus so plötz­lich gekom­men ist. Eine gän­gige Hypo­these besagt, dass es erst­mals Anfang 1918 in den USA, in Has­kell County im Bun­des­staat Kan­sas, beob­ach­tet wurde. Damals erkrank­ten uner­war­tet viele Men­schen an unge­wöhn­lich schwe­ren Grip­pe­sym­pto­men. Die Krank­heit sei danach in ein US-Army-Aus­bil­dungs­la­ger west­lich von Kan­sas City mit 56.000 Sol­da­ten ein­ge­schleppt wor­den. Nur wenige Wochen spä­ter waren 1.100 Sol­da­ten erkrankt und 38 von ihnen gestor­ben. Im Zuge des Krie­ges wurde das Virus an Bord von Trup­pen­schif­fen nach Europa gebracht – zuerst nach Frank­reich, von wo aus es sich durch die Ver­schie­bung von rie­si­gen Trup­pen­ver­bän­den wei­ter aus­ge­brei­tet hat.

Eine zweite Hypo­these legt nahe, dass das Virus in einem bri­ti­schen Mili­tär-Lager in der fran­zö­si­schen Stadt Étap­les aus­ge­bro­chen ist. In die­sem Lager hät­ten offen­bar „ideale Bedin­gun­gen“ für die Ent­ste­hung eines neuen, pan­de­mi­schen Influ­enza-Virus geherrscht, wie Ursula Kunze aus­führte. Das Camp sei über­füllt gewe­sen: Für die Ver­sor­gung der Sol­da­ten wur­den Schweine wie auch Hüh­ner und Enten gehal­ten. Da Schweine Rezep­to­ren für humane und aviäre Influ­enza-Viren besit­zen, könn­ten sich diese ver­ei­nen und Gene aus­tau­schen, erklärte Kunze: „Im schlimms­ten Fall ergibt das ein kom­plett neues Virus, das die Welt noch nicht gese­hen hat.“ Bereits 1916/​1917 sei doku­men­tiert, dass es in die­sem Lager zum Aus­bruch eines respi­ra­to­ri­schen Infekts – damals puru­lente Bron­chi­tis genannt – gekom­men war. „Es könnte sein, dass das der Vor­läu­fer der Spa­ni­schen Grippe war“, so die Expertin.

Die Spa­ni­sche Grippe ist in drei Wel­len ver­lau­fen: Wäh­rend die Erkran­kun­gen im Früh­jahr 1918 nicht über das nor­male Maß hin­aus­gin­gen, kam das Virus im Herbst des Jah­res dra­ma­tisch ver­än­dert zurück. In die­ser zwei­ten Welle wur­den welt­weit die „unglaub­li­chen Todes­zah­len“ ver­ur­sacht, so Kunze: „Man hat das Virus auch im letz­ten Win­kel der Welt gefun­den.“ Nur rund 20 Pro­zent der Fälle waren milde Ver­läufe; alle ande­ren Betrof­fe­nen waren augen­blick­lich schwer krank. Schließ­lich folgte Ende 1919 bis ins Jahr 1920 noch eine klei­nere Erkrankungswelle.

Der Krank­heits­ver­lauf war typisch für die Influ­enza: mit einem rasend schnel­len Beginn und sehr hohem Fie­ber, Schüt­tel­frost, star­ken Kopf- und Glie­der­schmer­zen sowie Hus­ten. Bin­nen Stun­den star­ben viele Infi­zierte an einer hämor­rha­gi­schen Pneu­mo­nie. Ein wei­tere Beson­der­heit der Spa­ni­schen Grippe: Vor allem junge Men­schen zwi­schen 15 und 35 Jah­ren erkrank­ten. So gab es viele junge Män­ner, die zwar die Front über­lebt haben, aber an der Spa­ni­schen Grippe gestor­ben sind nach­dem sie wie­der zu Hause waren.

Eine Pan­de­mie wie damals könne es auch heute jeder­zeit geben, gab Kunze zu beden­ken. Im Sinne der Public Health müsse man sich auf den schlimms­ten Fall vor­be­rei­ten. Influ­enza sei unbe­re­chen­bar; man könne kei­ner­lei Vor­her­sa­gen tref­fen, wann die nächste Pan­de­mie aus­bricht, betonte sie: „Nach der Pan­de­mie ist vor der Pandemie.“

Der Erste Welt­krieg hat aber nicht nur Hygie­ne­maß­nah­men zur Ein­däm­mung von Seu­chen her­vor­ge­bracht. Damals nah­men die Ent­wick­lung der pas­si­ven Teta­nus-Imp­fung, durch die 90 Pro­zent der Erkran­kungs­fälle ver­hin­dert wer­den kön­nen, Blut­trans­fu­sio­nen und die Ver­wen­dung der Rönt­gen­tech­nik ihren Aus­gang. Und vor allem die Chir­ur­gie ent­wi­ckelte sich rasant wei­ter. „Lorenz Böh­ler als Mili­tär­arzt aus Vor­arl­berg hat ‚Ord­nung‘ in die Unfall­chir­ur­gie gebracht“, schil­derte Unfall­chir­urg Univ. Doz. Heinz Kuderna. Das Laza­rett von Böh­ler in Bozen, das ursprüng­lich für leicht Ver­letzte gedacht war, wurde zu einer Spe­zi­al­kli­nik für durch Schüsse ver­ur­sachte Frak­tu­ren und Gelenk­schüsse: Bis Kriegs­ende wur­den dort mehr als 1.200 Frak­tu­ren behan­delt. Auf den de- tail­lier­ten Auf­zeich­nun­gen aus die­ser Zeit beru­hen seine Behand­lungs­grund­sätze für Kno­chen­brü­che, die Böh­ler in den Bän­den zur „Tech­nik der Kno­chen­bruch­be­hand­lung“ ver­öf­fent­lichte. War Böh­ler auch als „kon­ser­va­ti­ver Kno­chen­bruch-Behand­ler ver­schrien“, war bei ihm der Grund­satz „nil nocere“ obers­tes Gebot, wie Kuderna ausführte.

Gehäuft Gesichts­ver­let­zun­gen

Erst­mals tra­ten durch den Stel­lungs­kampf in Schüt­zen­grä­ben im Ers­ten Welt- krieg auch Kie­fer- und Gesichts­ver­let­zun­gen gehäuft auf, wie Johan­nes Kirch­ner von der Uni­ver­si­täts-Zahn­kli­nik Wien in sei­nem Vor­trag berich­tete. Um Ver­letzte mög­lichst schnell wie­der dienst­taug­lich zu machen, wur­den von der Mili­tär­füh­rung ver­mehrt finan­zi­elle Mit­tel zur Ver­fü­gung gestellt. Für die Chir­ur­gen waren das „ideale Vor­aus­set­zun­gen“, um medi­zi­ni­sche Ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen auf­zu­bauen. Bald nach Aus­bruch des Krie­ges ließ der Mili­tär­arzt Jul­jan Zilz drei mobile Zahn­am­bu­la­to­rien im heu­ti­gen Polen und der Slo­wa­kei errich­ten. Aus dem Ambu­la­to­rium an der Stadt­grenze von Lub­lin ent­stand schließ­lich die Kriegs­zahn­kli­nik der IV. Armee mit rund 150 Bet­ten. Zilzs „akri­bi­sche Doku­men­ta­tio­nen“ der Ver­let­zun­gen sei­ner Pati­en­ten waren eine wich­tige Basis für das neu ent­ste­hende Fach der Kieferchirurgie.

Tra­fen Pro­jek­tile am Schä­del auf Kno­chen oder Zahn­ma­te­rial, hatte es ver­hee­rende Wir­kung, schil­derte Kirch­ner: „Eine Kugel, die am Zahn abprallt, wird zum Quer­schlä­ger mit oft kata­stro­pha­ler Sekun­där­wir­kung.“ Auch Gra­nat­split­ter und Schrapnell-Ladun­gen rich­te­ten ent­setz­li­chen Scha­den an. Dabei war für die Ärzte laut Kirch­ner in ers­ter Linie die Wie­der­her­stel­lung des Kau-Aktes von Bedeu­tung. So muss­ten Pati­en­ten nicht mehr mit Schlund-Son­den ernährt wer­den und konn­ten die Spe­zi­al­kli­nik ver­las­sen. Frü­hest­mög­lich wur­den auch Schie­nen ein­ge­setzt, um post­trau­ma­ti­sche Ver­schie­bun­gen sowie Ver­nar­bun­gen und damit schlecht wei­ter­be­han­del­bare Erst­ver­sor­gun­gen zu ver­hin­dern. Erst danach konn­ten plas­ti­sche Kor­rek­tu­ren durch­ge­führt wer­den, so Kirch­ner: „Zwei­fels­ohne hat auch die plas­ti­sche Chir­ur­gie in die­ser Zeit gewal­tige Leis­tun­gen erbracht.“ Auch Kin­der waren von den „Gräu­eln“ betrof­fen und für ihr Leben gezeich­net, erzählte Kirch­ner: „Wenn sie auch viel­leicht ohne sicht­bare Ver­let­zun­gen blie­ben, an psy­chi­schen Schä­den lit­ten sie oft bis an ihr Lebensende.“

Die Gesell­schaft der Ärzte im Ers­ten Weltkrieg

Seit der Grün­dung der Gesell­schaft der Ärzte im Jahr 1837 stand und steht die wis­sen­schaft­li­che Debatte im Mit­tel­punkt des Ver­eins. „Die Gesell­schaft der Ärzte ist in Kriegs­zei­ten wie in Frie­dens­zei­ten eine Art Debat­tier­klub”, sagte Her­mann Zeitl­ho­fer von der Biblio­thek der Gesell­schaft der Ärzte in Wien bei der Ver­an­stal­tung „Medi­zin im Ers­ten Welt­krieg”. Somit lag auch wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs der Fokus zum einen auf der Dis­kus­sion von Kriegs­chir­ur­gie und Kriegs­pro­the­tik, Kriegs­epidmio­lo­gie sowie Mili­tär­sa­ni­täts­we­sen. 1915 etwa wurde die Pro­the­sen­frage dis­ku­tiert; gegen Kriegs­ende hin­ge­gen stan­den Seu­chen wie Cho­lera und Typhus im Mit­tel­punkt. Abge­se­hen von öffent­li­chen Stel­lung­nah­men kon­zen­trier­ten sich die Akti­vi­tä­ten der Gesell­schaft aber auch auf das soziale Enga­ge­ment. So wur­den etwa Sam­mel­ak­tio­nen für kriegs­in­va­lide Ärzte und deren Ange­hö­rige ins Leben gerufen.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 15–16 /​15.08.2014