Deper­so­na­li­sa­tion: Häu­fige Stö­rung – sel­ten erkannt

10.02.2013 | Medizin


Ein­präg­sam sind die Sym­ptome der Deper­so­na­li­sa­tion: Die Betrof­fe­nen erle­ben sich, ihren Kör­per, ihre Gefühls­si­tua­tion, ihre Iden­ti­tät als fremd. Den­noch wird die Krank­heit oft fehl­dia­gnos­ti­ziert oder gar nicht erkannt. Stu­dien zufolge machen 70 Pro­zent der Bevöl­ke­rung im Lauf ihres Lebens Depersonalisationserfahrungen.

Ich bin mir fremd gewor­den. Ich erlebe alles wie durch einen Schleier, habe keine Gefühle mehr. Meine Hand­lun­gen sind wie fern­ge­steu­ert. Es ist als wäre ich ein Robo­ter. Manch­mal fühlt es sich an als wäre ich bereits tot“ – so oder ähn­lich lau­ten die Kla­gen eines Pati­en­ten, der an Deper­so­na­li­sa­tion lei­det. Betrof­fene haben oft­mals das Gefühl, ver­rückt zu wer­den, obwohl die Rea­li­täts­prü­fung intakt bleibt. „Das Quä­lende die­ser psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Zustände ist, dass die Pati­en­ten wis­sen, dass etwas ver­än­dert ist. Sie kön­nen den Zustand selbst­kri­tisch rea­li­sie­ren und beur­tei­len“, so Univ. Prof. Hans-Peter Kapf­ham­mer, Vor­stand der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie der Karl-Fran­zens-Uni­ver­si­tät Graz. Oft­mals nei­gen Betrof­fene dazu, sich nahezu zwang­haft selbst zu beob­ach­ten und ihren Zustand als orga­ni­sches Pro­blem oder begin­nen­den Wahn­sinn zu deu­ten. Die Angst, nicht ernst genom­men zu wer­den, hin­dert sie oft lange daran, sich einem Arzt anzuvertrauen.

„Nun kann nahezu jeder Mensch vor­über­ge­hend sol­che Gefühle haben. Nach einer anstren­gen­den Berg­tour, nach Schlaf­ent­zug, nach der Ein­nahme von bestimm­ten Medi­ka­men­ten wie Ben­zo­dia­ze­pi­nen oder nach dem Kon­sum von Can­na­bis tre­ten sol­che Effekte auf“, erklärt Kapf­ham­mer. Stu­dien zufolge machen etwa 70 Pro­zent der Bevöl­ke­rung im Lauf ihres Lebens Deper­so­na­li­sa­ti­ons­er­fah­run­gen. Erreicht die­ser Zustand jedoch ein kli­nisch rele­van­tes Aus­maß, spricht man von einer Deper­so­na­li­sa­ti­ons­stö­rung. Die oft par­al­lel ver­lau­fende Ent­frem­dung gegen­über der Umwelt wird als Derea­li­sa­tion bezeich­net. In der ICD-10-Klas­si­fi­ka­tion ist die Stö­rung dem neu­ro­ti­schen For­men­kreis zuge­ord­net, trägt die Chif­fre ICD-10 F48.1 und wird als „Deper­so­na­li­sa­ti­ons-Derea­li­sa­ti­ons-Syn­drom“ bezeichnet.

Lücke zwi­schen Prä­va­lenz und Diagnose

Die Dia­gno­se­kri­te­rien klin­gen unmiss­ver­ständ­lich, jedoch wird die Erkran­kung von Ärz­ten nur sel­ten rich­tig erkannt. „Es han­delt sich dabei um eine Dia­gnose, die selbst vie­len Psych­ia­tern, Psy­cho­so­ma­ti­kern und psy­cho­lo­gi­schen Psy­cho­the­ra­peu­ten unbe­kannt ist – ganz zu schwei­gen von Kol­le­gen ande­rer medi­zi­ni­scher Fach­ge­biete“, erklärt Mat­thias Michal, lei­ten­der Ober­arzt an der Kli­nik für Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin und Psy­cho­the­ra­pie der Uni­ver­si­täts­me­di­zin Mainz.

Er lei­tet seit 2005 die erste Spe­zi­al­sprech­stunde „Deper­so­na­li­sa­tion-Derea­li­sa­tion“ in Deutsch­land und hat sich ein­dring­lich mit dem Krank­heits­bild beschäf­tigt. Die extreme Lücke zwi­schen dem Vor­kom­men der Erkran­kung und der dia­gnos­ti­schen Erfas­sung ist Michal nach wie vor ein Rät­sel. „Knapp ein Pro­zent der Bevöl­ke­rung befin­det sich sehr oft oder fast per­ma­nent in einem Deper­so­na­li­sa­ti­ons-Zustand. Das ent­spricht etwa der Anzahl der Men­schen, die an Mager­sucht oder Epi­lep­sie lei­den. Laut einer Aus­wer­tung der Kran­ken­kas­sen­da­ten wird jedoch in Deutsch­land die Dia­gnose nur bei 0,007 Pro­zent der Bevöl­ke­rung gestellt“, schil­dert Michal die Diskrepanz.

Rou­ti­ne­mä­ßig sollte im Rah­men des psy­chi­schen Befun­des das Vor­han­den­sein von Deper­so­na­li­sa­tion und Derea­li­sa­tion erfragt und im Abschnitt der Ich-Stö­run­gen doku­men­tiert wer­den. „Offen­bar wird von den behan­deln­den Ärz­ten den­noch oft nicht gezielt danach gefragt und viel­fach ist es wahr­schein­lich der Fall, dass Pati­en­ten nicht spon­tan über diese Zustände berich­ten“, führt Michal mög­li­che Gründe für die unzu­rei­chende Dia­gnose der Erkran­kung an. „Zudem ken­nen viele Kol­le­gen Deper­so­na­li­sa­tion nur als Sym­ptom ande­rer Pri­mä­r­er­kran­kun­gen und nicht als eigen­stän­dige Stö­rung“, so der Experte wei­ter. Nach einem gän­gi­gen Irr­glau­ben ist Deper­so­na­li­sa­tion und Derea­li­sa­tion nur Aus­druck einer schwe­ren Depres­sion oder Panik­at­ta­cke. „Viele Ärzte kön­nen sich nicht vor­stel­len, dass Pati­en­ten nicht nur im Rah­men einer Panik­at­ta­cke für ein paar Minu­ten in die­sem Zustand sind, son­dern den gan­zen Tag über Jahre hin­weg“, erläu­tert Michal.

Sekun­däre Depersonalisation

Bei einer Reihe von psy­chi­schen Erkran­kun­gen wer­den Sym­ptome von Deper­so­na­li­sa­tion und Derea­li­sa­tion als dia­gnos­ti­sches Kri­te­rium angeführt:

  • Angst­stö­rung
  • Bor­der­line-Per­sön­lich­keits­stö­rung
  • Schi­zo­type Persönlichkeitsstörung
  • Akute Can­na­bi­s­into­xi­ka­tion
  • Post­trau­ma­ti­sche Belastungsstörung
  • Akute Belas­tungs­re­ak­tion
  • Dis­so­zia­tive Identitätsstörung

Fer­ner kön­nen diese Sym­ptome bei Depres­sio­nen oder ADHS auf­tre­ten. Häu­fig kom­men die Sym­ptome auch bei oder nach unter­schied­li­chen orga­ni­schen Erkran­kun­gen vor. Hier­bei sind vor allem Migräne, Epi­lep­sien, Schwin­del­syn­drome, Schä­del­hirn­trauma und orga­ni­sche Hirn­schä­den zu nennen.

Meist sind sekun­däre Deper­so­na­li­sa­ti­ons­zu­stände aller­dings nur epi­so­disch. Men­schen, die jedoch kon­ti­nu­ier­lich über Monate unter Deper­so­na­li­sa­tion und/​oder Derea­li­sa­tion lei­den, erfül­len meist die dia­gnos­ti­schen Kri­te­rien des Deper­so­na­li­sa­ti­ons-Derea­li­sa­ti­ons-Syn­droms nach ICD-10. Laut einer im ICD-10 ver­an­ker­ten Dia­gno­se­re­gel sollte diese Dia­gnose nicht gestellt wer­den, wenn das Syn­drom aus­schließ­lich im Rah­men einer ande­ren psy­chi­schen oder orga­ni­schen Stö­rung auftritt.

Die feh­lende Beach­tung und das man­gelnde Wis­sen über Depersonalisation/​Derealisation haben erheb­li­che nega­tive Kon­se­quen­zen für die Betrof­fe­nen. Oft ist es ein lan­ger Weg, bis den Pati­en­ten gehol­fen wer­den kann. Vom ers­ten Kon­takt mit dem Psych­ia­ter oder Psy­cho­lo­gen dau­ert es durch­schnitt­lich sie­ben bis zwölf Jahre bis zur Diagnosestellung.

Die ers­ten Kla­gen füh­ren den Pati­en­ten meist zum Haus­arzt. Laut Michal sind die Sym­pto­m­äu­ße­run­gen jedoch zunächst oft unspe­zi­fisch, da die Pati­en­ten Angst haben, für ver­rückt gehal­ten zu wer­den. „Viele Betrof­fene gehen auch zum Augen­arzt, da sie visu­elle Wahr­neh­mungs­stö­run­gen haben“, berich­tet Michal aus sei­ner Erfah­rung. Meist wer­den die Betrof­fe­nen ohne Dia­gnose nach Hause geschickt und ihre Ver­un­si­che­rung steigt.

Wird beim Haus­arzt oder beim Oph­thal­mo­lo­gen meist gar keine Dia­gnose gestellt, so wird die Stö­rung beim Psych­ia­ter oder Neu­ro­lo­gen nicht sel­ten falsch dia­gnos­ti­ziert. Michal berich­tet von einem Pati­en­ten, der vom 18. bis zum 20. Lebens­jahr fälsch­li­cher­weise auf Schi­zo­phre­nie behan­delt wurde. Die hoch­do­sierte Neu­ro­lep­tika-Behand­lung führte zu einer erheb­li­chen Belas­tung des Pati­en­ten, nicht jedoch zu einer Bes­se­rung sei­ner Beschwer­den.

Häu­fige Fehl­dia­gnose Schizophrenie

„Schi­zo­phre­nie ist eine häu­fige Fehl­dia­gnose. Circa ein Drit­tel der Pati­en­ten, die in unsere Sprech­stunde kom­men, hatte im Ver­lauf der Krank­heit auch die Dia­gnose Schi­zo­phre­nie“, so Michal. Der Experte kann sich diese Fehl­dia­gnose nur durch Unwis­sen­heit erklä­ren, da sich die Sym­ptome deut­lich unter­schei­den. Im Gegen­satz zur Schi­zo­phre­nie ist die Rea­li­täts­prü­fung intakt, es feh­len Hal­lu­zi­na­tio­nen, Wahn­bil­dung, Fremd­beein­flus­sungs­er­leb­nisse, kata­tone oder nega­tive Sym­ptome wie Apa­thie, Sprach­ver­ar­mung oder ver­flach­ter Affekt.

In den letz­ten Jah­ren konn­ten For­scher mit Hilfe von bild­ge­ben­den Ver­fah­ren auch auf neu­ro­bio­lo­gi­scher Ebene einen Unter­schied zwi­schen Men­schen mit und ohne Deper­so­na­li­sa­ti­ons­stö­rung bele­gen. So gibt es zwei neu­ro­bio­lo­gi­sche Modelle dafür: Ein Modell geht davon aus, dass prä­kor­ti­kale Zen­tren hem­mend auf jene sub­kor­ti­ka­len Struk­tu­ren wir­ken, die für Emo­tio­nen ver­ant­wort­lich sind. Das heißt, dass kogni­tive und per­zep­tu­elle Inhalte nicht mit der emo­tio­na­len Bedeu­tungs­zu­schrei­bung in Ver­bin­dung ste­hen. In Reak­tion auf emo­tio­nale Sti­muli zei­gen Pati­en­ten mit Deper­so­na­li­sa­ti­ons­syn­drom eine erhöhte prä­fron­tale bei gleich­zei­tig redu­zier­ter lim­bi­scher Aktivierung.

Ein zwei­tes Erklä­rungs­mo­dell basiert auf Ver­än­de­run­gen in Gehirn­area­len, die mit der Inte­gra­tion des Kör­per­sche­mas zu tun haben. Dies trifft vor allem auf Pati­en­ten zu, deren Kör­per­wahr­neh­mung gestört ist und die soge­nannte „Out-of-Body-Expe­ri­en­ces“ im Rah­men der Deper­so­na­li­sa­tion haben. Es zeigt sich eine ver­stärkte Akti­vie­rung im Asso­zia­ti­ons­kor­tex des Parie­tal­lap­pens. Dadurch wird die Fähig­keit beein­träch­tigt, Kör­per­teile als zum eige­nen Kör­per zuge­hö­rig zu erle­ben oder sich von Schmerz­rei­zen emo­tio­nal betrof­fen zu fühlen.

Ursa­chen und Therapie

Das Syn­drom weist einen sehr frü­hen Krank­heits­be­ginn auf. Bei 95 Pro­zent der Pati­en­ten beginnt die Krank­heit vor dem 25. Lebens­jahr. Frauen und Män­ner sind glei­cher­ma­ßen betrof­fen. Es gibt Hin­weise, dass es sich bei den Pati­en­ten um Per­so­nen mit über­durch­schnitt­li­cher Intel­li­genz handelt.

Bis­lang gibt es noch wenige Anhalts­punkte für mög­li­che Aus­lö­ser der Stö­rung. Bei­spiels­weise ist es noch völ­lig unklar, inwie­weit gene­ti­sche Fak­to­ren die Erkran­kung for­cie­ren. Anders als bei ande­ren dis­so­zia­ti­ven Stö­run­gen lie­gen in der Regel keine Trau­mata in der Kind­heit vor. „Die meis­ten berich­ten sogar zunächst von guten Bezie­hun­gen zu den Eltern. Im Ver­lauf der Behand­lung zeigt sich jedoch, dass die Erfah­rung einer tie­fen emo­tio­na­len Ver­bun­den­heit in der Ent­wick­lung oft fehlte. Das ist eine Ent­wick­lungs­bahn, die zu Deper­so­na­li­sa­tion füh­ren kann“, so Michal.

Die Krank­heit gilt unter Ärz­ten und Psy­cho­lo­gen als schwer behan­del­bar. Der­zeit gibt es noch kein zuge­las­se­nes Medi­ka­ment. „Wenn man die Pati­en­ten jedoch ernst nimmt und die rich­tige Dia­gnose stellt, kann man die Pati­en­ten gut psy­cho­the­ra­peu­tisch behan­deln“, stellt Michal fest. Fehl­dia­gno­sen und feh­lende The­ra­pie­maß­nah­men sind zwei­fels­ohne auch auf einen For­schungs­man­gel zurück­zu­füh­ren, der in kei­nem Ver­hält­nis zur Prä­va­lenz der Krank­heit steht. Eine bes­sere Auf­klä­rung könnte vie­len Pati­en­ten hel­fen. „Es ist ganz wich­tig, dass die Ärzte die Krank­heit ken­nen, ein Ohr dafür bekom­men und den Pati­en­ten in einer ent­ka­ta­stro­phi­sie­ren­den Weise über die Sym­pto­ma­tik auf­klä­ren“, plä­diert Michal. VU


Dia­gno­se­kri­te­rien nach ICD-10 (gekürzt)

Ent­we­der 1 oder 2:

1) Deper­so­na­li­sa­tion: Die Betrof­fe­nen emp­fin­den ihre eige­nen Gefühle und Erfah­run­gen als los­ge­löst, fern, fremd, nicht als ihre eigenen.

2) Derea­li­sa­tion: Die Betrof­fe­nen kla­gen über ein Gefühl von Unwirk­lich­keit und dar­über, dass Umge­bun­gen und/​oder Objekte fremd aus­se­hen, ver­zerrt, stumpf oder sie emp­fin­den die Umge­bung wie eine Bühne

  • Die Ein­sicht, dass die Ver­än­de­run­gen nicht von außen durch andere Per­so­nen oder Kräfte ein­ge­ge­ben wur­den, bleibt erhal­ten. Es besteht Krankheitseinsicht.
  • Kla­res Bewusst­sein und Feh­len toxi­scher Ein­flüsse oder Epilepsie

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 3 /​10.02.2013