Stand­punkt – Vize-Präs. Karl Forst­ner: Jäm­mer­li­ches Schauspiel

25.06.2013 | Stand­punkt

© ÄK für Salzburg

Es gibt einen all­ge­mei­nen Grund­kon­sens dar­über, dass die Poli­tik durch ihre Ent­schei­dun­gen unsere Gesell­schaft kon­sis­tent zu gestal­ten hat – sollte man jeden­falls mei­nen. Aber was wir von der Gesund­heits­po­li­tik mit den evi­den­ten Pro­ble­men in der All­ge­mein­me­di­zin erle­ben, ist gera­dezu gro­tesk und verantwortungslos.

So gibt es zwar hin­rei­chend Bekennt­nisse zur Bedeu­tung die­ses Seg­ments als Basis einer flä­chen­de­cken­den Ver­sor­gung in unse­rem Gesund­heits­sys­tem, aber diese Aus­sa­gen haben bes­ten­falls den Wert von Sonn­tags­re­den, denen keine Taten fol­gen. In erschre­cken­der Weise klar wird dies wie­der mit dem neu­er­li­chen Schei­tern des Gesund­heits­mi­nis­ters bei der Umset­zung einer Aus­bil­dungs­re­form für die künf­ti­gen All­ge­mein­me­di­zi­ner. Dabei hätte die Poli­tik ange­sichts der Tat­sa­che, dass es in vie­len Bun­des­län­dern immer schwie­ri­ger wird, Ver­trags­arzt­stel­len nach­zu­be­set­zen, es klar vor Augen, dass hier rasches und ent­schie­de­nes Han­deln höchst an der Zeit ist. Die Kon­zepte dafür lie­gen längst am Tisch.

Und ein Befund ist auch unbe­strit­ten: Die der­zei­tige Tur­nus­aus­bil­dung erfüllt schon längst nicht mehr die Ansprü­che, wel­che die Tätig­keit als All­ge­mein­me­di­zi­ner an Ärz­tin­nen und Ärzte stellt. Diese Ansprü­che wer­den auch dann nicht erfüllt, wenn die ange­hen­den All­ge­mein­me­di­zi­ner in den Kran­ken­häu­sern im Sinne des „Tur­nus­ärz­te­tä­tig­keits­pro­fils“ von Büro­kra­tie und Rou­ti­ne­auf­ga­ben ent­las­tet wären. Dies ist bes­ten­falls eine wün­schens­werte Vor­aus­set­zung, führt aber noch längst nicht zur erfor­der­li­chen Aus­bil­dung. Dazu braucht es wohl zunächst ein Ver­ständ­nis, dass All­ge­mein­me­di­zin selbst ein Son­der­fach der
Medi­zin ist.

Dia­gnos­tik und The­ra­pie erfor­dern in der All­ge­mein­me­di­zin schon auf Grund der beschränk­ten tech­ni­schen Res­sour­cen und der gänz­lich ande­ren Orga­ni­sa­ti­ons­form eben andere Kon­zepte als in der „Spi­tals­me­di­zin“. Die heu­tige Aus­bil­dung im Rah­men des Tur­nus im Spi­tal igno­riert weit­ge­hend die orga­ni­sa­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jahr­zehnte inner­halb der Medi­zin in Rich­tung Dif­fe­ren­zie­rung und Spe­zia­li­sie­rung. So trai­niert unser Aus­bil­dungs­sys­tem ange­hende All­ge­mein­me­di­zi­ner im Spi­tal tag­täg­lich darin, Per­fek­tio­nis­ten im sach­lich begründ­ba­ren Zuwei­sen zu den jewei­li­gen Spe­zia­lis­ten zu wer­den. Wer aber Ärz­tin­nen und Ärzte, die in Aus­bil­dung ste­hen, der­art in ihre künf­tige Tätig­keit als All­ge­mein­me­di­zi­ner ein­übt, sollte sich dann nicht über deren Über­wei­sungs­ver­hal­ten in der täg­li­chen Pra­xis wundern.

Dies soll nur ein Bei­spiel dafür sein, wie außer­or­dent­lich not­wen­dig und drin­gend es ist, die Aus­bil­dung für All­ge­mein­me­di­zi­ner sowohl inhalt­lich als auch orga­ni­sa­to­risch gänz­lich neu auf­zu­stel­len. Und damit ist wohl auch klar, dass die Aus­bil­dung von All­ge­mein­me­di­zi­nern nicht nur im Kran­ken­haus statt­fin­den kann. Wir müs­sen die von der Stan­des­ver­tre­tung vehe­ment gefor­derte „Lehr­pra­xis“ in Öster­reich nicht neu erfin­den. Ganz im Gegen­teil: Wir sind euro­pa­weit nahezu das ein­zige Land, das der fes­ten Mei­nung ist, dar­auf ver­zich­ten zu können.

Eines ist aber auch klar: In der gan­zen Dis­kus­sion rund um die Aus­bil­dung geht es nicht um die Dauer, als viel­mehr um deren inhalt­li­che Qua­li­tät. Was sich der­zeit in der Aus­bil­dung von Jung­ärz­ten abspielt, ist ein jäm­mer­li­ches Schau­spiel poli­ti­schen Ver­sa­gens – einer­seits für unsere jun­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, aber letzt­lich für die gesamte Gesund­heits­ver­sor­gung in die­sem Land.

Es ist Auf­gabe der Stan­des­ver­tre­tung, die­ses Ver­sa­gen der Poli­tik auch der brei­ten Öffent­lich­keit bekannt zu machen. Denn die Bevöl­ke­rung ist es, die die Fol­gen zu tra­gen haben wird.

Karl Forst­ner
Vize-Prä­­si­­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​25.06.2013