Brust­krebs-Früh­erken­nungs­pro­gramm: Neues Kon­zept star­tet 2013

10.09.2012 | Politik

Nach lang­wie­ri­gen Ver­hand­lun­gen ist es nun soweit: Anfang 2013 star­tet das neue Brust­krebs-Früh­erken­nungs­pro­gramm. Frauen zwi­schen 45 und 70 Jah­ren wer­den künf­tig aktiv zum Scree­ning ein­ge­la­den.
Von Marion Huber

Der Weg war lang und stei­nig – jetzt ist man am Ziel ange­kom­men. Nach lan­gen und inten­si­ven Ver­hand­lun­gen zwi­schen der ÖÄK und dem Haupt­ver­band der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger wird das neue flä­chen­de­ckende Brust­krebs-Früh­erken­nungs­pro­gramm mit Anfang 2013 star­ten. Erklär­tes Ziel ist es zum einen, die Brust­krebs-Sterb­lich­keit zu sen­ken und zum ande­ren, den Betrof­fe­nen durch die frühe Erken­nung ver­bes­serte Hei­lungs­chan­cen und eine scho­nen­dere The­ra­pie zu ermög­li­chen. Was ändert sich damit aber kon­kret für die Pati­en­tin­nen beim Ablauf eines Scree­nings, was für die Radiologen?

„Das oppor­tu­nis­ti­sche Scree­ning, bei dem die Frauen, die wol­len, zum Scree­ning gehen, wird in ein orga­ni­sier­tes, bevöl­ke­rungs-bezo­ge­nes Pro­gramm geän­dert, bei dem alle Frauen im defi­nier­ten Ziel­pu­bli­kum eine per­sön­li­che Ein­la­dung bekom­men“, erklärt Univ. Doz. Franz Früh­wald, Obmann der Bun­des­fach­gruppe Radio­lo­gie der ÖÄK. So wird jede Frau zwi­schen dem 45. und voll­ende­ten 70. Lebens­jahr künf­tig aktiv mit­tels Schrei­ben zur Früh­erken­nung ein­ge­la­den. Das Unter­su­chungs­in­ter­vall beträgt jeweils zwei Jahre. Außer­dem steht es Frauen ab dem 41. bezie­hungs­weise ab dem 71. bis zum voll­ende­ten 75. Lebens­jahr frei, über eine Tele­fon-Hot­line eine Ein­la­dung anzu­for­dern und so auch am Pro­gramm teil­zu­neh­men. Für den Fall, dass eine Frau keine Ein­la­dung zum Scree­ning mehr bekom­men möchte, kann sie dies auch über die Hot­line melden.

Das per­sön­li­che Ein­la­dungs­schrei­ben gilt als Zugangs­be­rech­ti­gung und ersetzt die bis­her übli­che Zuwei­sung zur Mam­mo­gra­phie. Da die­ses weder einen vor­ge­ge­be­nen Ter­min ent­hält noch auf einen bestimm­ten Leis­tungs­er­brin­ger beschränkt ist, kann jede Frau selbst bestim­men, wann und in wel­chem teil­neh­men­den Stand­ort sie das Scree­ning durch­füh­ren lässt.

Das Ein­la­dungs­ma­nage­ment erfolgt über die Sozi­al­ver­si­che­rung. Die Zen­trale Pati­en­ten­da­ten­ver­wal­tung lie­fert dazu in Inter­val­len bezie­hungs­weise bei Bedarf alle vor­han­de­nen Per­so­nen- und Adress­da­ten von ver­si­cher­ten Frauen der Ziel­gruppe. Da die Zen­trale Pati­en­ten­da­ten­ver­wal­tung jedoch nicht die Daten aller teil­neh­men­den Per­so­nen beinhal­tet, soll die Daten­er­mitt­lung anschlie­ßend auf das Zen­trale Mel­de­re­gis­ter aus­ge­dehnt wer­den, wie Früh­wald erklärt.

Für die Frauen bedeu­tet das neue Scree­ning-Pro­gramm eine ver­bes­serte Ver­sor­gung, für die Radio­lo­gen aller­dings auch einen enor­men zusätz­li­chen Auf­wand. „Die Arbeit steigt, die Tarife jedoch nicht“, so Früh­wald. Das resul­tiert unter ande­rem dar­aus, dass jede Mam­mo­gra­phie mit dem Start des neuen Pro­gramms dop­pelt zu befun­den ist. Dabei muss die Zweit­be­fun­dung durch einen unab­hän­gi­gen zwei­ten Radio­lo­gen erfol­gen, der das Ergeb­nis der Erst­be­fun­dung nicht kennt. Diver­gie­ren die Befund­er­geb­nisse, fin­det auf Initia­tive des Erst­be­fund­ers eine Kon­sen­sus­be­fun­dung statt. Bei dich­tem Brust­ge­webe (ACR3 und ACR4) oder suspek­tem Befund kann der Erst­be­fun­der im neuen Scree­ning-Pro­gramm sofort nach der Mam­mo­gra­phie eine Sono­gra­phie durch­füh­ren. Dies konnte ent­ge­gen dem ursprüng­li­chen Plan durch­ge­setzt wer­den, erst dann einen Ultra­schall vor­zu­neh­men, wenn die Frau einen posi­ti­ven Mam­mo­gra­phie-Befund erhal­ten hat. Früh­wald dazu: „Damit kann ein neu­er­li­cher Besuch der betrof­fe­nen Frau beim Radio­lo­gen mit allem damit ver­bun­de­nen Auf­wand ver­mie­den werden.“

Sollte der End­be­fund der Mam­mo­gra­phie BIRADS 3 erge­ben, erfolgt eine erneute Ein­la­dung zum Scree­ning nach sechs bezie­hungs­weise zwölf Mona­ten. Dabei ent­schei­det der Radio­loge auf Basis des jewei­li­gen End­be­fun­des, inner­halb wel­cher Zeit­spanne die Pati­en­tin ein­ge­la­den wird. Bei BIRADS 4 oder BIRADS 5 erfolgt eine Zuwei­sung zum MRT oder zur Biop­sie. Folgt aus die­ser ein mali­gner Befund, wird die Pati­en­tin an eine geeig­nete wei­ter­füh­rende Ein­heit über­wie­sen. Ist der Befund benigne, wird sie im vor­ge­se­he­nen Rhyth­mus (24 Monate bezie­hungs­weise sechs oder zwölf Monate) wie­der eingeladen.

Befund an Vertrauensarzt

Was die Befund­über­mitt­lung anbe­langt, hat sich die ÖÄK zuguns­ten der Pati­en­tin­nen durch­ge­setzt. Davon, den Frauen schrift­lich die Befunde zu über­mit­teln, ohne den Ver­trau­ens­arzt ein­zu­be­zie­hen – wie es der Haupt­ver­band vor­schlug – wur­den Abstand genom­men. Früh­wald: „Die Bun­des­fach­gruppe Radio­lo­gie hat hier stets nach­drück­lich gefor­dert, dass eine Kopie des Befun­des an einen Ver­trau­ens­arzt – im Regel­fall ent­we­der den Haus­arzt oder den Gynä­ko­lo­gen – über­mit­telt wird. Die­sen Ver­trau­ens­arzt hat die Frau in der Regel schon zuvor ange­ge­ben.“ Zwi­schen der Mam­mo­gra­phie und dem Ver­sand des Ergeb­nis­ses dür­fen nicht mehr als sie­ben Werk­tage ver­ge­hen. Der große Vor­teil für die Pati­en­tin: Sie ist mit einem etwai­gen ver­däch­ti­gen Befund nicht allein gelas­sen, kann Fra­gen und wei­tere Abklä­rungs­schritte mit ihrem Ver­trau­ens­arzt bespre­chen. Früh­wald dazu: „Es war uns hier ein Anlie­gen, die Ver­trau­ens­ärzte ein­zu­bin­den, weil sie den Kon­takt zur Pati­en­tin haben, was für einen Radio­lo­gen schwie­rig ist.“

Strenge Qua­li­täts­kri­te­rien

Nicht nur der Ablauf einer Unter­su­chung ändert sich mit dem neuen Pro­gramm, auch die Anfor­de­run­gen an befun­dende Radio­lo­gen stei­gen. Wer daran teil­neh­men möchte, muss strenge Vor­aus­set­zun­gen – sowohl was den Stand­ort als auch den Radio­lo­gen selbst anbe­langt – erfül­len. So dür­fen etwa für Unter­su­chun­gen aus­schließ­lich digi­tale Geräte, bei denen eine lau­fende tech­ni­sche Qua­li­täts­si­che­rung vor­ge­se­hen ist, zum Ein­satz kom­men. Die Qua­li­täts­si­che­rung rich­tet sich nach den Emp­feh­lun­gen der Euro­pean Gui­de­li­nes for Qua­lity Assurance in Bre­ast Can­cer Scree­ning and Dia­gno­sis. Zusätz­lich wer­den für das neue Pro­gramm Erwei­te­run­gen für die tech­ni­sche Qua­li­täts­si­che­rung (EUREF‑Ö Erwei­te­run­gen) defi­niert. „Die Ein­stel­lung, per­ma­nente War­tung und Jus­tie­rung die­ser Maschi­nen wer­den durch eine externe Qua­li­täts­si­che­rung über­prüft“, ergänzt Frühwald.

Will ein Radio­loge am Scree­ning-Pro­gramm teil­neh­men, muss er zunächst Wei­ter­bil­dungs­kurse sowie eine Fall­samm­lungs­prü­fung posi­tiv absol­vie­ren. Erst dann kann er das ÖÄK-Zer­ti­fi­kat Mam­ma­dia­gnos­tik erhal­ten, das als Vor­aus­set­zung für die Teil­nahme am Pro­gramm gilt. (siehe Kas­ten) Auch danach müs­sen regel­mä­ßige Fort­bil­dun­gen nach­ge­wie­sen wer­den. Außer­dem müs­sen auch alle nicht-ärzt­li­chen Mit­ar­bei­ter, die Mam­mo­gra­phien durch­füh­ren, regel­mä­ßig Wei­ter­bil­dun­gen absol­vie­ren. Dar­über hin­aus muss jeder teil­neh­mende Radio­loge jähr­lich min­des­tens 2.000 Mam­mo­gra­phie-Auf­nah­men befun­den. Erst- und Zweit­be­fun­dun­gen wer­den dabei gleich­wer­tig gezählt. „In einem zen­tra­len Regis­ter wird mit­pro­to­kol­liert, wie viele Mam­mo­gra­phien ein Radio­loge pro Jahr erst- oder zweit­be­gut­ach­tet hat. Nur wer mehr als 2.000 Befun­dun­gen vor­weist, bleibt berech­tigt, auch im nächs­ten Jahr am Pro­gramm teil­zu­neh­men“, so Früh­wald. Von der EU wären 5.000 durch­zu­füh­rende Befun­dun­gen vor­ge­se­hen; auf Öster­reich umge­legt, hät­ten in die­sem Fall aller­dings lan­des­weit nur noch 20 Zen­tren Unter­su­chun­gen durch­füh­ren kön­nen. Daher wurde die Min­dest­fre­quenz an öster­rei­chi­sche Ver­hält­nisse ange­passt, wodurch den Pati­en­tin­nen weite Wege zur Unter­su­chung und damit eine enorme Belas­tung erspart wer­den konnten.

So konnte nach lan­gen Ver­hand­lun­gen schließ­lich ein Ergeb­nis erzielt wer­den, von dem die Pati­en­tin­nen in Öster­reich pro­fi­tie­ren. „Ich glaube, dass die­ses Pro­gramm die Situa­tion in Öster­reich ein­deu­tig ver­bes­sert und dass wir dadurch keine qua­li­ta­ti­ven Rück­schritte haben wer­den“, zeigt sich Früh­wald erfreut über das nun vor­lie­gende Pro­jekt. Und auch mit Blick auf die Pro­gramme in ande­ren Län­dern ist er vom Erfolg des neuen öster­rei­chi­schen Scree­nings über­zeugt: „Ich bin sehr opti­mis­tisch, dass die­ses Pro­gramm in Europa und sogar im inter­na­tio­na­len Ver­gleich außer­or­dent­lich gut abschnei­den wird. Aus die­sem Set­ting her­aus wer­den wir Spit­zen­plätze einnehmen.“

Das Pro­gramm auf einen Blick

  • Alle Frauen ab dem 45. bis zum voll­ende­ten 70. Lebens­jahr wer­den aktiv zum Mam­mo­gra­phie-Scree­ning eingeladen.
  • Frauen zwi­schen 40 und 44 sowie 70 und 75 Jah­ren kön­nen durch Anfor­de­rung einer Ein­la­dung am Pro­gramm teilnehmen.
  • Das Ein­la­dungs­schrei­ben ersetzt die Zuweisung.
  • Das Unter­su­chungs­in­ter­vall beträgt 24 Monate.
  • Alle Mam­mo­gra­phien sind von zwei unab­hän­gi­gen Radio­lo­gen zu befunden.
  • Bei Dich­te­grad ACR3 und ACR4 sowie bei suspek­tem Befund kann sofort eine Sono­gra­phie durch­ge­führt werden.
  • Bei diver­gie­ren­dem Befund­er­geb­nis fin­det eine Kon­sen­sus­be­fun­dung statt.
  • Das ÖÄK-Zer­ti­fi­kat Mam­ma­dia­gnos­tik ist für den Radio­lo­gen Vor­aus­set­zung zur Programmteilnahme.
  • Jeder Radio­loge muss jähr­lich min­des­tens 2.000 Mam­mo­gra­phie-Auf­nah­men erst- oder zweitbefunden.
  • Alle Unter­su­chun­gen dür­fen aus­schließ­lich mit digi­ta­len Gerä­ten durch­ge­führt wer­den; lau­fende tech­ni­sche Qua­li­täts­si­che­rung und externe gut­ach­ter­li­che Prüfung.
  • Die Befunde wer­den sowohl an die Frauen als auch an einen fest­ge­leg­ten Ver­trau­ens­arzt übermittelt.
  • Von der Durch­füh­rung der Mam­mo­gra­phie bis zum Ver­sand des Befun­des dür­fen nicht mehr als sie­ben Werk­tage liegen.
  • Das Befund­er­geb­nis und die Befun­dungs­schritte wer­den elek­tro­nisch erfasst.
  • Aus den Daten wird ein umfas­sen­des Brust­krebs­re­gis­ter für Öster­reich erstellt.

Kurs-Ter­mine Herbst 2012

Der Besuch eines mul­ti­dis­zi­pli­nä­ren Kur­ses und eines Befun­der-Kur­ses ist künf­tig für alle Radio­lo­gen ver­pflich­tend, um am Brust­krebs-Früh­erken­nungs­pro­gramm teil­zu­neh­men und das ÖÄK-Zer­ti­fi­kat „Mam­ma­dia­gnos­tik“ zu erwer­ben, wie der Bun­des­fach­grup­pen-Obmann, Univ. Doz. Franz Früh­wald, aus­drück­lich betont.

Die Ter­mine für die Kurse im Herbst 2012 (jeweils im Aus­tria Trend-Event-Hotel Vösen­dorf) ste­hen bereits fest – eine Anmel­dung ist der­zeit aber noch nicht mög­lich; sobald der Ablauf fest­steht, wird über Anmel­de­mo­da­li­tä­ten und Pro­gramm geson­dert infor­miert.

Mul­ti­dis­zi­pli­näre Kurse (für Ärzte, MTF und RT):

Ter­min 1: 19. Okto­ber 2012
Ter­min 2: 14. Dezem­ber 2012

Befun­der-Kurse (für Radio­lo­gen):

Ter­min 1: 20. bis 21. Okto­ber 2012
Ter­min 2: 15. bis 16. Dezem­ber 2012

Wei­tere Infor­ma­tio­nen gibt es unter www.bura.at

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 17 /​10.09.2012