Neues Medi­zin-Cur­ri­cu­lum: Alle zie­hen an einem Strang

25.09.2012 | Politik

Am 1. Okto­ber 2012 tritt die Novelle für das Medi­zin-Cur­ri­cu­lum an der Med­Uni Wien in Kraft. Damit beschrei­ten erst­mals alle öster­rei­chi­schen Medi­zin-Uni­ver­si­tä­ten einen ein­heit­li­chen Weg zu einer kli­nisch-prak­ti­schen Aus­bil­dung. Von Ruth Mayrhofer

Zur Vor­be­rei­tung der Novelle zum Cur­ri­cu­lum des Medi­zin­stu­di­ums an der Med­Uni Wien waren zwei Jahre inten­sivs­ter Vor­ar­bei­ten not­wen­dig, in die alle Ver­ant­wort­li­chen an der Uni­ver­si­tät, die Vize­rek­to­rin­nen und Vize­rek­to­ren aller Medi­zin-Uni­ver­si­tä­ten, genauso wie eine Reihe nam­haf­ter hei­mi­scher und inter­na­tio­na­ler Exper­ten sowie Stu­die­ren­den-Ver­tre­tun­gen ein­ge­bun­den waren.

„Wir freuen uns sehr, dass der Beschluss zum bal­di­gen Inkraft­tre­ten der Novelle gefasst wurde“, erklärt Univ. Prof. Anita Rie­der, Cur­ri­cu­lum-Direk­to­rin für das Human­me­di­zin­stu­dium an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien. „Denn so beschrei­ten alle Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten den glei­chen Weg und zie­hen damit an einem Strang. Das war nicht immer so.“ Eine 100-pro­zen­tige Gleich­schal­tung der Stu­dien-Cur­ri­cula wird es jedoch nicht geben, auf Spe­zi­fika ein­zel­ner Uni­ver­si­tä­ten kann sehr wohl Rück­sicht genom­men wer­den. „Die Grund­aus­rich­tung ist für alle gleich, aber jede Medi­zin-Uni­ver­si­tät wird beim Ablauf des Stu­di­ums und in der Lehre eigene Schwer­punkte set­zen kön­nen“, erklärt Rieder.

In Wien wer­den im vier­ten Aus­bil­dungs­jahr die Fächer Chir­ur­gie und Interne Medi­zin vor­ge­zo­gen. Bis­her war dies im fünf­ten Stu­di­en­jahr der Fall. „Damit wird die­ses Stu­di­en­jahr für die Stu­die­ren­den zwei­fel­los sehr inten­siv wer­den, und man­che Stu­die­rende wer­den das sicher als Kri­te­rium sehen“, meint der stell­ver­tre­tende Cur­ri­cu­lum-Direk­tor, Univ. Prof. Wer­ner Horn. Und: „Im Vor­feld der Novelle gab es sehr wohl dies­be­züg­li­che Beden­ken sei­tens der Stu­den­ten­ver­tre­tun­gen und einige Dis­kus­sio­nen. Letzt­lich haben diese Gre­mien aber zuge­stimmt. Und das ist wichtig.“

Die wohl größte Ver­än­de­rung betrifft das so genannte „kli­nisch-prak­ti­sche Jahr (KPJ)“. Die­ses wird im sechs­ten Aus­bil­dungs­jahr ab dem Win­ter­se­mes­ter 2014/​2015 für alle Medi­zin­stu­die­ren­den ver­pflich­tend sein. Die ange­hen­den Ärz­tin­nen und Ärzte wer­den dabei in Lehr­kran­ken­häu­sern in den lau­fen­den Betrieb inte­griert wer­den und sol­len 48 Wochen lang mit einer Arbeits­zeit von 35 Stun­den pro Woche als Teil des Spi­tal­be­trie­bes in die ärzt­li­che Rolle hin­ein­wach­sen. In die­ser Zeit sol­len die Stu­die­ren­den die in den vor­an­ge­gan­ge­nen fünf Stu­di­en­jah­ren erwor­be­nen Kennt­nisse und Fer­tig­kei­ten gemäß dem öster­rei­chi­schen Kom­pe­tenz-Kata­log ver­tie­fen. Die­ser Kom­pe­tenz-Kata­log wurde von allen öster­rei­chi­schen Medi­zin-Uni­ver­si­tä­ten gemein­sam erar­bei­tet. „Im kli­nisch-prak­ti­schen Jahr wird die fach­li­che Aus­bil­dung um die pra­xis­be­zo­gene umfas­sende Tätig­keit am Kran­ken­bett, die Teil­nahme an kli­ni­schen Bespre­chun­gen und die län­ger­fris­tige Ein­bin­dung und Erpro­bung im Team kom­plet­tiert“, betont Karin Gutiér­rez-Lobos, Vize­rek­to­rin für Lehre an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien. „Es freut mich, dass es den Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten gelun­gen ist, gemein­same Stan­dards festzulegen.“

Anita Rie­der über die Vor­teile der Neue­rung: „Das kli­nisch prak­ti­sche Jahr gab es schon bis­her in Inns­bruck und in Graz. Wien zieht also nach. Die Inte­gra­tion in den Spi­tals­be­trieb kann den Stu­den­ten für die Zukunft nur nüt­zen – fach­lich genauso wie für einen all­fäl­lig anschlie­ßen­den Tur­nus im sel­ben Lehrkrankenhaus.“

Inter­view
Warum gerade Medizin?

Die ÖÄZ fragte zwei Medi­zin­stu­den­ten im drit­ten Semes­ter nach ihren bis­he­ri­gen Ein­drü­cken aus dem Stu­dium sowie deren Erwar­tun­gen an ihr spä­te­res Berufs­le­ben. Die Inter­views führte Ruth Mayrhofer.

ÖÄZ: Warum haben Sie sich für ein Medi­zin­stu­dium und damit den Arzt­be­ruf ent­schie­den?
Isa Brün­ker, Medi­zi­ni­sche Uni­ver­si­tät Frank­furt am Main (D):
Ich wollte schon im Kin­der­gar­ten Ärz­tin wer­den. Kon­kret ver­fes­tigt hat sich der Gedanke aber, als ich selbst ins Kran­ken­haus musste und ich erlebt habe, wie Ärzte arbei­ten. Ich möchte Men­schen ver­ste­hen und ihnen aus die­sem Ver­ständ­nis her­aus als Ärz­tin helfen.

Mag­da­lena Breit­wie­ser, Medi­zi­ni­sche Uni­ver­si­tät Inns­bruck( A):
Es hat mich immer schon inter­es­siert, wie der Mensch ‚funk­tio­niert‘. Da ich Men­schen gerne hel­fen möchte, habe ich mich nach einem ein­jäh­ri­gen Auf­ent­halt in Frank­reich zum Medi­zin­stu­dium ent­schlos­sen und wurde auf Anhieb zugelassen.

Ent­spricht das Stu­dium Ihren Erwar­tun­gen?
Brün­ker: Das Stu­dium ist in mei­nem Stu­di­en­ab­schnitt (Vor­kli­nik, Anm.) sehr ‚ver­schult‘. Damit ist eine Selbst-Ein­tei­lung des Ler­nens schwie­rig und die Stu­die­ren­den haben wenige Mög­lich­kei­ten, Selbst­stän­dig­keit und Eigen­ver­ant­wor­tung zu ent­wi­ckeln. Aber das kommt ja noch. Ich finde es aber gene­rell schade, dass ungleich zu ande­ren Stu­di­en­rich­tun­gen im Fach Medi­zin keine anre­chen­ba­ren Aus­lands­se­mes­ter vor­ge­se­hen sind. Diese Mög­lich­keit hätte ich gerne genützt.

Breit­wie­ser: Es passt. Natür­lich ist es ein sehr anspruchs­vol­les Stu­dium, in dem man sehr gut theo­re­ti­sche und prak­ti­sche Fähig­kei­ten erwer­ben kann und wirk­lich viel ler­nen muss. Um auch ein wenig Frei­zeit zu haben, muss man sich die Zeit ent­spre­chend ein­tei­len. Es wäre fein, wenn ich in Abspra­che mit der Uni­ver­si­tät auch das eine oder andere Aus­lands­se­mes­ter im Rah­men der Aus­bil­dung in Anspruch neh­men könnte.

Wohin, den­ken Sie, wird Sie Ihr Berufs­weg lang­fris­tig füh­ren?
Brün­ker: Nach dem Stu­dium würde ich gerne eine Zeit lang in der Ent­wick­lungs­hilfe arbei­ten. Mit­tel­fris­tig könnte ich mir vor­stel­len, im deutsch­spra­chi­gen oder eng­lisch­spra­chi­gen Aus­land wei­tere Erfah­run­gen zu sam­meln. Als Fach inter­es­siert mich Anäs­the­sie, aber auch eine haus­ärzt­li­che Tätig­keit schließe ich nicht aus. Wich­tig für mich ist pri­mär, viel Kon­takt zu den Pati­en­ten zu haben.

Breit­wie­ser: Da bin ich mir noch nicht ganz sicher, weil man die ein­zel­nen Vor- und Nach­teile in den diver­sen Berufs­fel­dern gegen­ein­an­der abwie­gen muss. Als nie­der­ge­las­sene Ärz­tin ist man seine eigene Che­fin; viel­leicht geht mein Weg ja in diese Rich­tung. Außer­dem könnte ich mir gut vor­stel­len, im Aus­land für ‚Ärzte ohne Gren­zen‘ tätig zu sein.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 18 /​25.09.2012