Rese­arch che­mi­cals: Auf dem Vormarsch

Januar 2012 | Medi­zin

Die Par­ty­droge Ecstasy wird in den letz­ten Jah­ren immer mehr von neuen syn­the­ti­schen Desi­gner­dro­gen ver­drängt. Über die genaue Wir­kung und die Neben­wir­kun­gen die­ser „rese­arch che­mi­cals“ ist aller­dings noch wenig bekannt, was ihren Kon­sum sehr ris­kant und gefähr­lich macht.
Von Corina Pet­scha­cher

Psy­cho­ak­tiv wirk­same Sub­stan­zen wer­den seit jeher als Dro­gen miss­braucht. Unter dem Begriff ‚Syn­the­ti­sche Dro­gen‘ wer­den all die­je­ni­gen zusam­men­ge­fasst, deren Ursprung nicht in einer natür­lich vor­kom­men­den Sub­stanz liegt, son­dern im Labor expe­ri­men­tell erzeugt wer­den. Die meis­ten die­ser auch als „Desi­gner Dro­gen“ bekann­ten Sub­stan­zen gehö­ren zur Gruppe der ß‑Phenylalkylamine. So auch das bis in die 1970er Jahre noch als Appe­tit­züg­ler ein­ge­setzte Amphet­amin und Metham­phet­amin, bis die beob­ach­tete Sucht­bil­dung und gefähr­li­che Neben­wir­kun­gen dazu führ­ten, dass sie vom Markt genom­men wur­den und sie seit­her unter dem Namen „Speed“ als ille­gale Rausch­mit­tel im Umlauf sind. Auch das Amphet­amin­de­ri­vat 3,4‑Methylendioxymethamphetamin – kurz MDMA – nahm sei­nen Ursprung in der Welt des „Drug-Designs“ und wurde Ende der 1980er/​Anfang der 1990er Jahre in Europa zur Mode­droge.

Die Droge der 1990er: Ecstasy

Unter dem Begriff „Ecstasy“ wur­den zunächst Tablet­ten, die meist rei­nes MDMA ent­hiel­ten, spä­ter aber auch sol­che, die wei­tere che­misch ver­wandte Sub­stan­zen beinhal­te­ten, zusam­men­ge­fasst. Diese gezielt für den Dro­gen­kon­sum syn­the­ti­sierte Droge brei­tete sich Ende der 1980er Jahre trotz Ver­bots durch die inter­na­tio­na­len Dro­gen­ge­setze rasch aus den USA kom­mend über Groß­bri­tan­nien auf ganz Europa aus und fand vor allem in der soge­nann­ten „Techno-Musi­k­­szene“ guten Anklang. Im Gehirn wirkt MDMA, indem es die Sero­to­nin­aus­schüt­tung erhöht und des­sen Wie­der­auf­nahme in die Ner­ven­endi­gun­gen hemmt. Neben einer akti­vie­ren­den, Antriebs-stei­­gern­­den Kom­po­nente wirkt Ecstasy auch ent­akto­gen, Gefühle wer­den inten­si­ver wahr­ge­nom­men. Aber auch Kör­per­tem­pe­ra­tur, Herz­fre­quenz und Blut­druck stei­gen an, Durst und Hun­ger­ge­fühle wer­den unter­drückt. Es besteht die akute Gefahr einer Hyper­ther­mie und Dehy­dra­ta­tion, die bis zum mul­ti­plen Organ­ver­sa­gen füh­ren kön­nen. Durch den Kon­sum von Ecstasy ent­steht keine kör­per­li­che Abhän­gig­keit. Die in den Tagen nach der Dro­gen­ein­nahme ent­ste­hen­den psy­chi­schen Sym­ptome wie mas­sive Abge­schla­gen­heit, Depres­sion und Angst­zu­stände, die als Reak­tion des Kör­pers auf die plötz­li­che Ent­lee­rung der Sero­­to­­nin-Spei­­cher ent­ste­hen, kön­nen jedoch lang­fris­tig dazu füh­ren, dass sich eine psy­chi­sche Abhän­gig­keit ein­stellt, um wei­ter­hin das Glücks­ge­fühl des Dro­gen­rau­sches zu erle­ben. Über die gesund­heit­li­chen Fol­gen von län­ge­rem oder häu­fi­ge­rem Ecstasy-Kon­­sum lie­gen noch keine ein­heit­li­chen For­schungs­er­geb­nisse vor. Kogni­tive Defi­zite im Sinn von Gedächt­nis­stö­run­gen sowie das Auf­tre­ten von Depres­sio­nen und Panik­at­ta­cken sind zu beobachten.

Häu­fig wer­den jedoch auch andere Sub­stan­zen als ver­meint­li­che Ecstasy-Table­t­­ten in Umlauf gebracht, was schwer­wie­gende Kon­se­quen­zen für die Kon­su­men­ten zur Folge haben kann. Univ. Prof. Rai­ner Schmid vom Kli­ni­schen Insti­tut für Labor­me­di­zin am AKH Wien warnt vor Sub­stan­zen, die als „fal­sches Ecstasy“ auf dem Markt sind: Vor allem Amphet­amin­de­ri­vate, wie das immer wie­der beob­ach­tete Para­me­th­oxyam­phet­amin (PMA), des­sen Pro­duk­tion ein­fa­cher und bil­li­ger sei, als die der eigent­li­chen Ecstasy-Table­t­­ten, werde oft als sol­ches ver­kauft, da seine berau­schende Wir­kung der der Ori­gi­nal­sub­stanz ähn­lich sei. Die Toxi­zi­tät sei aller­dings um ein Viel­fa­ches höher als die der ver­meint­lich ein­ge­nom­me­nen Ecstasy-Table­t­­ten. Dehy­dra­ta­tion und Hyper­ther­mie ent­wi­ckeln sich sehr viel stär­ker. Da der erwar­tete Wirk­ein­tritt auf­grund eines lang­sa­me­ren Anflu­tens spä­ter erfolgt, wer­den häu­fig wei­tere Pil­len ein­ge­nom­men, um die gewünschte berau­schende Wir­kung her­bei zu füh­ren. Sehr viel häu­fi­ger kommt es dabei zu Übel­keit und Erbre­chen sowie zu mas­si­ven Kreis­lauf­pro­ble­men, die bis zur Bewusst­lo­sig­keit und sogar zum Koma füh­ren kön­nen. Wäh­rend Todes­fälle durch das Amphet­amin­de­ri­vat MDMA heute rela­tiv sel­ten sind, führt die Sub­stanz PMA immer wie­der zum Tod der Kon­su­men­ten.

Trend Rich­tung „Rese­arch che­mi­cals“

Bedeu­tend gefähr­li­cher als die Ein­nahme von rei­nen Ecstasy-Table­t­­ten scheint der Kon­sum von neuen, erst vor kur­zer Zeit ent­wi­ckel­ten Sub­stan­zen zu sein. Damit sind soge­nannte „Rese­arch Che­mi­cals“ gemeint; che­mi­sche Ver­bin­dun­gen, über deren psy­cho­ak­tive Wir­kung und Toxi­ko­lo­gie bis­lang noch wenig bekannt ist und die kaum erforscht sind. Diese Sub­stan­zen wer­den als lega­ler Ersatz für bereits ver­bo­tene Stoffe ange­bo­ten, da sie sowohl in ihrer Wir­kung als auch in ihrer Struk­tur den Ursprungs­dro­gen – meist Amphet­ami­nen – sehr ähn­lich sind. Die Mole­kül­struk­tur von bereits bekann­ten und vor­han­de­nen psy­cho­ak­tiv wirk­sa­men Sub­stan­zen wird nur leicht ver­än­dert und so eine kom­plett neue Droge erschaf­fen, deren berau­schende Wir­kung dabei fast unver­än­dert bleibt. Vor einer Flut neuer Desi­gner­dro­gen, die kaum mehr über­schau­bar und kon­trol­lier­bar sei, warnte auch der Dro­­gen-Kon­­trol­l­­rat der Ver­ein­ten Natio­nen (INCB). Immer grö­ßer und viel­fäl­ti­ger werde das Ange­bot bis­lang noch lega­ler psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen, die in Form von ‚Blu­men­dün­ger‘, ‚Bade­salz‘ oder ‚Räu­cher­mi­schun­gen‘ über das Inter­net erhält­lich seien.

Mephe­dron am wei­tes­ten verbreitet

Eines der gän­gigs­ten „Rese­arch Che­mi­cals“, die momen­tan auf dem Dro­gen­markt im Umlauf sind, ist 4‑Methylmethcathinon (4‑MMC), bes­ser bekannt unter dem Namen Mephe­dron. Die circa seit dem Jahr 2008 ver­trie­bene Sub­stanz sellt in ihrer Wir­kung ein Hybrid aus Ecstasy und Kat­i­non dar und wurde aus dem eng­lisch­spra­chi­gen Raum kom­mend als „Pflan­zen­dün­ger“ oder „Bade­salz“ lange Zeit vor allem über das Inter­net legal ver­trie­ben. In Öster­reich gilt Mephe­dron seit August 2010 als ver­bo­ten. Die als „Meph“, „Meow“ oder auch „Magic“ bekannte Droge stellt eine psy­cho­ak­tiv wirk­same Sub­stanz, die wie eine Mischung aus MDMA und Kokain wirkt, dar. Sie wird sowohl oral als auch nasal ein­ge­nom­men. Neben der Antriebs-stei­­gern­­den, eupho­ri­sie­ren­den und ent­aktoge­nen Wir­kung tritt aller­dings schon nach einer rela­tiv kur­zen berau­schen­den Wir­kung nach rund ein bis zwei Stun­den wie­der das Ver­lan­gen auf, die Sub­stanz ein wei­te­res Mal ein­zu­neh­men, was als soge­nann­tes „Cra­ving“ bezeich­net wird. Hier liegt auch das große Abhän­gig­keits­po­ten­tial von Mephe­dron. Da für die gewünschte berau­schende Wir­kung viel höhere Dosen not­wen­dig sind als dies bei­spiels­weise beim Kon­sum von Ecstasy der Fall ist, sind auch die toxi­schen Neben­wir­kun­gen um ein Viel­fa­ches höher. Herz­ra­sen, mas­si­ver Blut­druck­an­stieg, erwei­terte Pupil­len sowie eine ver­än­derte Wahr­neh­mung zäh­len zu den aku­ten Fol­gen des Dro­gen­kon­sums. Schlaf­lo­sig­keit und unklare Erin­ne­run­gen an die Zeit der Dro­gen­ein­wir­kung kön­nen in der dar­auf­fol­gen­den Zeit auf­tre­ten. Immer wie­der wird nach Ein­nahme von Mephe­dron auch von Todes­fäl­len berich­tet. Da die Sub­stanz erst kurze Zeit im Umlauf ist, lie­gen noch keine Ergeb­nisse über deren Lang­zeit­fol­gen vor.

Pipe­ra­zin­de­ri­vate und Pyro­va­le­rone

Auch ver­schie­dene Deri­vate der Sub­stan­zen Ben­zyl­pipe­ra­zin und Phe­nyl­pipe­ra­zin erfreuen sich in der Welt der neu design­ten Dro­gen einer rela­tiv gro­ßen Ver­brei­tung. Diese ursprüng­lich aus der Vete­ri­när­me­di­zin stam­men­den Anti­wurm­mit­tel haben ein ähn­li­ches Wirk­spek­trum wie Ecstasy und stel­len momen­tan noch eine legale Alter­na­tive dazu dar. Aktu­ell wer­den Ben­zyl­pipe­ra­zine auf­grund ihrer Amphe­t­a­min-ähn­­li­chen, sti­mu­lie­ren­den Wir­kung haupt­säch­lich als Par­ty­dro­gen kon­su­miert. Aller­dings kommt es unter Ein­nahme von Pipe­ra­­zin-Deri­­va­­ten häu­fig zu gastro­in­tes­ti­na­len Neben­wir­kun­gen wie Übel­keit und Erbre­chen sowie zu mas­siv erhöh­tem Blut­druck. Immer wie­der kommt es auch zum Miss­brauch des noch in den 1960er Jah­ren gegen chro­ni­sche Müdig­keit und Adi­po­si­tas ange­wand­ten Psy­cho­sti­mu­lans Pyro­va­le­ron als Antriebs-stei­­gernde Droge. Über die genaue Wir­kung und Neben­wir­kun­gen sowie Lang­zeit­fol­gen ist wie bei den meis­ten „Rese­arch Che­mi­cals“ noch nichts genaues bekannt.

Prä­ven­tion: ChEck iT!

Schmid, der neben sei­ner Tätig­keit am AKH auch wis­sen­schaft­li­cher Lei­ter des Prä­­ven­­ti­ons-Pro­­­jekts ChEck iT! ist, das sich mit der Infor­ma­tion über auf dem Markt befind­li­che Dro­gen und deren Tes­tung beschäf­tigt, sieht die ein­zig wirk­li­che Mög­lich­keit mit dem Boom der neuen Desi­gner­dro­gen umzu­ge­hen, in aus­führ­li­cher Infor­­ma­­ti­ons- und Prä­ven­ti­ons­ar­beit. Schmid wei­ter: „Meist wird es nicht mög­lich sein, die häu­fig jugend­li­chen Kon­su­men­ten daran zu hin­dern, diese neuen Sub­stan­zen aus­zu­pro­bie­ren und ein­zu­neh­men. Man muss des­halb das Augen­merk dar­auf rich­ten, sie über die mög­li­chen Gefah­ren best­mög­lich zu infor­mie­ren und ihnen bewusst machen, auf wel­ches Risiko sie sich dabei ein­las­sen.“ Immer wie­der komme es auch vor, dass Betrof­fene aus der Annahme und Angst her­aus, sie könn­ten straf­recht­lich ver­folgt wer­den, bei auf­tre­ten­den Neben­wir­kun­gen nicht den Arzt auf­su­chen. „Dies ist beson­ders gefähr­lich, da unter Umstän­den sogar Todes­ge­fahr bestehen kann, da die Kon­su­men­ten selbst nicht genau wis­sen, was sie ein­ge­nom­men haben“, erläu­tert Schmid. Nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten, die mit Pati­en­ten in Kon­takt ste­hen, bei denen der Ver­dacht auf die Ein­nahme von Desi­gner­dro­gen besteht, rät der Experte: „Warn­zei­chen, die auf einen Dro­gen­miss­brauch hin­deu­ten, kön­nen beson­ders bei Jugend­li­chen plötz­lich auf­tre­tende Panik-Atta­­cken und Depres­sio­nen sein. Hier soll­ten die Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten hin­ter­fragt und auch die Eltern der Jugend­li­chen mit ein­be­zo­gen wer­den.“ Gemein­sam las­sen sich Bera­tungs­ge­sprä­che füh­ren und Lösungs­an­sätze suchen. Die Pati­en­ten sol­len mög­lichst genau infor­miert und auf die gesund­heit­li­chen Kon­se­quen­zen des Sub­stanz­miss­brauchs hin­ge­wie­sen wer­den. Zeigt der Betrof­fene Anzei­chen wie Übel­keit, Erbre­chen, Herz­ra­sen und andere kar­dio­vasku­läre Pro­bleme, könn­ten diese auch auf eine akute, durch die Ein­nahme von Desi­gner­dro­gen ver­ur­sachte Ver­gif­tung hin­wei­sen. Hier steht in ers­ter Linie die sym­pto­ma­ti­sche The­ra­pie bei der Behand­lung im Vor­der­grund, da oft selbst den Kon­su­men­ten nicht klar sei, wel­che Sub­stanz ein­ge­nom­men wurde und somit nicht gezielt dage­gen vor­ge­gan­gen wer­den könne.

Tipp:
www.checkyourdrugs.at

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 1–2 /​25.01.2012