Wie­der­ein­stieg ins Berufs­le­ben: Wenn Spi­tals­ärzte Baby­pause machen…

10.10.2012 | Poli­tik


Wenn Spi­tals­ärzte Baby­pause machen…

Netz­werk­tref­fen für karen­zierte Ärz­tin­nen und Ärzte oder spe­zi­elle beglei­tende, jedoch frei­wil­lige Men­­to­­ring-Pro­­­gramme – das sind nur einige Bei­spiele von öster­rei­chi­schen Kran­ken­häu­sern, die ver­su­chen, ihren Mit­ar­bei­tern nach der Karenz den Wie­der­ein­stieg zu erleich­tern.
Von Ruth Mayrhofer

Die Situa­tion in unse­rem Nach­bar­land Deutsch­land spricht Bände*: Etwa 100.000 Ärz­tin­nen und Ärzte sind – wie eine Unter­su­chung der deut­schen Bun­des­ärz­te­kam­mer aus dem Jahr 2010 belegt – nicht ärzt­lich tätig. Zwar war der über­wie­gende Teil von ihnen – fast 70.000 – im Unter­su­chungs­zeit­raum zuge­ge­be­ner­ma­ßen im Ruhe­stand. Nahezu 6.000 befan­den sich in Eltern­zeit. 1.000 Ärz­tin­nen und 1.500 Ärzte arbei­te­ten in ande­ren Berufs­fel­dern. Fakt ist jedoch, dass immer­hin fast 4.700 weib­li­che Ärzte „Haus­halt“ als Grund dafür anga­ben, nicht ärzt­lich tätig zu sein. Das Poten­tial die­ser Fach­kräfte, das in Zei­ten des Ärz­te­man­gels drin­gend gebraucht wird, bleibt also unge­nutzt. Denn die Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf war für diese Per­so­nen nicht gegeben.

Mut­­ter- oder Vater­glück sind natür­lich auch für öster­rei­chi­sche Ärz­tin­nen und Ärzte kein unbe­kann­tes „Phä­no­men“. Somit machen die Begriffe Karenz­ur­laub, Papa-Monat oder Eltern-Teil­­zeit auch vor Spi­tä­lern nicht halt. So sehr die Betrof­fe­nen auch mit ihren Spröss­lin­gen die so gewon­nene Zeit genie­ßen wol­len und sol­len, gilt es doch, sich für einen Wie­der­ein­stieg ins Berufs­le­ben vor­zu­be­rei­ten. Das fällt oft nicht leicht, for­dern doch die Junio­ren und die gesamte Fami­lie ihr Recht. Harte Zah­len dazu – auch das muss gesagt sein – wie viele Men­schen den Arzt­be­ruf zuguns­ten der Fami­lie auf­ge­ben (muss­ten), oder selbst wie viele der­zeit auf­grund von Mut­­ter- oder Vater­schaft von ihren Dienst­ge­bern karen­ziert sind, gibt es für Öster­reich aber nicht. Der Trend, dass männ­li­che Ärzte sich zuneh­mend ganz bewusst – wenn viel­fach noch zöger­lich – eine Zeit lang nur für ihre Fami­lie da sein wol­len, scheint jedoch gegeben.

Vor­aus­schau­end planen

Für Ärzte in Kran­ken­häu­sern gibt es jedoch dafür durch­aus unter­stüt­zende Instru­mente, die eine Rück­kehr an den Arbeits­platz erleich­tern sol­len. „Stu­dien bele­gen, dass Fami­lie einen hohen Stel­len­wert hat und infolge des­sen wird von Betrie­ben erwar­tet, Mög­lich­kei­ten zur Ver­ein­bar­keit die­ser Lebens­be­rei­che anzu­bie­ten. Und das ist kein Frau­en­thema. Immer mehr Män­ner wol­len sich nicht aus­schließ­lich durch ihre Erwerbs­ar­beit defi­nie­ren und die Fami­li­en­ar­beit Frauen über­las­sen, wie zahl­rei­che Stu­dien bele­gen (…). Neue Arbeits­for­men und eine Neu­ge­wich­tung bei den Fami­li­en­for­men erfor­dern auch neue Modelle bezüg­lich der Work-Life-Balance, was lei­der noch sehr oft als pri­va­tes Pro­blem jen­seits des Unter­neh­mens ver­or­tet wird. Viel­mehr wird eine Per­so­nal­po­li­tik gefor­dert, bei der die Tren­nung zwi­schen Berufs- und Fami­li­en­welt über­wun­den wird“, heißt es dazu im Vor­wort der Bro­schüre „Eltern wer­den“ der Stab­stelle Gen­der Main­strea­ming für die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien (MUW).

Für Univ. Prof. Karin Gutié­r­­rez-Lobos, Vize­rek­to­rin für Lehre, Per­so­nal­ent­wick­lung, Gen­der & Diver­sity der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, die für die Erstel­lung die­ser Bro­schüre ver­ant­wort­lich zeich­net, beginnt eine „gelun­gene“ Karenz bereits vor deren Antritt: „Je bes­ser man sich schon im Vor­feld auf diese Aus­zeit vor­be­rei­tet, umso leich­ter wer­den auch das Karenz-Mana­ge­­ment und der (gut geplante, Anm.) Wie­der­ein­stieg fal­len“, zeigt sie sich überzeugt.

Indi­vi­du­elle Lösun­gen bevorzugt

Immer mehr Kran­ken­häu­ser bezie­hungs­weise deren Trä­ger­ge­sell­schaf­ten schlie­ßen sich die­ser Mei­nung an. Denn auch für sie sind Wie­der­ein­stei­ger wert­volle Arbeits­kräfte, die es in Zei­ten wie die­sen zu erhal­ten gilt. Daher set­zen die meis­ten von ihnen auf gut struk­tu­rierte Ange­bote – wobei die fol­gen­den Bei­spiele kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit erheben.

Bei der Tiro­ler TILAK etwa bie­tet man dazu bei­spiels­weise beglei­tende, jedoch frei­wil­lige Men­­to­­ring-Pro­­­gramme nach der Rück­kehr ihrer Mit­ar­bei­ter an. Peter Meyer, Per­­so­­nal-Abtei­­lungs­­­lei­­ter der TILAK: „Die meis­ten Mit­ar­bei­ter schauen dar­auf, dass sie auch wäh­rend der Karen­zie­rung Kon­takt zur Kli­nik hal­ten. So gewähr­leis­ten wir ihnen zum Bei­spiel auch Zugang zu den Biblio­the­ken, denn Ärzte sind es ja gewohnt, sich fach­lich auf dem letz­ten Stand zu hal­ten, ja haben viel­fach gera­dezu Angst davor, fach­lich abzu­fal­len.“ In Ein­zel­fäl­len wür­den sich Ärzte wäh­rend der Karenz­zeit habi­li­tie­ren. „Das sind abso­lute Aus­nah­men“, schmun­zelt Meyer – selbst Vater von zwei Kin­dern – „denn schließ­lich ist es nicht wirk­lich ein­fach, so ganz ohne Schlaf zu leben.“

Beim Wie­ner Kran­ken­an­stal­ten­ver­bund, des­sen Karen­zie­rungs­zei­ten Pres­se­spre­che­rin Monika Sper­ber mit „maximal zwei Jah­ren“ angibt, wer­den zen­tral keine Kurse für Wie­der­ein­stei­ger ange­bo­ten, weil „dies zu fach­spe­zi­fisch“ sei. Alle Jung­ärzte sind jedoch herz­lich ein­ge­la­den, an jeg­li­chen Wei­ter­bil­dun­gen auch wäh­rend der Karenz­zeit teil­zu­neh­men. Aller­dings wer­den vor dem Wie­der­ein­stieg Gesprä­che mit den jewei­li­gen Vor­ge­setz­ten emp­foh­len, anhand derer an einer Plan-Erstel­­lung für den Wie­der­ein­stieg indi­vi­du­ell gebas­telt wer­den kann. Im Wie­ner Kai­ser Franz Josef-Spi­­tal läuft der­zeit ein Pilot­pro­jekt in Sachen „Teil­­zeit-Tur­­nus“. Dabei wird den teil­neh­men­den Ärz­ten das Ange­bot unter­brei­tet, bei 20 Wochen­stun­den inklu­sive zwei Nacht­diens­ten pro Woche den Tur­nus zu absol­vie­ren, wenn er dadurch auch die dop­pelte Zeit bean­sprucht. „Der­zeit haben zwei Ärz­tin­nen diese Vari­ante in Anspruch genom­men“, erklärt Monika Sper­ber. Des Wei­te­ren ste­hen in jedem KAV-Kran­­ken­haus tags­über Kin­­der-Betreu­ungs­­ein­­rich­­tun­­­gen zur Ver­fü­gung. Im Wie­ner Wil­hel­mi­nen­spi­tal wird seit etli­chen Jah­ren Kin­der­be­treu­ung auch wäh­rend der Zeit, in denen Mama oder Papa Nacht­dienst haben, angeboten.

Bei der ober­ös­ter­rei­chi­schen Ges­pag gibt es nach Aus­kunft von Pres­se­spre­che­rin Jutta Ober­we­ger „kein gene­rel­les und fest­ge­leg­tes Pro­ce­dere“. Grund dafür ist, dass je nach Aus­bil­dungs­dauer und Länge der Abwe­sen­heit ein spe­zi­el­les Wie­der­ein­stiegs­pro­gramm zu ver­ein­ba­ren ist, um die not­wen­di­gen Fer­tig­kei­ten zur Berufs­aus­übung wie­der zu erlan­gen. Die­ses Pro­gramm ist zwi­schen Abtei­lungs­lei­ter und Mit­ar­bei­ter indi­vi­du­ell fest­zu­le­gen. Ober­we­ger: „Aus­ge­bil­dete Fach­ärz­tin­nen und Fach­ärzte fin­den erfah­rungs­ge­mäß schnel­ler wie­der einen Ein­stieg als Ärzte, die schon wäh­rend der Aus­bil­dung zum Fach­arzt in Karenz gehen.“ Und: „Es gibt auch deut­li­che Unter­schiede zwi­schen den ein­zel­nen Fächern. Wäh­rend zum Bei­spiel im Fach Innere Medi­zin rela­tiv schnell ein Wie­der­ein­stieg mög­lich ist, ist das in den Fächern Chir­ur­gie, Unfall­chir­ur­gie, Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hilfe oder auch Anäs­the­sie anders gela­gert. Je nach Aus­bil­dungs­stand kann der Wie­der­ein­stieg von ein bis drei bis hin zu sechs Mona­ten dauern.“

Auf Kon­takt wäh­rend der Karenz­zeit setzt auch die Vin­­zenz-Gruppe, der der­zeit sie­ben Ordens­spi­tä­ler ange­hö­ren. Bea­trix Gra­schopf, Lei­te­rin des Per­so­nal­ma­nage­ments: „Unsere Häu­ser orga­ni­sie­ren regel­mä­ßige Netz­werk­tref­fen für karen­zierte Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter. Sie wer­den wei­ter­hin zu Fir­men­fei­ern ein­ge­la­den und man bie­tet Unter­stüt­zung bei der Kin­der­be­treu­ung. So bie­tet etwa das Wie­ner Kran­ken­haus der Barm­her­zi­gen Schwes­tern Eltern in Karenz das so genannte ‚Tref­fen der Karen­zier­ten‘, mit des­sen Hilfe Eltern wäh­rend der Karenz mit ihren Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in Ver­bin­dung blei­ben kön­nen.“ Grund­sätz­lich arbei­tet die Vin­zenz Gruppe lau­fend daran, bei der Arbeits­zeit­ge­stal­tung größt­mög­li­che Fle­xi­bi­li­tät zu bieten.

„Fly­ing Nan­nies“ für den Notfall

An der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien lau­fen so genannte „Karenz­grup­pen“, die Müt­tern und Vätern glei­cher­ma­ßen offen ste­hen, der­zeit gut an, freut sich Karin Gutié­r­­rez-Lobos. Auch eigens geschaf­fene Teil­­zeit-Modelle und Ange­bote in Sachen Lehre oder Mit­ar­beit bei For­schungs­pro­jek­ten erfreuen sich schon wäh­rend der Baby-bedin­g­­ten Aus­zeit gro­ßer Beliebt­heit. Für jene, die nach einer Baby-Karenz wie­der arbei­ten, ste­hen sogar – für fami­liäre Not­fälle – „Fly­ing Nan­nies“ zur Ver­fü­gung. Und: Ein eige­ner Kin­der­gar­ten ist zur­zeit im Planungsstadium.

*) Siehe: Dt. Ärz­te­blatt, Jg. 109, Heft 18, 4.5.2012

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 19 /​10.10.2012