Nos­o­ko­miale Infek­tio­nen: Kommt prä-anti­­bio­­­ti­­sche Ära?

25.10.2013 | Medi­zin

Nos­o­ko­miale Infek­tio­nen ver­ur­sa­chen jähr­lich Kos­ten von rund 50 Mil­lio­nen Euro. So ist in den letz­ten Jahr­zehn­ten die Zahl der Pati­en­ten mit Krank­heits­er­re­gern, die gegen Stan­­dard-Anti­­bio­­­tika resis­tent sind, mas­siv ange­stie­gen. Ein Grund dafür: Durch die Nah­rung wird der Mensch zum Trä­ger von resis­ten­ten Erregern.Von Bar­bara Wakolbinger

Etwa 55.000 Infek­tio­nen pro Jahr, zwi­schen 240 und 4.800 Todes­fälle und jähr­li­che Kos­ten von min­des­tens 50 Mil­lio­nen Euro. Die genauen Zah­len betref­fend nos­o­ko­miale Infek­tio­nen in Öster­reich las­sen sich nur anhand deut­scher Zah­len schät­zen, denn eine lau­fende öster­reich­weite, stan­dar­di­sierte Erhe­bung der Spi­tal­in­fek­tio­nen gibt es bis heute nicht. „Die Evi­denz fehlt. Da ist Öster­reich noch ein biss­chen hin­ten nach“, sagt Univ. Prof. Cor­ne­lia Lass-Flörl vom Depart­ment für Hygiene, Mikro­bio­lo­gie und Sozi­al­me­di­zin der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck. „Jedes Kran­ken­haus erhebt das eine oder andere, jeder Infek­tio­loge für sich wird wis­sen, wo die Pro­bleme lie­gen. Natio­nale Ver­gleichs­zah­len oder einen gesamt­ös­ter­rei­chi­schen Über­blick gibt es aber nicht.“ Und das, obwohl die Zahl der nos­o­ko­mia­len Infek­tio­nen euro­pa­weit steigt.

Daten offen legen

Auch Univ. Prof. Eli­sa­beth Pres­terl, Lei­te­rin der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Kran­ken­haus­hy­giene der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, ver­misst das Bekennt­nis zu gemein­sa­men Daten. Denn noch sam­meln viele Spi­tä­ler ihre Daten unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit. „Inzwi­schen haben wir sogar offi­zi­elle Zah­len aus einer Punkt-Prä­­va­­lenz-Stu­­die, an der sich auch nur ein­zelne Spi­tä­ler betei­ligt haben“, so Pres­terl. Im Report des Euro­pean Cen­ter for Dise­ase Pre­ven­tion and Con­trol (ECDC) liegt Öster­reich mit einer Infek­ti­ons­rate von 6,2 Pro­zent im euro­päi­schen Mit­tel­feld. Das ist zwar etwas höher als ver­mu­tet, liegt aber auch an der Zusam­men­set­zung der teil­neh­men­den Spi­tä­ler. Da sich in Öster­reich viele Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken an der Stu­die betei­ligt haben, ist auch die Zahl der Inten­siv­sta­tio­nen und schwer kran­ken oder immun­sup­pri­mier­ten Pati­en­ten hoch; diese sind natur­ge­mäß anfäl­li­ger. Pres­terl jeden­falls wünscht sich, beim nächs­ten Mal „mehr Kran­ken­häu­ser“ mit ins Boot holen zu kön­nen. „Man darf keine Angst vor den Zah­len haben. Da geht es gar nicht um Ver­glei­che oder Schuld­zu­wei­sun­gen, son­dern um einen lan­des­wei­ten Über­blick und Grund­la­gen für Ver­bes­se­run­gen. Punkt-Prä­­va­­lenz-Erhe­­bun­­­gen sind jedem Spi­tal zumut­bar“, so die Expertin.

Immer noch füh­ren Harn­wegs­in­fek­tio­nen – meist kathe­te­ras­so­zi­iert – die Liste der häu­figs­ten nos­o­ko­mia­len Infek­tio­nen an, gefolgt von Pneu­mo­nien, kathe­te­ras­so­zi­ier­ten Infek­tio­nen auf der Inten­siv­sta­tion, Sep­sis und Wund­in­fek­tio­nen. Die jewei­li­gen Zah­len sind rela­tiv sta­bil. Den leich­ten euro­pa­wei­ten Anstieg führt Lass-Flörl vor allem auf die län­gere Lebens­er­war­tung der Men­schen und damit die stei­gende Anzahl an Erkran­kun­gen und the­ra­peu­ti­schen – auch inva­si­ven – Ein­grif­fen zurück. „Aber es gibt einen Grund, warum wir diese Zah­len wirk­lich brau­chen: mul­ti­re­sis­tente Erre­ger“, betont Pres­terl. Im Laufe der ver­gan­ge­nen 20 bis 30 Jahre ist die Zahl der Pati­en­ten mit Krank­heits­er­re­gern, die gegen Stan­­dard-Anti­­bio­­­tika resis­tent sind, mas­siv angestiegen.

„Es gibt bereits Pati­en­ten mit Infek­tio­nen durch der­art resis­tente Erre­ger, die ich nicht mehr behan­deln kann. Im schlimms­ten Fall ster­ben sie daran. Geht das so wei­ter, befin­den wir uns bald wie­der in der prä-anti­­bio­­­ti­­schen Ära. Das ist ein wirk­li­ches Hor­ror­sze­na­rio“, schil­dert Pres­terl. Durch den häu­fi­gen Anti­­bio­­­tika-Ein­­satz in Spi­tä­lern wer­den die teils schon mit­ge­brach­ten Keime hier beson­ders rasch selek­tio­niert. Strikte Iso­la­tion und stren­ges Ein­hal­ten der Stan­dard­hy­giene und vor allem Hän­de­hy­giene zum Schutz vor Über­tra­gung auf andere Pati­en­ten sind daher ein Muss. „Noch geht es Öster­reich gut“, meint Pres­terl.

Erste Erfolge bei MRSA

Durch das Ein­hal­ten von Hygiene- Maß­nah­men zei­gen sich etwa bei MRSA (Methi­cil­­lin-resis­­ten­­ter Sta­phy­lo­coc­cus aureus) bereits erste Erfolge. Pro­bleme machen dage­gen immer noch einige gram-nega­­tive Erre­ger wie etwa Esche­ri­chia coli oder Kleb­si­ella pneu­mo­niae, die Resis­ten­zen gegen Stan­­dard-Anti­­bio­­­tika wie Cepha­lo­s­po­rine aber auch Super-Brei­t­­band-Anti­­bio­­­tika wie Car­ba­pe­neme auf­wei­sen. Auch Urlaubs­er­kran­kun­gen oder Spi­tals­auf­ent­halte im Aus­land kön­nen laut Pres­terl ein Pro­blem sein, „denn in vie­len Tei­len der Welt, auch in Süd- und Süd­ost­eu­ropa sind mul­ti­re­sis­tente Erre­ger weit­aus häu­fi­ger als bei uns.“ Einen natio­na­len Akti­ons­plan und ein gestei­ger­tes Bewusst­sein für die Pro­ble­ma­tik hält sie daher für drin­gend notwendig.

„Unter Umstän­den ist bereits die Nor­mal­be­völ­ke­rung ohne Kran­ken­haus­his­to­rie mit hoch­re­sis­ten­ten Erre­gern kolo­ni­siert“, sagt Lass-Flörl. Diese kom­men vor allem über die Nah­rung, denn sowohl im Getreide- und Wein­an­bau als auch in der Tier­zucht wer­den Anti­bio­tika der­zeit häu­fig ohne wei­ter dar­über nach­zu­den­ken in gro­ßer Zahl ein­ge­setzt. Lass-Flörl wünscht sich vor allem mehr Awa­reness und ein Umden­ken in grö­ße­rem Rah­men. „Auf­grund von Umwelt­ein­flüs­sen wie etwa der Ernäh­rung wer­den wir zu Trä­gern resis­ten­ter Erre­ger, die uns oder ande­ren dann im Kran­ken­haus scha­den“, erklärt Lass-Flörl. Und wei­ter: „Die gol­dene Mitte des Anti­­bio­­­tika-Ein­­sa­t­­zes ist der­zeit aus dem Lot. Wir kämp­fen an meh­re­ren Fron­ten.“ Denn wenn sich die resis­ten­ten Erre­ger in der Nor­mal­be­völ­ke­rung ver­brei­ten, könnte die momen­tane Inter­ven­ti­ons­stra­te­gie des Scree­nings, der stren­gen Iso­la­tion und Hygiene an ihre Gren­zen sto­ßen. „So viele Iso­lier­zim­mer kann man gar nicht ein­rich­ten“, meint Lass-Flörl. Auch die Bemü­hun­gen, Trä­ger bereits früh­zei­tig per Abstrich zu erken­nen und zu iso­lie­ren oder – wie der­zeit in den Nie­der­lan­den üblich – Pati­en­ten mit Des­in­fek­ti­ons­mit­tel extra zu waschen, sind für sie nur Über­gangs­lö­sun­gen. „Denn irgend­wann hat man dann ver­mut­lich Resis­ten­zen gegen diverse Wirk­stoffe von wich­ti­gen Desinfektionsmitteln.“

Wis­sen­schaft­li­che Lösung möglich

Vor allem mole­ku­lar­bio­lo­gi­sche Unter­su­chungs­me­tho­den gene­rie­ren der­zeit jede Menge an neuem Wis­sen über Bak­te­rien, Keime und Infek­ti­ons­vor­gänge. Mög­lich wäre eine wis­sen­schaft­li­che Lösung des Pro­blems Mul­ti­re­sis­tenz in den nächs­ten Jah­ren oder Jahr­zehn­ten daher durch­aus. Bis dahin gilt jedoch: Beson­dere Vor­sicht und strikte Hygiene. „Hän­de­hy­giene und Schutz­klei­dung – es ist so banal, aber so wich­tig“, betont auch Pres­terl abschlie­ßend. „Ärzte müs­sen sich die fünf Momente der Hän­de­hy­giene wie­der ver­in­ner­li­chen wie ein Man­tra. Schnell ohne Hän­de­des­in­fek­tion zwi­schen zwei Pati­en­ten mit dem Handy tele­fo­nie­ren, das geht ein­fach nicht.“

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 20 /​25.10.2013