Kom­men­tar – Univ. Prof. Johan­nes Bonelli: Ver­wir­rung um „Ster­be­hilfe“

10.06.2012 | Poli­tik

Die Bio­ethik­kom­mis­sion beim Bun­des­kanz­ler­amt hat im Juni 2011 „Emp­feh­lun­gen zur Ter­mi­no­lo­gie medi­zi­ni­scher Ent­schei­dun­gen am Lebens­ende“ vor­ge­legt. Die her­kömm­li­chen Begriffs­paare „aktiv-pas­­siv“ und „direkt-indi­­rekt“ wür­den für die medi­­­zi­­nisch-ethi­­sche Beur­tei­lung von Hand­lun­gen in der Situa­tion von Ster­ben und Tod Anlass zu Miss­ver­ständ­nis­sen geben. Das grund­sätz­li­che Bemü­hen, hier Klar­heit zu schaf­fen, ist zu begrü­ßen. Als Vor­lage ver­wen­dete die Bio­ethik­kom­mis­sion die Stel­lung­nahme des deut­schen Natio­na­len Ethik­ra­tes – aller­dings nur lücken­haft, was neue Pro­bleme aufwirft.

Die Kom­mis­sion emp­fiehlt, die bis­her ver­wen­dete Ter­mi­no­lo­gie von akti­ver, pas­si­ver und indi­rek­ter Ster­be­hilfe auf­zu­ge­ben und fol­gende Begriffe ein­zu­füh­ren: Ster­be­be­glei­tung, The­ra­pie am Lebens­ende, ster­ben las­sen. Blickt man jedoch auf die Defi­ni­tio­nen die­ser Begriffe, wie sie von der Bio­ethik­kom­mis­sion in ihren Emp­feh­lun­gen dar­ge­legt wer­den, so fin­det man gleich am Anfang kei­nen rele­van­ten Unter­schied zwi­schen den Ter­mini „Ster­be­be­glei­tung“ und „The­ra­pie am Lebens­ende“. Zur Ster­be­be­glei­tung heißt es: „Unter den Begriff der Ster­be­be­glei­tung fal­len Maß­nah­men zur Pflege, Betreu­ung und Behand­lung von Ster­ben­den…“. Zur The­ra­pie am Lebens­ende: „Zu The­ra­pien am Lebens­ende zäh­len alle medi­zi­ni­schen Maß­nah­men, ein­schließ­lich pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­scher Maß­nah­men, die in der letz­ten Phase des Lebens erfol­gen mit dem Ziel, die Lebens­qua­li­tät zu ver­bes­sern, das Leben zu ver­län­gern oder Lei­den zu min­dern.“ Worin sich diese bei­den Defi­ni­tio­nen unter­schei­den, bleibt rät­sel­haft. Han­delt es sich doch in bei­den Fäl­len um eine all­ge­meine Beschrei­bung der Pal­lia­tiv­me­di­zin ohne Bezug zur ethi­schen Kate­go­rie der Ster­be­hilfe bezie­hungs­weise der Euthanasie.

Wirft man aller­dings einen Blick in die Stel­lung­nahme des deut­schen Natio­na­len
Ethik­ra­tes von 2006, wird sofort klar, dass die öster­rei­chi­schen Autoren den Kern­punkt der Unter­schei­dung aus­ge­las­sen haben. Dort heißt es näm­lich unter dem Begriff „The­ra­pie am Lebens­ende“: „Dazu gehö­ren auch Maß­nah­men, bei denen die Mög­lich­keit besteht, dass der natür­li­che Pro­zess des Ster­bens ver­kürzt wird, sei es durch eine hoch­do­sierte Schmerz­me­di­ka­tion oder eine starke Sedie­rung, ohne die eine Beherr­schung belas­ten­der Sym­ptome nicht mög­lich ist.“ In der her­kömm­li­chen Ter­mi­no­lo­gie würde die­ser Fall unter den Begriff der akti­ven indi­rek­ten Ster­be­hilfe fal­len, und man sieht schon, dass die Ter­mini „The­ra­pie am Lebens­ende“ und „Ster­be­be­glei­tung“ bereits in nuce unzu­rei­chend sind und ohne nähe­ren Kom­men­tar zu Miss­ver­ständ­nis­sen Anlass geben.

Auch der Begriff des „Ster­ben zulas­sen“ wird in der Emp­feh­lung undif­fe­ren­ziert behan­delt: „Eine unter kura­ti­ver The­ra­pie­ziel­set­zung als lebens­ver­län­gernd bezeich­nete medi­zi­ni­sche Maß­nahme kann unter­las­sen wer­den, wenn der Ver­lauf der Krank­heit eine wei­tere Behand­lung nicht sinn­voll macht.“ Ster­ben zulas­sen kann aller­dings nicht nur durch ein Unter­las­sen (Behand­lungs­ver­zicht), son­dern auch durch ein akti­ves Tun erfol­gen (zum Bei­spiel Abschal­ten der Beatmungs­ma­schine). Diese Ver­deut­li­chung wäre für die ärzt­li­che Pra­xis gera­dezu essen­ti­ell. Ebenso nicht erfasst wird mit der neuen Begriff­lich­keit eine Situa­tion, bei der eine an sich lebens­ret­tende Maß­nahme ver­wei­gert wird (pas­sive direkte Eutha­na­sie). Genau genom­men wird auch die will­kür­li­che Tötung von Men­schen (vor allem Kran­ker, Alter und Behin­der­ter), zum Bei­spiel durch die Über­do­sie­rung eines Medi­ka­men­tes, nicht erfasst.

Fazit: Das Anlie­gen, die Ter­mi­no­lo­gie im Umgang mit kran­ken Men­schen am Lebens­ende zu prä­zi­sie­ren, ist berech­tigt. Lei­der ist dies der Bio­ethik­kom­mis­sion beim Bun­des­kanz­ler­amt nicht gelun­gen. Im Gegen­teil: Die vor­ge­schla­ge­nen Begriffe sind viel­fach miss­ver­ständ­lich. Ganz wesent­li­che ethi­sche Grenz­fälle am Lebens­ende wer­den über­haupt nicht erfasst. Die miss­glück­ten For­mu­lie­run­gen der Bio­ethik­kom­mis­sion zei­gen auch, dass die her­kömm­li­che Hand­lungs­klas­si­fi­zie­rung in aktiv-pas­­siv und direkt-indi­­rekt wohl durch­dacht ist und dass man auf sie nicht gänz­lich ver­zich­ten wird kön­nen. Aller­dings erscheint es not­wen­dig, diese Begriffe wie­der mit Leben zu fül­len und ihre prak­ti­sche Bedeu­tung für die heu­ti­gen Bedürf­nisse neu zu präzisieren.

*) Univ. Prof. Dr. Johan­nes Bonelli ist Direk­tor von IMABE – Insti­tut für medi­zi­ni­sche Anthro­po­lo­gie und Bio­ethik in Wien

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 11 /​10.06.2012