Augen­heil­kunde: Im Zen­trum: das Auge

15.07.2014 | Medizin

Auch wenn ein Glau­kom-Anfall den Betrof­fe­nen wegen der Schmer­zen rasch zum Arzt führt, kann er mit­un­ter wie eine Gal­len­ko­lik impo­nie­ren und ver­kannt wer­den. Ein ein­fa­cher Trick erleich­tert die Dif­fe­ren­ti­al­dia­gnose. Uner­wünschte Neben­wir­kun­gen am Auge kön­nen auch durch Medi­ka­mente ver­ur­sacht wer­den.
Von Verena Ulrich

„Der klas­si­sche Not­fall am Auge, der rasches Han­deln erfor­der­lich macht, ist der Schlag­an­fall im Auge“, erklärt Univ. Doz. Andrea Mistlber­ger, Fach­ärz­tin für Augen­heil­kunde und Opto­me­trie in Salz­burg. „Jede Minute zählt“, betont Mistlber­ger und weist dar­auf hin, dass bereits sechs Stun­den nach dem Insult irrever­si­ble Erblin­dung ein­tre­ten kann. Die Ursa­che der arte­ri­el­len reti­na­len Ver­schluss­erkran­kun­gen wie Zen­tral­arte­rien- und Ast-Arte­ri­en­ver­schluss ist zumeist eine Embo­lie. „Häu­fig tre­ten bei den Pati­en­ten vor dem Akut­er­eig­nis Sym­ptome auf, die beach­tet wer­den soll­ten. Das sind Gesichts­feld­aus­fälle an einem Auge (Amau­ro­sis fugax), die ganz plötz­lich kom­men, schmerz­los sind und sich nach ein paar Sekun­den wie­der bes­sern. Die Pati­en­ten igno­rier­ten dies meist und „tun es als Kreis­lauf­pro­blem ab“, so Mistlber­ger. Sie emp­fiehlt, bei die­sen Pati­en­ten den Blut­druck bezie­hungs­weise die Blut­druck­ein­stel­lung, eine Karo­tisstenose, Herz­klap­pen­er­kran­kun­gen und/​oder ein Vor­hof­flim­mern abzu­klä­ren und ent­spre­chend zu therapieren.

Beim Insult kommt es zur Erblin­dung auf einem Auge; bei der Visus­prü­fung ist meist noch ein exzen­tri­sches Rest­seh­ver­mö­gen vor­han­den. „Trotz­dem muss der Pati­ent rasch mit der Ret­tung in die nächste Augen­kli­nik gebracht wer­den“, so Univ. Prof. Susanne Bin­der, Lei­te­rin der Augen­ab­tei­lung an der Kran­ken­an­stalt Rudolfstif­tung in Wien. Als Behand­lungs­ver­such für den All­ge­mein­me­di­zi­ner als Erst­hel­fer emp­fiehlt Mistlber­ger, eine sanfte Mas­sage des Aug­ap­fels zur Embo­lus­lö­sung anzu­wen­den. „Mit etwas Glück kann so die Gesichts­feld­ein­schrän­kung gerin­ger aus­fal­len. Auch eine durch­blu­tungs­för­dernde Infu­sion kann hilf­reich sein.“

Kommt ein Pati­ent mit einem gerö­te­ten Auge in die Pra­xis, ist zunächst makro­sko­pisch und mit­tels Ana­mnese zu klä­ren, ob sich ein Fremd­kör­per im Auge befin­den könnte oder ob es sich mög­li­cher­weise um eine Ver­let­zung, Ver­ät­zung bezie­hungs­weise Ver­bren­nung han­delt. „Ver­ät­zun­gen und Ver­bren­nun­gen müs­sen rasch behan­delt wer­den. Pri­mär ist eine Ver­ät­zung immer aus­zu­wa­schen und zwar so, dass die ätzende Sub­stanz auch unter dem Lid ent­fernt wird. Am bes­ten wird das Auge meh­rere Minu­ten mit Was­ser gespült und das Lid wenn mög­lich dabei in die Höhe gezo­gen. Dann erfolgt eine Zuwei­sung“, rät Binder.

Wird ein Sekret fest­ge­stellt, ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Rötung durch eine Kon­junk­ti­vi­tis ver­ur­sacht wird. Die klas­si­sche, bak­te­ri­elle Bin­de­haut­ent­zün­dung weist ein gelb­li­ches Sekret auf; bei der vira­len Kon­junk­ti­vi­tis ist ein weiß­li­ches Sekret erkenn­bar. Die bak­te­ri­elle Kon­junk­ti­vi­tis wird mit einem Breit­band­an­ti­bio­ti­kum, das drei bis vier Mal täg­lich ins Auge ein­ge­tropft wird, behan­delt. „Tritt nach drei Tagen keine Bes­se­rung ein, ist die Über­wei­sung an eine Augen­kli­nik erfor­der­lich“, so Mistlberger.

Haupt­syn­drom: Fremdkörpergefühl

Han­delt es sich um eine virale Kon­junk­ti­vi­tis, kla­gen die Pati­en­ten mas­siv über ein Fremd­kör­per­ge­fühl und ein Krat­zen im Auge. Die Lider sind durch das Sekret ver­klebt. Der nasen­sei­tige Augen­win­kel ist hoch­rot und geschwol­len. Die häu­figste virale Bin­de­haut­ent­zün­dung ist die Con­junc­ti­vi­tis epi­de­mica. „Zual­ler­erst ist der Pati­ent über Hygie­ne­maß­nah­men auf­zu­klä­ren, da die virale Bin­de­haut­ent­zün­dung hoch­an­ste­ckend ist. In wei­te­rer Folge wer­den ent­zün­dungs­hem­mende Trop­fen wie nicht-ste­ro­idale Anti­rheu­ma­tika und abschwel­lende Augen­trop­fen ver­schrie­ben. Zum Schutz gegen eine bak­te­ri­elle Super­in­fek­tion emp­fiehlt sich zusätz­lich ein Anti­bio­ti­kum“, erklärt Mistlberger.

Kann kein Sekret fest­ge­stellt wer­den und tre­ten zusätz­lich zur Rötung des Auges dumpfe Schmer­zen, extreme Licht­emp­find­lich­keit sowie Schlei­ers­e­hen auf, han­delt es sich bei einem gerö­te­ten Auge wahr­schein­lich um eine Uvei­tis ante­rior. „Wenn der Pati­ent noch nie eine der­ar­tige Ent­zün­dung hatte, muss er von einem Fach­arzt unter­sucht wer­den. Meist wird eine Durch­un­ter­su­chung zur Abklä­rung der Genese ver­an­lasst. Neben einem pupil­len­er­wei­tern­den Medi­ka­ment wer­den Kor­ti­son-hal­tige Augen­trop­fen ver­ab­reicht. Bei schwe­ren Fäl­len ist oft eine sys­te­mi­sche Kor­ti­son-The­ra­pie bis hin zur immun­sup­pres­si­ven The­ra­pie erfor­der­lich“, erklärt Mistlberger.

Bei einer Augen­ent­zün­dung ohne Sekret kann es sich auch um eine Her­pes-Infek­tion der Horn­haut han­deln. In die­sem Fall ist es abso­lut kon­tra­in­di­ziert, Kor­ti­son-hal­tige Augen­trop­fen zu ver­ab­rei­chen, da sich die Ent­zün­dung dadurch wei­ter aus­brei­ten würde. „Es sollte für den All­ge­mein­me­di­zi­ner immer hei­ßen: Ohne eine Spalt­lam­pen­kon­trolle nie Kor­ti­son ins Auge!“, rät Mistlberger.

Augen­ent­zün­dun­gen müs­sen dif­fe­ren­ti­al­dia­gnos­tisch so rasch wie mög­lich vom aku­ten Glau­kom abge­grenzt wer­den. Das akute Glau­kom stellt einen augen­ärzt­li­chen Not­fall dar und bedarf einer promp­ten Behand­lung mit der schnel­len Sen­kung des Augen­in­nen­dru­ckes. Wird das akute Glau­kom nicht erkannt, tritt nach etwa ein bis zwei Wochen die Erblin­dung ein. Erfah­rungs­ge­mäß führt das akute Glau­kom den Pati­en­ten auf­grund der Schmerz­sym­pto­ma­tik zwar rasch zum Arzt, aller­dings besteht die Gefahr einer Ver­wechs­lung. „Der Betrof­fene hat Schmer­zen am Auge, aber die Schmer­zen kön­nen aus­strah­len und Bauch­schmer­zen vor­täu­schen, sodass der Glau­kom-Anfall wie eine Gal­len­ko­lik impo­niert“, weiß Bin­der. Die Exper­tin ver­rät einen ein­fa­chen Trick, der es erleich­tert, einen Glau­kom-Anfall fest­zu­stel­len: „Der Arzt sollte den Pati­en­ten nach unten schauen las­sen und mit zwei Fin­gern ver­su­chen, das Auge links und rechts ein­zu­drü­cken. Ist ein Auge här­ter als das andere, spricht das für einen Glau­kom-Anfall.“ Außer­dem ist makro­sko­pisch ersicht­lich, dass die Horn­haut hau­chig trüb anmu­tet und die Pupille weit­ge­stellt sowie etwas ent­run­det ist.

Einige Arz­nei­mit­tel kön­nen uner­wünschte Neben­wir­kun­gen haben, die die Seh­kraft beein­träch­ti­gen und das Auge schä­di­gen. Anti-Arrhyth­mika mit dem Wirk­stoff Amio­daron (zum Bei­spiel Seda­co­ron®) ver­ur­sa­chen Abla­ge­run­gen in der Horn­haut; diese füh­ren jedoch nur sel­ten zu Seh­stö­run­gen. Die Ein­la­ge­run­gen sind rever­si­bel und bil­den sich nach dem Abset­zen des Medi­ka­ments inner­halb eini­ger Monate zurück.

Eine über Jahre dau­ernde Behand­lung mit Kor­ti­son kann zu einer Erhö­hung des Augen­in­nen­dru­ckes füh­ren. „Pati­en­ten, die über einen län­ge­ren Zeit­raum Kor­ti­son ein­neh­men, soll­ten regel­mä­ßig den Augen­druck kon­trol­lie­ren las­sen. Der uner­kannte, erhöhte Augen­druck kann den Seh­nerv schä­di­gen“, so Bin­der. Die Lang­zeit­ein­nahme von Kor­ti­son führt auch dazu, dass der Graue Star frü­her auftritt.

„Floppy-Iris-Syn­drom“

Die Ver­ab­rei­chung von Alpha-1-Ant­ago­nis­ten wie zum Bei­spiel Tam­su­lo­sin zur Behand­lung der benig­nen Pro­sta­ta­hy­per­pla­sie (BPH) ver­ur­sacht zuwei­len ein soge­nann­tes „Floppy-Iris-Syn­drom“. Das bedeu­tet, dass die Pati­en­ten eine erhöhte Iris-Mobi­li­tät haben, was inter­ope­ra­tiv zu Kom­pli­ka­tio­nen bei Kata­rakt-Ope­ra­tio­nen füh­ren kann. „Das Abset­zen des Medi­ka­ments vor der Ope­ra­tion hilft in die­sem Fall nicht, denn das Gewebe der Iris ist nach­hal­tig ver­än­dert. Wenn der Kata­rakt-Ope­ra­teur Bescheid weiß, gibt es aller­dings Metho­den, damit umzu­ge­hen. Das Pro­blem ist, dass die Pati­en­ten die Ein­nahme meis­tens nicht bekannt geben“, erklärt Mistlber­ger die Problematik.

Das Anti­kon­vul­si­vum Viga­ba­t­rin, ein irrever­si­bler Hem­mer der GABA-Tran­sami­nase, kann kon­zen­tri­sche, irrever­si­ble Gesichts­feld­aus­fälle ver­ur­sa­chen. Bei unge­klär­ten Gesichts­feld­aus­fäl­len emp­fiehlt sich daher, auch daran zu den­ken. Wei­ters kann eine Reihe von Medi­ka­men­ten – etwa Zyto­sta­tika – die Horn- und Bin­de­haut stark aus­trock­nen. „Diese Pati­en­ten lei­den sehr stark unter der Tro­cken­heit der Augen und müs­sen mit benet­zen­den Augen­trop­fen behan­delt wer­den“, so Binder.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 13–14 /​15.07.2014