Inter­view – Univ. Prof. Edu­ard Auff: Glo­bale Stra­te­gien entwickeln

10.09.2013 | Medi­zin



Nur auf glo­bal ver­netz­tem Weg lässt sich die Ant­wort auf die Viel­falt von neu­ro­lo­gi­schen und neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ven Erkran­kun­gen fin­den, ist Univ. Prof. Edu­ard Auff von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Neu­ro­lo­gie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, über­zeugt. Mit dem Prä­si­den­ten des 21. Welt­kon­gres­ses der Neu­ro­lo­gen sprach Bar­bara Wakol­bin­ger
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ÖÄZ: Die Bedeu­tung von neu­ro­lo­gi­schen und vor allem neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ven Erkran­kun­gen nimmt zu. Wie kann man dar­auf reagie­ren?
Auff: Der Welt­kon­gress für Neu­ro­lo­gie ist ein gutes Bei­spiel dafür, wie hier vor­zu­ge­hen ist. Nur durch ein gut abge­stimm­tes Gene­ral­kon­zept von Grund­la­gen­for­schung und kli­­nisch-ange­­wan­d­­ter For­schung kann es Fort­schritte geben. Die Glo­ba­li­sie­rung för­dert gemein­same Anstren­gun­gen für die Eta­blie­rung inter­na­tio­na­ler For­schungs­pro­gramme. Nur dar­aus und aus der Län­­der-über­­­grei­­fen­­den Koope­ra­tion bei kli­ni­schen Stu­dien und kli­ni­schen Prü­fun­gen ist ein Fort­schritt für die betrof­fe­nen Pati­en­ten zu erwarten.

Steht der Welt­kon­gress der Neu­ro­lo­gen auch des­halb 2013 unter dem Motto „Neu­ro­logy in the age of glo­ba­liz­a­tion“?
Der Begriff der Glo­ba­li­sie­rung bezeich­net den Vor­gang der zuneh­men­den inter­na­tio­na­len Ver­flech­tun­gen auf ver­schie­de­nen Ebe­nen – Indi­vi­duen, Gesell­schaft, Insti­tu­tio­nen oder Staa­ten – und trifft natür­lich auch auf den medi­zi­ni­schen Bereich zu. Gerade in der Neu­ro­lo­gie sind die trei­ben­den Kräfte der Glo­ba­li­sie­rung wie etwa der tech­ni­sche Fort­schritt oder das Bevöl­ke­rungs­wachs­tum von gro­ßer Bedeu­tung. Auch in der neu­ro­lo­gi­schen Grund­la­gen­for­schung und in der kli­­nisch-ange­­wan­d­­ten For­schung kom­men diese Aspekte immer mehr zum Tra­gen. Gezielte For­schungs­för­de­rung erfor­dert gemein­same Anstren­gun­gen mit gro­ßen inter­na­tio­na­len Programmen.

Wie groß wird diese Ver­net­zung wer­den, wie viele Teil­neh­mer wer­den erwar­tet?
Unse­rer Ein­schät­zung nach wird der heu­rige Welt­kon­gress für Neu­ro­lo­gie in Wien die größte der­ar­tige Ver­an­stal­tung sein, die jemals abge­hal­ten wurde. Wir erwar­ten rund 8.000 Teil­neh­mer. Es ist gelun­gen, mehr als 350 inter­na­tio­nal ange­se­hene Exper­ten als Vor­tra­gende zu gewin­nen, die in einer gro­ßen Zahl von Detail­ver­an­stal­tun­gen ihr Wis­sen wei­ter­ge­ben wer­den. Dabei wird es einer­seits Ple­nar­sit­zun­gen mit meh­re­ren Tau­send Zuhö­rern, ande­rer­seits aber auch inter­ak­tive und ‚hands-on‘-Workshops mit limi­tier­ter Teil­neh­mer­zahl geben.

Das Pro­gramm ist in Sci­en­ti­fic Pro­gram und Tea­ching Cour­ses unter­teilt. Was bedeu­tet diese Tei­lung?
In den wis­sen­schaft­li­chen Sit­zun­gen, dem ‚sci­en­ti­fic pro­gram‘, sol­len die neu­es­ten Kennt­nisse und Ent­wick­lun­gen ver­mit­telt wer­den. Das Kon­zept der ‚tea­ching cour­ses‘ hat sich welt­weit eta­bliert und soll in kom­pak­ter Form einen Über­blick über ein The­men­ge­biet ermög­li­chen und so zur Qua­li­täts­si­che­rung der kli­ni­schen Tätig­keit bei­tra­gen. Dabei gilt das Prin­zip der klei­nen Teil­neh­mer­zahl, damit The­men inter­ak­tiv behan­delt und ver­tieft oder bei prak­ti­schen Tätig­kei­ten ‚hands-on‘ ver­mit­telt wer­den kön­nen. Neu ist unser Ver­such, mit ein­zel­nen Kur­sen eine Brü­cke zwi­schen Grund­la­gen­for­schung und kli­ni­scher Pra­xis zu schla­gen.

Wo wer­den die the­ma­ti­schen Schwer­punkte des Kon­gres­ses lie­gen?

Der Welt­kon­gress für Neu­ro­lo­gie stellt die häu­figs­ten und wich­tigs­ten neu­ro­lo­gi­schen Erkran­kun­gen in den Mit­tel­punkt: Epi­lep­sie, Bewe­gungs­stö­run­gen, Schlag­an­fall, Neuro-Inten­­si­v­­me­­di­­zin, Demenz, Mul­ti­ple Skle­rose, neu­ro­mus­ku­läre Erkran­kun­gen, Kopf­schmerz, Schmerz und Neu­ro­reha­bi­li­ta­tion. Dane­ben wer­den in zahl­rei­chen Sym­po­sien wei­tere neu­ro­lo­gi­sche Erkran­kungs­grup­pen bespro­chen, bei denen es neue Ent­wick­lun­gen in Dia­gnos­tik und The­ra­pie gege­ben hat, die auch Aus­wir­kun­gen auf die kli­ni­sche Pra­xis haben. Dazu zäh­len bei­spiels­weise die Neu­roon­ko­lo­gie, ZNS-Infe­k­­ti­o­­nen oder Ver­tigo und Gleich­ge­wichts­stö­run­gen. Auch all­ge­meine The­men wie Pal­lia­tiv­me­di­zin, Neu­roethik oder Tro­pen­neu­ro­lo­gie wer­den zur Spra­che kommen.

Wo tut sich in der neu­ro­lo­gi­schen For­schung momen­tan beson­ders viel?
Die Neu­ro­lo­gie ist mit ihren vie­len Spe­zi­al­for­schungs­be­rei­chen sicher­lich eines der inter­es­san­tes­ten und fas­zi­nie­rends­ten Gebiete in der Medi­zin. Nur einige Bei­spiele aktu­ell span­nen­der Ent­wick­lun­gen: Die Akut­be­hand­lung des Schlag­an­falls hat sich durch wesent­li­che orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men und die Eta­blie­rung von ‚stroke units‘ sowie durch die Mög­lich­kei­ten der inter­ven­tio­nel­len The­ra­pie wesent­lich gewan­delt, was zu einer deut­li­chen Reduk­tion der Mor­ta­li­tät bezie­hungs­weise der nach­fol­gen­den Behin­de­rung bei­getra­gen hat. Durch die rasche und exakte Dia­gnos­tik der Mul­ti­plen Skle­rose kann durch früh­zei­tige gezielte The­ra­pie mit moder­nen Medi­ka­men­ten der wei­tere Ver­lauf der Erkran­kung ganz wesent­lich beein­flusst und die Behin­de­rung hintan gehal­ten wer­den. Bei Mor­bus Par­kin­son kön­nen durch Erken­nen sehr frü­her Ver­än­de­run­gen wie etwa prä­kli­ni­scher und nicht-moto­­ri­­scher Sym­ptome wich­tige Schlüsse auf die Ent­wick­lung und den Ver­lauf der Erkran­kung gezo­gen wer­den, die mög­li­cher­weise in Hin­kunft auch die The­ra­pie beein­flus­sen werden.

Wel­che Vor­träge sind für All­ge­mein­me­di­zi­ner inter­es­sant?
Von gro­ßem all­ge­mei­nem Inter­esse ist sicher­lich der Vor­trag des Neu­ro­wis­sen­schaf­ters und Nobel­preis­trä­gers Eric Kan­del. ‚Vienna and the age of insight‘ wird die Ver­bin­dung von Wien, Kunst und Neu­ro­wis­sen­schaf­ten zum Thema haben. Dane­ben sind die rich­tungs­wei­sen­den Haupt­re­fe­rate zu emp­feh­len, in denen inter­na­tio­nal bekannte Kory­phäen einen Über­blick über den aktu­el­len Stand der For­schung geben werden.

21. World Con­gress of Neurology

Wann: 21. bis 26. Sep­tem­ber 2013
Wo: Messe Wien, Con­gress Cen­ter
Details unter www.wcn-neurology.org

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 17 /​10.09.2013