Stand­punkt – Präs. Artur Wech­sel­ber­ger: Qualitätsdiskussion

10.06.2013 | Stand­punkt

© Dietmar Mathis

Eine auf­schluss­rei­che Dis­kus­sion ent­spann sich jüngst in einer Arbeits­gruppe zum ELGA-Befund Patho­lo­gie. Stell­ten doch die darin ver­tre­te­nen Patho­lo­gen ein Para­digma von ELGA – die auto­nome Ein­sicht­nahme der Pati­en­ten in ihre Gesund­heits­akte – in Frage. Sie ver­wie­sen auf die medi­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit, patho­lo­gi­sche Befunde erst dann dem Selbst­zu­griff für den Pati­en­ten zu eröff­nen, wenn eine direkte ärzt­li­che Befund­be­spre­chung und Auf­klä­rung erfolgt war. Auf die Mit­tei­lung hin, dass das Gesund­heits­mi­nis­te­rium auf eine dies­be­züg­li­che Anfrage bis dato kei­ner­lei Reak­tion gezeigt hatte, beschloss die Arbeits­gruppe, ihre vor­aus­schau­ende Fleiß­auf­gabe – schließ­lich gibt es noch gar keine Ver­ord­nung zum Patho­lo­gie­be­fund als ELGA-Doku­­ment – erst nach Klä­rung die­ser Frage wie­der aufzunehmen.

Dem­ge­gen­über gibt es schon das Gesetz, das vor­sieht, Labor­be­funde in ELGA zu spei­chern. Man kann gespannt sein, ob und wie der Gesund­heits­mi­nis­ter hier das Pro­blem lösen wird, nach­dem die der­zeit gül­tige Ver­ord­nung zum AIDS-Gesetz bei einem posi­ti­ven HIV-Befund dezi­diert die Befund­mit­tei­lung durch einen Arzt im Rah­men einer ein­ge­hen­den per­sön­li­chen Auf­klä­rung und Bera­tung vorschreibt.

Mag sein, dass bis zum Start von ELGA noch aus­rei­chend Zeit ist, sich neben tech­ni­schen Fra­gen auch mit Anfor­de­run­gen ärzt­li­chen und ethi­schen Han­delns zu beschäf­ti­gen. Viel kür­zer ist aller­dings die Nach­denk­frist beim für heu­ri­gen Herbst geplan­ten Mam­­mo­­gra­­phie-Scree­­ning, bei dem – zumin­dest aus ärzt­li­cher Sicht – auch die Frage unge­löst ist, ob es ver­tret­bar sei, einen patho­lo­gi­schen Befund den Pati­en­tin­nen, die kei­nen Ver­trau­ens­arzt nam­haft gemacht haben, ein­fach kom­men­tar­los und los­ge­löst von einer ärzt­li­chen Bera­tung zu übersenden.

Die drei beschrie­be­nen Sze­na­rien sind Bei­spiele dafür, wie bei rein tech­ni­schen Abbil­dun­gen von Pro­zess­ab­läu­fen auf ärzt­li­che, medi­zi­ni­sche, ethi­sche aber auch pati­en­ten­recht­li­che Vor­ga­ben und Impli­ka­tio­nen ver­ges­sen wird. Ver­ges­sen oder ver­drängt – ähn­lich wie auch noch nie die Rele­vanz von in ELGA zu spei­chern­den Befun­den hin­ter­fragt oder das Gefah­ren­po­ten­tial des geplan­ten Sys­tems, medi­zi­ni­sche, ethi­sche und pati­en­ten­recht­li­che Kri­te­rien betref­fend, ernst­haft dis­ku­tiert wurde.

Bei einer gene­rell in gesund­heits­po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen gespür­ten Igno­ranz dem Wis­sen und der Erfah­rung der Ärz­te­schaft gegen­über ver­wun­dert es auch nicht, dass bei der unlängst prä­sen­tier­ten Brow­ser­lö­sung für die e‑Medikation die Mög­lich­keit fehlte, ein Kas­sen­re­zept auszudrucken.

Auch der Ver­such des Gesund­heits­mi­nis­ters, eine ein­jäh­rige Ver­län­ge­rung des Spi­tals­tur­nus als Ver­bes­se­rung der All­­ge­­mein­­me­­di­­zi­­ner-Aus­­­bil­­dung der All­­ge­­mein­­me­­di­­zi­­ner-Aus­­­bil­­dung zu ver­kau­fen, ohne eine ver­pflich­tende und inter­na­tio­nal übli­che Lehr­pra­xis­aus­bil­dung ein­zu­füh­ren und sicher­zu­stel­len, geschah gegen den Rat ärzt­li­cher Experten.

Ärzt­li­che Exper­ten, die in den meis­ten gesund­heits­po­li­ti­schen Bera­tungs­gre­mien eine Min­der­heit bil­den und deren Rat­schläge nur allzu oft in den Wort­mel­dun­gen jener unter­ge­hen, denen es pri­mär wich­tig ist, sich in den Dis­kus­si­ons­pro­zess ein­zu­brin­gen und durch­zu­set­zen, ohne auf Erfah­run­gen aus der medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft und der tag­täg­li­chen Pati­en­ten­be­hand­lung ver­wei­sen zu kön­nen. Eine Abkehr davon würde den inter­dis­zi­pli­nä­ren Dis­kurs nicht ver­hin­dern, son­dern viel­mehr die Exper­tise eines jeden auf sei­nen Spe­zi­al­be­reich fokus­sie­ren und damit die Struk­tur und Pro­zess­qua­li­tät in der Wei­ter­bil­dung unse­res Gesund­heits­sys­tems deut­lich erhöhen.

Ja, es ist allen Recht zu geben, die Qua­li­täts­ver­bes­se­run­gen im Gesund­heits­we­sen for­dern. Viele von die­sen sind aber gut bera­ten, nicht nur den Split­ter im frem­den Auge, son­dern auch den Bal­ken im eige­nen zu sehen.

Artur Wech­sel­ber­ger
Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 11 /​10.06.2013