Wenn Ärzte süch­tig sind: Stigma noch größer

10.11.2013 | Poli­tik

Ob Alko­hol als – in Öster­reich gene­rel­les – Sucht­mit­tel Num­mer eins oder Psy­cho­phar­maka: Ärzte sind häu­fi­ger sucht­krank als die All­ge­mein­be­völ­ke­rung. Gründe dafür sind leich­tere Ver­füg­bar­keit, Bur­nout und Erfolgs­druck. In der The­ra­pie braucht es spe­zi­elle, anonyme Pro­gramme.
Von Marion Huber

Wenn fünf von 100 Öster­rei­chern chro­nisch alko­hol­krank sind – wie kürz­lich eine Stu­die auf­zeigte (siehe Arti­kel „Alko­hol­ab­hän­gig­keit – Teure Sucht”, ÖÄZ Nr. 21 /​10.11.2013) –, ist der Pro­zent­satz unter Ärz­ten wahr­schein­lich noch höher“, sagt Univ. Prof. Michael Musa­lek, ärzt­li­cher Direk­tor des Wie­ner Anton-Proksch-Insti­­tuts, The­ra­­pie- und For­schungs­zen­trum für Abhän­gig­kei­ten. Ver­läss­li­che Zah­len zur Prä­va­lenz unter Ärz­ten gebe es für Öster­reich aber nicht, sagt er und erklärt: „Das ist ganz ver­ständ­lich, weil die Sucht­pro­ble­ma­tik ins­ge­samt hoch stig­ma­ti­siert ist – und bei Ärz­ten ist das noch extremer.“

Wenn­gleich Alko­hol laut Musa­lek das Sucht­mit­tel Num­mer eins ist, sei auch bei ande­ren Sub­stan­zen die Prä­va­lenz unter Ärz­ten min­des­tens gleich hoch wie in der All­ge­mein­be­völ­ke­rung – ten­den­zi­ell sogar höher. „In kei­nem Fall ist sie gerin­ger, das kön­nen wir aus­schlie­ßen.“ Warum das so ist? Zum einen, weil die Ver­füg­bar­keit des Sucht­mit­tels durch den bes­se­ren Zugang für Ärzte viel leich­ter sei. „Wir wis­sen, dass die Zahl der Sucht­kran­ken immer direkt mit der Ver­füg­bar­keit des jewei­li­gen Sucht­mit­tels kor­re­liert“, so Musa­lek. Zum ande­ren liege es daran, dass die Zahl der Depres­sio­nen, psy­chi­schen Pro­bleme und Sui­zide bei Ärz­ten erhöht ist – und man davon aus­ge­hen müsse, „dass Mit­tel ein­ge­setzt wer­den, um das zu kom­pen­sie­ren“. Und er nennt noch einen drit­ten Grund, der „zwar Spe­ku­la­tion, aber nicht rea­li­täts­fern ist“: Der Arbeits- und Erfolgs­druck und die Bur­­nout-Gefähr­­dung sei unter Ärz­ten beson­ders groß – auch damit steige die Gefahr des Sucht­mit­tel­kon­sums. Der Sucht­ex­perte denkt dabei an das „große Feld der Medi­­­ka­­men­­ten-Abhän­­gi­g­­keit“, an Amphet­amine, aber auch Kokain und Opiate.

Neben der Arbeits­be­las­tung hängt die höhere Prä­va­lenz von psy­chi­schen Erkran­kun­gen, Abhän­gig­kei­ten und Sui­zi­da­li­tät auch mit einem bestimm­ten Per­sön­lich­keits­ty­pus zusam­men, fügt Assoz. Prof. Nes­tor Kapusta, Psych­ia­ter an der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psy­cho­ana­lyse und Psy­cho­the­ra­pie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, hinzu. Per­sön­lich­kei­ten, die sich in einer beson­de­ren Art und Weise enga­gie­ren und – bis zur voll­kom­me­nen Selbst­ver­leug­nung – in die „Hel­­fer-Rolle“ schlüp­fen, seien beson­ders gefähr­det. „Die Gefahr ist, dass man die eige­nen Bedürf­nisse so ver­nach­läs­sigt, dass es zu psy­cho­so­ma­ti­schen Erkran­kun­gen kommt.“ So hat etwa eine Stu­die der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz im Auf­trag der ÖÄK zwi­schen Novem­ber 2010 und Februar 2011 erge­ben, dass knapp 54 Pro­zent der öster­rei­chi­schen Ärzte, die daran teil­ge­nom­men haben, in unter­schied­li­chen Pha­sen des Bur­nouts waren, ein Drit­tel sogar in Phase III.

Wie sehr das Sucht­ver­hal­ten in der Folge auch mit Sui­zid kor­re­liert ist, zeigt eine US-ame­­ri­­ka­­ni­­sche Stu­die aus dem Jahr 2000 („Rates of Psy­cho­so­cial Pro­blems Among Phy­si­ci­ans“). Mit einer Sui­zid­rate zwi­schen 28 und 40 pro 100.000 – ver­gli­chen mit 12,3 in der All­ge­mein­be­völ­ke­rung – ver­üben dem­nach Ärzte mehr als dop­pelt so oft Sui­zid wie die US-ame­­ri­­ka­­ni­­sche Bevöl­ke­rung. Bei 40 Pro­zent der ärzt­li­chen Sui­zide gibt es laut Stu­die einen Zusam­men­hang mit Alko­hol­ab­hän­gig­keit und bei 20 Pro­zent mit Dro­gen­miss­brauch. Andere Stu­dien aus west­li­chen Län­dern erga­ben sogar, dass die Sui­zid­rate bei Ärz­tin­nen und Ärz­ten etwa fünf­mal höher ist als in der Durch­schnitts­be­völ­ke­rung; und bei Ärz­ten dop­pelt bis drei­fach so hoch wie bei Ärz­tin­nen. „Durch die rela­tiv klei­nen Fall­zah­len der Stu­dien gibt es Schwan­kun­gen zwi­schen zwei- bis sechs­mal höhe­ren Sui­zid­ra­ten unter Ärz­ten“, erklärt Kapusta. Wenn­gleich es für Öster­reich keine Zah­len dazu gibt, ist es für den Exper­ten „plau­si­bel“, dass diese Zah­len auch auf Öster­reich umge­legt wer­den können.

The­ra­pie: meist zu spät

Dass es beson­ders bei Ärz­ten oft viel zu lange dau­ert, bis sie in Behand­lung gehen, wis­sen Musa­lek und Kapusta aus Erfah­rung. Allen voran liege das an der hohen Stig­ma­ti­sie­rung und den mas­si­ven psy­cho­so­zia­len Fol­gen wie Schwie­rig­kei­ten am Arbeits­platz. „Daher wird ver­sucht, die Sucht solange es geht zu ver­heim­li­chen“, erklärt Musa­lek. Wenn der Arzt in The­ra­pie geht, sei die Erkran­kung meist schon sehr weit fort­ge­schrit­ten und es zei­gen sich mas­sive psy­cho­so­ziale und kör­per­li­che Erschei­nun­gen. „Bei der Such­ter­kran­kung gilt aber wie bei jeder Erkran­kung: je spä­ter man behan­delt, desto schlech­ter die Pro­gnose. Und bei Ärz­ten ist das beson­ders schlecht.“

Was fehlt, um Ärzte frü­her zu einer The­ra­pie zu bewe­gen? Laut Musa­lek gibt es eine ein­deu­tige Ant­wort: „Anonyme Kli­ni­ken und Anlauf­stel­len, wie es sie in Skan­di­na­vien oder Spa­nien gibt, wo Kol­le­gen ambu­lant als auch sta­tio­när behan­delt wer­den kön­nen, ohne dass das jemals publik wird.“ Auch Kapusta berich­tet von Ärz­ten, die betrof­fene Kol­le­gen ver­trau­lich behan­deln: „Das sind unter der Hand von Kol­lege zu Kol­lege wei­ter­ge­ge­bene Tipps, aber eine offi­zi­elle anonyme Stelle gibt es lei­der nicht.“ Dabei seien sol­che Pro­gramme ein „ganz wesent­li­cher Schritt“, um das Wohl der betrof­fe­nen Ärzte, aber auch die Sicher­heit in der Pati­en­ten­be­hand­lung zu ver­bes­sern, weiß Musalek.

Vor­bil­der: Spa­nien und Norwegen

In den USA und Kanada sind Inter­ven­ti­ons­pro­gramme für erkrankte Ärzte seit Jahr­zehn­ten eta­bliert. Als eines der ers­ten Pro­jekte in Europa gilt das 1998 in Kata­lo­nien gegrün­dete „Inte­grierte Ver­sor­gungs­pro­gramm für psy­chisch erkrankte Ärzte“ (PAIMM – Pro­grama d’Atenció Inte­gral al Metge Mal­alt). Völ­lig anonym bie­tet es Ärz­ten, die an psych­ia­tri­schen Stö­run­gen, Alko­hol- oder Dro­gen­ab­hän­gig­keit lei­den, eine adäquate The­ra­pie. Alko­hol­ab­hän­gig­keit ist dort – wie auch in US-ame­­ri­­ka­­ni­­schen und kana­di­schen Pro­gram­men – die am häu­figs­ten gestellte Dia­gnose (49 Pro­zent). Zu 80 Pro­zent von der kata­la­ni­schen Regie­rung und zu 20 Pro­zent von der medi­zi­ni­schen Gesell­schaft finan­ziert, ist das Pro­gramm für Ärzte kos­ten­los. Es bie­tet spe­zi­ell auf diese Pati­en­ten­gruppe zuge­schnit­tene, ver­trau­li­che Maß­nah­men in einer The­ra­pie­ein­rich­tung in Bar­ce­lona, tages­kli­ni­sche Dienste sowie ambu­lante Betreuung.

Kos­ten­los und niederschwellig

Wie erfolg­reich sol­che Maß­nah­men sind, zeigt auch die Villa Sana, ein ‚Resource Cen­ter‘ spe­zi­ell für Gesund­heits­be­rufe in Modum Bad (Nor­we­gen). Anders als das kata­la­ni­sche Modell ver­steht sich die­ses Pro­jekt viel­mehr als Prä­ven­ti­ons­pro­gramm: Es bie­tet einer­seits ein ein­tä­gi­ges Ein­­zel-Bera­­tungs­­­ge­­s­präch, ande­rer­seits eine mehr­tä­gige Grup­pen­the­ra­pie. Dabei wer­den sowohl Grup­pen­dis­kus­sio­nen, eine Ein­zel­be­ra­tung als auch Vor­träge und gemein­same sport­li­che Akti­vi­tä­ten ange­bo­ten. Der Zugang zur Villa Sana ist bewusst nie­der­schwel­lig: Der betrof­fene Arzt kann per Tele­fon, Post oder E‑Mail direkt mit der Ein­rich­tung einen Ter­min ver­ein­ba­ren; es ist keine Zuwei­sung erfor­der­lich. Außer­dem trägt die nor­we­gi­sche medi­zi­ni­sche Gesell­schaft jeg­li­che Kos­ten wie etwa Anrei­se­kos­ten für das Pro­gramm, wes­halb Ärzte aus allen Tei­len des Lan­des das Ange­bot nut­zen können.

Vor­bil­der gebe es genug – und diese hät­ten sich „unglaub­lich bewährt“, sagt Musa­lek über­zeugt. „Wir brau­chen das Rad nicht neu zu erfin­den, man muss die Pro­jekte nur in Öster­reich eta­blie­ren“, so sein Resümee.

„Hilfe statt Strafe“

Die Ärz­te­kam­mer Ham­burg will mit ihrem Sucht-Inter­­ven­­ti­on­s­­pro­­gramm „Hilfe statt Strafe“ sucht­kran­ken Ärz­ten hel­fen. Im Zuge des­sen wer­den Betrof­fene streng ver­trau­lich bei der The­ra­pie, Pra­xis­or­ga­ni­sa­tion und Nach­sorge beglei­tet. Nicht nur Ange­hö­rige, son­dern sucht­kranke Ärzte selbst mel­den sich ver­mehrt bei der Ärz­te­kam­mer, um in das Pro­gramm auf­ge­nom­men zu wer­den. Nach einer sta­tio­nä­ren Behand­lung beginnt die Nach­sorge. Für die Dauer einer zunächst ein­jäh­ri­gen Betreu­ungs­phase wer­den gut­ach­ter­li­che Unter­su­chun­gen und Bespre­chun­gen in der Ärz­te­kam­mer, eine ein­mal wöchent­li­che psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Betreu­ung, Absti­nenz­kon­trol­len sowie der regel­mä­ßige Besuch von Selbst­hil­fe­grup­pen ver­ein­bart. Den Ärz­ten, die sich an die Ärz­te­kam­mer wen­den, soll dadurch kein Nach­teil ent­ste­hen. Mit der auf­sichts­füh­ren­den Behörde wurde ver­ein­bart, dass bei einem posi­ti­ven Fort­gang keine appro­ba­ti­ons­recht­li­chen Schritte ein­ge­lei­tet werden.

Man geht davon aus, dass von den rund 333.000 in Deutsch­land akti­ven Ärz­ten min­des­tens 7.000 sucht­krank sind, in Ham­burg rund 255 Ärz­tin­nen und Ärzte.

(Quelle: Ärz­te­kam­mer Hamburg)

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 21 /​10.11.2013