Inter­view – Präs. Artur Wech­sel­ber­ger: Eti­ket­ten­schwin­del Gesundheitsreform

25.06.2012 | Poli­tik



Attrak­ti­vere Arbeits­be­din­gun­gen zu schaf­fen und eine bes­sere Work-Life-Balance zu ermög­li­chen sind erklärte Ziele des neuen ÖÄK-Prä­­si­­den­­ten Artur Wech­sel­ber­ger. Wie er das ange­sichts der kürz­lich ver­ein­bar­ten Gesund­heits­re­form, die für ihn nichts Ande­res als eine Finanz­re­form ist, umset­zen will, erklärt er im Gespräch mit Agnes M. Mühl­gas­s­ner und Mar­tin Stick­ler.


ÖÄZ: Wo lie­gen die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen in den nächs­ten Jah­ren?

Wech­sel­ber­ger: Die ste­hen unter der gro­ßen Über­schrift ‚attrak­ti­vere Arbeits­be­din­gun­gen für Ärzte‘ und eine gedeih­li­che Work-Life-Balance zu ermög­li­chen. Ers­tens heißt das: die post­pro­mo­tio­nelle Aus­bil­dung zu ver­bes­sern, hier geht es um die Aus­bil­dung in allen Fach­ge­bie­ten, auch in der Aus­bil­dung zum All­ge­mein­me­di­zi­ner. Es geht darum, die Aus­bil­dung in den Kran­ken­häu­sern zu ver­bes­sern, es geht um eine Ent­rüm­pe­lung von admi­nis­tra­ti­ven Tätig­kei­ten und auch um den Schutz vor der Ver­ein­nah­mung durch die Trä­ger durch Sys­­te­m­er­hal­­ter-Täti­g­­kei­­ten. Bei den Ärz­ten in Aus­bil­dung zum All­ge­mein­arzt geht es um die Aus­deh­nung der Aus­bil­dung auf Lehr­pra­xen hin zum Fach­arzt für All­ge­mein­me­di­zin. Zwei­tens heißt das, die Attrak­ti­vi­tät des Arbeits­plat­zes für Fach­ärzte in den Kran­ken­häu­sern zu stei­gern. Das beginnt mit der Ein­hal­tung der gesetz­lich fest­ge­leg­ten Arbeits­zei­ten und mit der Ent­las­tung der Leis­tungs­trä­ger im Kran­ken­haus. Dazu kom­men noch attrak­ti­vere Gehäl­ter und attrak­ti­vere Arbeits­be­din­gun­gen spe­zi­ell für Ärz­tin­nen.

Was heißt das nun kon­kret für die Arbeit in der nächs­ten Funk­ti­ons­pe­ri­ode?

Im nie­der­ge­las­se­nen Bereich muss man sich auch auf den Genera­tio­nen­wech­sel ein­stel­len, da viele Kol­le­gen in Pen­sion gehen wer­den und man wird auch die Ten­denz hin zu einer Femi­ni­sie­rung der Medi­zin stär­ker berück­sich­ti­gen müs­sen. Das bedeu­tet auch, die ver­schie­dens­ten Zusam­men­ar­beits­for­men zu ermög­li­chen: ‚So fle­xi­bel wie mög­lich‘ ist eine For­de­rung der Zukunft. Man muss es den Ärz­ten über­las­sen, ob sie als Ein­zel­kämp­fer tätig sein wol­len oder ob sie ange­stellt sein wol­len oder ob sie als Part­ner mit ande­ren Ärz­ten in allen mög­li­chen Zusam­men­ar­beits­for­men tätig sein wollen.

Die Ent­wick­lun­gen in den letz­ten Jah­ren zei­gen ein­deu­tig eine gegen­läu­fige Ten­denz. So hat sich bei­spiels­weise bei der Aus­bil­dung in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren nichts geän­dert. Sie ist eher schlech­ter gewor­den.
Man muss klipp und klar zei­gen und hier meh­ren sich ja die Vor­zei­chen, dass viele der poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger aus Unein­sich­tig­keit ein gutes Gesund­heits­sys­tem an die Wand fah­ren wol­len. Man redet sich das Sys­tem schön und schließt die wirk­li­chen Exper­ten im Sys­tem aus der Dis­kus­sion aus. Ich habe den Ein­druck: Je schlech­ter die Sys­­tem-Per­­for­­mance zu wer­den droht, umso mehr drängt man die Wis­sen­den aus dem Dis­kus­si­ons­pro­zess her­aus. Diese kurz­sich­tige poli­ti­sche Denk­weise in Funk­ti­ons­ab­schnit­ten muss end­lich zurück­ge­drängt wer­den. In Wirk­lich­keit sind ja ganz andere Fra­gen wich­tig: Wo steht unser Gesund­heits­sys­tem in zehn, 20 Jah­ren? Wie wer­den wir den Her­aus­for­de­run­gen aus den dra­ma­ti­schen Ver­än­de­run­gen bei den Ärz­ten, bei der Demo­gra­phie, der medi­zi­ni­schen Ent­wick­lung, aus der Ände­rung der Krank­heits­bil­der begegnen?

Wie sieht Ihre Stra­te­gie aus?
Man kann nicht klein­ka­riert im Tages­ge­schäft an einem Dia­be­tes mel­­li­­tus-Pro­­­gramm her­um­dis­ku­tie­ren, wenn man nicht fünf Pro­zent son­dern ver­mut­lich zehn Pro­zent der Bevöl­ke­rung als Dia­be­ti­ker ein­stu­fen muss. Wir ken­nen die Risi­ko­fak­to­ren in der Bevöl­ke­rung und kön­nen abschät­zen, wie es in zehn Jah­ren sein wird und wel­che Vor­hal­tun­gen man tref­fen muss. Ziel ist es, nach vorne, nicht nach hin­ten zu bli­cken.

Die Poli­tik glaubt, die anste­hen­den Her­aus­for­de­run­gen mit der kürz­lich erziel­ten Eini­gung über eine Gesund­heits­re­form bewäl­ti­gen zu kön­nen.

Es ist eine Unver­fro­ren­heit, was jetzt als Gesund­heits­re­form bezeich­net wird. Es ist der erneute Ver­such einer Finanz­re­form des Gesund­heits­we­sens. Dabei geht es nur darum, wie man sich den Zugriff auf die Kas­sen sichert und wie man eine Kos­ten­aus­wei­tung ver­hin­dert. Es ist ein­fach zu sagen: Ich deckle die Gesund­heits­aus­ga­ben, wenn ich sie ans BIP binde. Es ist eine Finanz­re­form, der man das Mascherl Gesund­heits­re­form gibt. Das ist so ähn­lich wie bei der Wer­bung über prä­bio­ti­sche Pro­dukte. Den glei­chen Eti­ket­ten­schwin­del begeht unsere Gesundheitspolitik.

Hat die Poli­tik aus 2008 gelernt? Bund, Län­der und Kran­ken­kas­sen stel­len zusam­men ja ein gro­ßes Macht­po­ten­tial dar.
Es ist – auch für einen Bür­ger die­ses Lan­des – wirk­lich beängs­ti­gend, dass man sich wider alle medi­zi­ni­sche und gesund­heits­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit zusam­men­setzt und sagt: Wir sind die Mäch­ti­gen und las­sen uns von nie­man­dem etwas sagen. Das ist ein Affront gegen­über der Bevöl­ke­rung und jedem in Zukunft Erkran­ken­dem und jedem Leis­tung Erbrin­gen­dem, der bemüht ist, moderne Medi­zin an die Men­schen her­an­zu­brin­gen.

Nach den mas­si­ven Pro­tes­ten der Ärz­te­kam­mer gegen ELGA hat Minis­ter Stö­ger nun einen über­ar­bei­te­ten Geset­zes­ent­wurf vor­ge­legt. Ist die­ser akzep­ta­bel?

In man­chen mar­gi­na­len Punk­ten gibt es leichte Ver­bes­se­run­gen gegen­über der vor­he­ri­gen Ver­sion. Aber offen­sicht­lich ist sich selbst das Minis­te­rium nicht ganz sicher, dass ELGA funk­tio­nie­ren und Vor­teile brin­gen wird, weil man ja nach wie vor grund­sätz­lich die Ver­pflich­tung zur Teil­nahme hat. Wenn ich ein gutes Sys­tem imple­men­tiere, dann brau­che ich keine Pflicht.

Wo gibt es Hand­lungs­be­darf?
Zuerst ein­mal die Frage nach den Kos­ten. Wer soll das finan­zie­ren? Was kos­tet es uns über­haupt? Wel­che Belas­tung neh­men wir damit im gede­ckel­ten Sys­tem auf uns, um ein im Kon­zept ver­al­te­tes Sys­tem ein­zu­füh­ren? Nicht geklärt ist die Haf­tung und auch, wie man es in den Work­flow der Ärzte in der Pra­xis inte­griert. Das ist der größte Schwach­punkt in der Anwen­dung. Wir brau­chen ein Sys­tem, das die Anwen­dung in der Pra­xis erleich­tert. Das Pilot­pro­jekt zur E‑Medikation hat gezeigt, dass sie, wenn sie rich­tig auf­ge­setzt ist, hel­fen kann. Aber die bis­he­rige tech­ni­sche Umset­zung ist unbe­frie­di­gend und nicht geeig­net. Man hat alle Vor­schläge der Ärzte aus ihrer tag­täg­li­chen Erfah­rung in den Wind geschla­gen. Und den glei­chen Feh­ler macht man jetzt bei ELGA noch ein­mal. Prak­tisch zeit­gleich mit dem Eva­lu­ie­rungs­be­richt will man das Gesetz schon bei der nächst­bes­ten Mög­lich­keit ins Par­la­ment brin­gen. Das zeigt, dass man nicht gewillt ist, ein Sys­tem mit dem größt­mög­li­chen Bene­fit für die Pati­en­ten­ver­sor­gung zu schaf­fen.

Was ist zu tun?

Wir ver­wei­gern uns jetzt. Das Dik­tat, das zu einer Ver­schlech­te­rung der ärzt­li­chen Tätig­keit führt, wer­den wir nicht hin­neh­men. Wir wol­len Medi­zin so anbie­ten, dass die Pati­en­ten die best­mög­li­che Ver­sor­gung haben und wir dür­fen uns dabei nicht auf die Ebene der Gro­schen­zäh­ler und der poli­ti­schen Grup­pie­run­gen zie­hen las­sen. Unsere Auf­gabe ist es, die indi­vi­du­el­len Anwälte jedes ein­zel­nen Pati­en­ten zu sein.

Was heißt ‚Medi­zin anbie­ten‘?
Das heißt so zu arbei­ten, wie wir jetzt zu arbei­ten gewohnt sind. Und wenn die Sozi­al­ver­si­che­rung nicht bereit ist, das zu bezah­len, dann wer­den wir es pri­vat anbie­ten. Unsere Auf­gabe ist es, die Bevöl­ke­rung zu versorgen.

Auf Ebene der Lan­des­ärz­te­kam­mern gibt es nun ins­ge­samt nur noch drei Prä­si­den­ten, die nie­der­ge­las­sene Ärzte sind. Ste­hen wir hier vor einem grund­sätz­li­chen Wan­del in der Ärz­te­kam­mer?
Die Ver­än­de­run­gen waren seit der Imple­men­tie­rung des Kuri­en­sys­tems und seit dem Aus­tritt der Zahn­ärzte zu erwar­ten, weil sich Majo­ri­tä­ten für die ange­stell­ten Ärz­tin­nen und Ärzte inner­halb der Ärz­te­schaft schon damals abge­zeich­net haben.

Wie kann oder bes­ser gesagt: Wie soll die Ant­wort der Ärz­te­kam­mer als Stan­des­ver­tre­tung dar­auf aus­se­hen?
Man muss ver­su­chen, das Kuri­en­sys­tem inten­si­ver zu leben. Als ÖÄK bedeu­tet das, die Ärz­te­kam­mer zu einer Zwei-Säu­­len-Stra­­te­­gie zu füh­ren: Es geht einer­seits um eine Stär­kung der Auto­no­mie der ein­zel­nen Kurien und dass die ÖÄK dann geschlos­sen hin­ter deren berech­tig­ten For­de­run­gen steht. Und ande­rer­seits geht es um einen gemein­sa­men Schul­ter­schluss, um gemein­same Inter­es­sen nach außen hin zu ver­tre­ten. Eine gewisse Ände­rung hat sich auch durch die Zahl der Wahl­ärzte, die zudem ange­stellt sind, erge­ben: Hier gibt es eine innere Klam­mer zwi­schen den bei­den Kurien, egal ob man als Wahl­arzt nun der Kurie nie­der­ge­las­sene Ärzte oder der Kurie der ange­stell­ten Ärzte angehört.

Es besteht also nicht die Gefahr des Aus­ein­an­der­drif­tens?
Die Frei­heit des Beru­fes ist die gemein­same Klam­mer. Der Arzt­be­ruf ist ein freier Beruf, egal ob als ange­stell­ter Arzt, als nie­der­ge­las­se­ner Arzt, ob als Wahl­arzt oder als Kas­sen­arzt. Einen freien Beruf aus­zu­üben heißt: auf höchs­tem fach­li­chem Niveau indi­vi­du­ell und unbe­ein­fluss­bar Leis­tun­gen zu erbrin­gen, auch unbe­ein­flusst von Inter­es­sen der Poli­tik oder der Indus­trie. Wir haben den Ein­zel­fall ‚Pati­en­ten‘ im Auge. Es gibt keine kol­lek­tive Pati­en­­ten-Behan­d­­lung. Es gibt nur die Behand­lung des Pati­en­ten in sei­ner Not.
Das eint uns.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​25.06.2012