Kom­men­tar – Dr. Jan Ste­js­kal: Wirk­same Burnout-Prävention

25.01.2012 | Poli­tik

Bur­nout scheint zum Mas­sen­phä­no­men gewor­den zu sein und lässt Schlag­zei­len zufolge bald keine Berufs­gruppe mehr unge­schont: Inner­halb weni­ger Wochen war zu lesen, dass laut Umfra­gen 54 Pro­zent der hei­mi­schen Ärzte in ver­schie­de­ner Abstu­fung daran lei­den, selbst­ver­ständ­lich auch Leh­rer und ebenso ein Fünf­tel der hei­mi­schen Rich­ter. Bur­nout ist zum Inbe­griff der Kehr­seite einer kran­ken Leis­tungs­ge­sell­schaft gewor­den. Der Begriff wird infla­tio­när gebraucht – doch hilft das wei­ter für eine wirk­same Prävention?

Das erste Pro­blem stellt bereits die Dia­gnose Bur­nout dar. Diese wird näm­lich weder nach der ICD-10 noch nach den Kri­te­rien der Ame­ri­can Psych­iatric Asso­cia­tion (DSM-IV) aner­kannt. In der ICD-10 wird Bur­nout im Unter­ka­pi­tel Z73 („Pro­bleme ver­bun­den mit Schwie­rig­kei­ten bei der Lebens­be­wäl­ti­gung“) auf­ge­lis­tet, jedoch nicht als Stö­rung mit Krank­heits­wert, son­dern bloß als Fak­tor bezie­hungs­weise Pro­blem. Die bei­den Bur­­nout-For­­scher Andreas Hil­lert und Michael Mar­witz hal­ten in ihrer pro­vo­kan­ten These Bur­nout als Dia­gnose für einen Eti­ket­ten­schwin­del: Weder sei es mög­lich, Bur­nout sicher zu dia­gnos­ti­zie­ren noch einem Men­schen, der sich aus­ge­brannt fühlt, zu bewei­sen, dass er kein Bur­­nout-Syn­­­drom hat. Der Umstand, dass mit Bur­nout 130 ver­schie­dene Sym­ptome ver­ge­sell­schaf­tet sind und es sich dabei zugleich um einen Zustand und einen Pro­zess han­delt, sorgt für pro­gram­mierte Unschär­fen. Doch ist Bur­nout wirk­lich keine Krankheit?

Wäre das Krank­heits­bild klar defi­niert, wären wohl auch die gän­gi­gen Bur­­nout-Tests weni­ger pro­ble­ma­tisch: Sie wei­sen der­zeit häu­fig eine auf­fal­lende Ähn­lich­keit mit Depres­si­ons­fra­ge­bo­gen auf. Wer im Bur­­nout-Test hohe Punkte erzielt, tut dies auch in einem Depres­si­ons­fra­ge­bo­gen. Es gibt keine kla­ren Refe­renz­be­rei­che, eine sug­ges­tive Inten­tion der Fra­gen ist nicht zu über­se­hen. Die Frage nach Müdig­keit wird etwa kaum jemand ver­nei­nen. Hin­ter der „Dia­gnose“ Bur­nout kann sich dage­gen auch eine ernst­hafte psy­chi­sche Krank­heit wie Depres­sion oder Angst­stö­rung ver­ber­gen. Vor die­sem Hin­ter­grund rela­ti­vie­ren sich die Zah­len vie­ler gro­ßen Burnout-Umfragen.

Warum ist Bur­nout den­noch salon­fä­hi­ger? Einem Bur­­nout-Opfer wird von sei­nem Umfeld mit Ver­ständ­nis begeg­net. Die „Selbst­he­roi­sie­rung der Erschöp­fung“ besitzt eine gesell­schaft­li­che Akzep­tanz. Jemand, der sich im Dienste des Arbeit­ge­bers abge­ar­bei­tet hat, wird nicht als psy­chisch Kran­ker abge­stem­pelt. Bei ihm ist das Sys­tem schuld. Einem Pati­en­ten mit Depres­sio­nen haf­tet hin­ge­gen oft etwas selbst Ver­schul­de­tes an. Das Phä­no­men Bur­nout bil­det eine Brü­cken­funk­tion, die zur Ent­ta­bui­sie­rung hilft, um über die Pro­bleme am Arbeits­platz offen zu reden und pro­fes­sio­nelle Unter­stüt­zung durch einen Arzt zu suchen. Auch wenn sich hin­ter dem Bur­nout mög­li­cher­weise eine andere psy­chi­sche Stö­rung ver­birgt, suchen die Betrof­fe­nen nun eher Hilfe, was begrü­ßens­wert ist. Eine klare Abgren­zung zu depres­si­ven Erkran­kun­gen wäre jedoch drin­gend nötig.

Zwei­fel­los kön­nen Men­schen durch gestei­ger­ten Arbeits­druck und zu hohe Selbst­an­sprü­che leich­ter in eine Bur­­nout-Falle kip­pen. Kein Wun­der, dass Bur­nout ein Zeit­geist­phä­no­men ist, die belas­tende Erfah­rung eines Miss­ver­hält­nis­ses zwi­schen Anstren­gung und Befrie­di­gung. Darin wird aber das tie­fere Pro­blem sicht­bar: Wer meint, sich in der Arbeit sein gesam­tes Lebens­glück über Aner­ken­nung oder Geld ver­die­nen zu kön­nen, wird frü­her oder spä­ter schei­tern – mit mög­li­cher­weise ver­hee­ren­den Folgen.

Erklä­run­gen, die die zuneh­mende beruf­li­che Über­for­de­rung und Erschöp­fung rein als Folge von äuße­ren Fak­to­ren inter­per­tie­ren, schei­nen über­holt. Die indi­vi­du­elle Ein­stel­lung zur Arbeit kommt beim vor­herr­schen­den Bur­­nout-Kon­­zept bis­lang zu kurz. Und das ist schade. Denn eine gesunde, aus­ge­wo­gene Ein­stel­lung zur Arbeit, ohne diese als Selbst­zweck zu betrach­ten, ein ver­nünf­ti­ger Zeit­plan unter Berück­sich­ti­gung der eige­nen Fami­lie oder pri­va­ter Inter­es­sen sowie Sin­n­­fin­­dungs-Stra­­te­­gien inner­halb und außer­halb der Berufs­welt gehö­ren zu den wich­tigs­ten Fak­to­ren einer wirk­sa­men Bur­­nout-Prä­­ven­­tion.

Zu hof­fen ist, dass durch die Bur­­nout-Dis­­kus­­sion das Thema der Work-Life-Balance als Har­mo­ni­sie­rung von Beruf und Pri­vat­le­ben stär­ker auf­ge­grif­fen wird.

*) Dr. Jan Ste­js­kal ist Mit­ar­bei­ter des Insti­tuts für medi­zi­ni­sche Anthro­po­lo­gie und Bio­ethik – IMABE, Wien.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 1–2 /​25.01.2012